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Antibiotika

Hilfe im Kampf gegen Keime

Bild: HZI/ Thomas Steuer

Rund 15.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an Infektionskrankheiten, Tendenz steigend. Schuld daran sind vor allem multiresistente Keime - und die Tatsache, dass die Entwicklung neuer Antibiotika hinterherhinkt. Die G7-Gesundheitsminister wollen das Problem nun von verschiedenen Seiten angehen.

Das Gleichgewicht droht zu kippen, aber, und das ist das große Problem am Horizont, nicht zugunsten des Menschen, sondern zu seinen Ungunsten. Jahrzehntelang war es immer der gleiche Kampf, bei dem es lediglich vorübergehende Gewinner und Verlierer gab: Bestimmte Bakterien infizieren Menschen, diese nehmen neu entwickelte Antibiotika, die alle Bakterien vernichten bis auf diejenigen wenigen Varianten, die resistent sind gegen die Medikamente. Diese Varianten vermehren sich, breiten sich aus und infizieren erneut Menschen, die sie dann wieder mit einem neu entwickelten Antibiotikum bekämpfen. Ein Kreislauf, den es seit der Ausbreitung der Antibiotika Mitte des 20. Jahrhunderts gibt - und der in jüngster Zeit ins Stocken geraten ist.

"Die Bakterien verändern ihr Erbgut nach wie vor, aber es kommen immer weniger Antibiotika nach, um infizierte Patienten zu behandeln", sagt Rolf Müller, Geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS). Die Folge: Es entwickeln sich immer mehr multiresistente Keime, gegen die kaum oder gar kein Antibiotikum mehr etwas ausrichten kann. Das hat fatale Konsequenzen, rund 15.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an Infektionskrankheiten.

Dementsprechend waren Antibiotika auch das beherrschende Thema bei einem zweitägigen Besuch der G7-Gesundheitsminister Anfang Oktober in Berlin. Die führenden Gesundheitspolitiker erarbeiteten eine gemeinsame Erklärung zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen, die sogenannte GUARD-Initiative, die nicht nur die Entwicklung neuer Antibiotika ins Visier nimmt, sondern auch die Ursachen der sich immer rascher entwickelnden Resistenzen.

Und die seien vielschichtig, sagt Müller: "Grundsätzlich werden Antibiotika zu viel und oft auch falsch eingesetzt." In der Tiergesundheit etwa werden die Arzneistoffe übermäßig verabreicht, zudem sind sie in zahlreichen Ländern ohne Rezept erhältlich, so dass viele auch bei jeder viralen Erkältung zu Antibiotika greifen. Durch die konsequente Desinfektion ließe sich die Ausbreitung von Keimen in Krankenhäusern eindämmen. "Hier gibt es enorme Fortschritte in den Kliniken und viele Schulungen, allerdings ist es einfach schwierig, im Alltag alles immer genau so durchzuziehen: wer sich alle 20 Minuten die Hände desinfiziert, hat schnell ausgetrocknete Haut mit Rissen", sagt Müller.

Eine weitere Ursache ist auf den ersten Blick paradox: Antibiotika sind im Grunde - zu gut wirksam. Wer eine Infektion hat, der nimmt für ein paar Tage Antibiotika, und man ist wieder fit. Medikamente gegen chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes müssen die Patienten oft bis ans Ende ihres Lebens nehmen. Abgesehen davon sollen Antibiotika auch noch besonders zurückhaltend eingesetzt werden. "Das macht die Suche nach Antibiotika für die Pharmaindustrie im Vergleich zu anderen Arzneistoffentwicklungen unattraktiv. Sie verdienen oft kaum daran, häufig können sie nicht einmal die horrenden Kosten für die Entwicklung decken", sagt Müller.

Dementsprechend sieht die Erklärung der G7-Gesundheitsminister aus. Einerseits setzt man sich dafür ein, "Antibiotika nur zu therapeutischen Zwecken nach individueller Diagnostik" zu verabreichen, auch in der Tiermedizin will man den Antibiotikaeinsatz zurückfahren. Zudem wollen die Staaten die Zulassungsverfahren und -bedingungen vorantreiben. Wie man genau vorgehen will, bleibt aber in den allermeisten Punkten noch völlig offen. Lediglich beim Setzen von wirtschaftlichen Anreizen zur Förderung von Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika und Diagnostika will man die Einrichtung eines globalen Antibiotika-Forschungsfonds prüfen. Durchweg betont wird die Notwendigkeit von internationaler Kooperation. Das bestätigt auch Gesundheitsminister Gröhe: "Nur mit gemeinsamen internationalen Anstrengungen werden wir die Menschen auch in Deutschland wirksam vor multiresistenten Keimen schützen können." Es sind Anstrengungen, die sich enorm lohnen können: Jeder Erfolg in diesem Bereich dürfte Leben retten. 

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