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Debatten

Kehraus der großen Konzepte

Credit: © ivan kmit/Fotolia.com

Künstliche Intelligenz, Ursache und Wirkung, Unendlichkeit – darf man so etwas in Frage stellen? Mit guten Argumenten: unbedingt. Das jedenfalls meinen die klugen Köpfe im virtuellen Wissenschaftssalon www.edge.org. Der Ertrag ihres intellektuellen Großreinemachens ist nun zu besichtigen

Mehr als 15 Jahre schon betreibt der New Yorker Literaturagent John Brockman einen als Internetseite getarnten literarischen Salon. Auf www.edge.org (und manchmal auch real) treffen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen, ferner Künstler, Unternehmer und Schriftsteller. Gastgeber Brockmann verfolgt dabei das Ziel einer von ihm selbst proklamierten „dritten Kultur“, in der „Wissenschaftler und sonstige empirisch orientierte Denker, die mit ihrer Forschungsarbeit und ihren begleitenden Schriften die Rolle der traditionellen Intellektuellen übernehmen, den tieferen Sinn unseres Lebens sichtbar machen und neu definieren, wer und was wir sind.“

Ein Schwerpunkt der edge-Aktivitäten ist die stets pointiert-grundsätzliche Jahresfrage. Diesmaliger Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die allgemeine Beschleunigung des Lebens auch den Umsatz wissenschaftlicher Ideen und Konzepte in die Höhe schießen lässt. Welche der angestammten Ideen, fragte Brockman ins weite edge-Rund, sollte man in den Ruhestand versetzen, um den Weg für neue freizumachen? („What scientific idea is ready for retirement?“) 177 Experten haben sich an eine Antwort gewagt. Ihre – immer anregenden, oft genug aufregenden, auch für den interessierten Laien gut lesbaren – Texte sind seit Mitte Januar online zugänglich; eine Buchveröffentlichung ist geplant.

Wissenschaftliche Tatsachen im Sperrfeuer der Empirie

Fesselnd macht die Lektüre der edge-Essays weniger die Präsenz bekannter Namen wie der von Physiknobelpreisträger Frank Wilczek, des streitbaren Religionskritikers Richard Dawkins oder des Bestseller-Linguisten Steven Pinker. Ins Auge sticht vor allem die Verbindung von Scharfsinn und Unbekümmertheit, mit der Ideen, die nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das individuelle Erleben prägen, auf den Prüfstand gestellt werden. Eine solche vielleicht typisch angelsächsische Form der Mythologiekritik unternehmen zum Beispiel der Quantenphysiker Seth Lloyd, der die Idee des Universums in Frage stellt (als „jenes Medium für Zeit und Raum, in dem alles, was ist, enthalten ist“), Yale-Computerwissenschaftler David Gelernter, der die volkstümliche Analogie von Rechner und Gehirn in die Tonne klopft („falsch und unser Verständnis des menschlichen Geistes behindernd“) oder Emotionsforscherin June Gruber, die darlegt, warum es keineswegs erstrebenswert ist, möglichst oft „happy“ zu sein („Der gesellschaftliche Wert und die subjektive Wertigkeit einer Gefühlslage müssen nicht übereinstimmen“).

Erfrischend bilderstürmerisch mutet es auch an, wenn der Kosmologe Max Tegmark fragt, was denn eigentlich Unendlichkeit sein soll (nämlich nicht mehr als „eine unüberprüfte Hypothese“), wenn IT-Pionier W. Daniel Hillis dafür plädiert, das Ursache-Wirkung-Schema als eine Beschreibung der objektiven Welt zu verabschieden („nur ein Konstrukt, um uns die Welt verständlich zu machen“), wenn der Ideenhistoriker Steve Fuller die Gleichung Homo sapiens = Mensch durchstreicht (und stattdessen für eine „Einwanderungspolitik der offenen Tür zur Menschbürgerschaft“ plädiert) oder wenn MIT-Psychologin Sherry Turkle uns den Glauben daran nimmt, jemals Roboterfreunde zu finden („Der Traum vom artifiziellen Vertrauten oder gar von einem maschinellen Liebespartner vermischt Kategorien, die besser geschieden blieben“).

Zugleich versammelt die edge-Debatte – erfreulicherweise – auch die Stimmen ihrer eigenen Kritiker. Für diese freilich kleine Gruppe spricht der britische Romancier Ian McEwan; er warnt vor Arroganz und gibt mit alteuropäischer Besonnenheit zu bedenken, dass auch Ideen, die die Wissenschaftsgeschichte überholt hat, durchaus noch einmal gebraucht werden könnten: „Wir schicken Shakespeare nicht in Rente – warum sollten wir es mit Bacon tun?“ Wie auch immer, Lust zum Weiter- und Dagegendenken macht John Brockmans Salon allemal. Schon haben diverse Wissenschaftsblogs die edge-Frage auch in ihre Foren geholt.

Edge-WebsiteWelche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? (Frankfurter Allgemeine Zeitung)Over the Side With Old Scientific Tenets (New York Times)What scientific idea is ready for retirement? (Guardian)Scientific Ideas for the Garbage Dump (Plos Blogs)

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