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Portrait

„Gegen resistente Keime hilft keine Impfung“

Rolf Müller ist geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS). Bild: HIPS/Oliver Dietze

Für den Pharmazeuten Rolf Müller sind Mikroorganismen der Schlüssel zu neuen Antibiotika. Am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) liefert er sich einen Wettlauf mit multiresistenten Keimen – eine Daueraufgabe, für die er gerade mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde.

Seine erste Bodenprobe nahm Rolf Müller, als er an der Habilitation arbeitete. In einem kleinen Ort ganz in der Nähe von Braunschweig lebte er damals, ein paar Schritte vor der Tür fand er die passende Stelle. „In der Nähe von verrottendem Pflanzenmaterial ist es ideal, da nimmt man ein bisschen vom Boden und füllt ihn in ein kleines Plastiktütchen“, erklärt er. Die eigentliche Arbeit beginnt danach im Labor: Wenn er Glück hat und die richtigen Mikroorganismen in dem Tütchen gelandet sind, kann aus der unscheinbaren Bodenprobe irgendwann einmal ein neues Antibiotikum hervorgehen.

Etliche Jahre liegt das inzwischen zurück, aber auch heute noch zieht Rolf Müller bisweilen los, um Bodenproben zu entnehmen. Inzwischen ist er seit mehr als zehn Jahren geschäftsführender Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS), ein Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Kooperation mit der Universität des Saarlandes. Zusammen mit seinem Team am HIPS hat er sich der Entwicklung neuer Arzneimittel und Therapiemöglichkeiten gegen Infektionskrankheiten verschrieben.

Weltweit gilt Rolf Müller als eine der Koryphäen auf dem Gebiet der mikrobiellen Naturstoffe. So heißen im Fachjargon jene Wirkstoffe in Medikamenten, die mithilfe von Mikroorganismen gewonnen werden. Es ist ein gewaltiger Schatz, an dem Rolf Müller mit seinen Kollegen arbeitet: Fast alle heute verwendeten Antibiotika beruhen auf Mikroorganismen aus dem Boden – und von denen sind gerade einmal 0,1 Prozent überhaupt erfasst.

<p>„Die Forschung hat mich schon immer fasziniert.“</p><p></p>

Wenn Rolf Müller über seine Forschung spricht, hört man ihm auch nach mehr als einem Jahrzehnt im Saarland immer noch seinen rheinländischen Zungenschlag an. Zwischen Aachen und Köln ist er aufgewachsen, und eigentlich dachte er zunächst über ein Biologie- und Chemiestudium nach. „Irgendwann empfahl mir dann jemand, mal die Pharmazie anzuschauen, da sei schließlich beides kombiniert“, erinnert sich Rolf Müller. Seine Entscheidung fiel rasch, er schrieb sich an der Universität in Bonn ein – „aber mir war von vornherein klar, dass der klassische Apotheker sicher nicht mein Berufsziel ist. Die Forschung, ob nun in Wissenschaft oder Wirtschaft, hat mich viel mehr fasziniert.“

Es waren die 1980er und 1990er Jahre – die Zeit, in der Rolf Müller studierte –, als zum ersten Mal Berichte über Antibiotikaresistenzen die Runde machten. Damals war es ein Thema, das erst in Fachkreisen präsent war, aber schnell wurde auch in der Öffentlichkeit über das gewaltige Problem gesprochen, das da auf die Medizin zukam: Kommt ein neues Antibiotikum auf den Markt, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Resistenzen auftreten.  Empfindliche Bakterien werden abgetötet, die Resistenten jedoch überleben und vermehren sich weiter. Für die Medizin kann das verheerend enden; es entstehen Keime, die kaum noch zu behandeln sind – ein Rückschritt in die Zeit, bevor Antibiotika entdeckt worden waren.

Aus wissenschaftlicher Sicht, sagt Rolf Müller, stecke hinter der Entstehung dieser resistenten Bakterien jedoch etwas Faszinierendes: „Die Generationenfolge, die sich bei Menschen in 30-Jahres-Rhythmen ganz langsam vollzieht, findet bei Mikroorganismen mal eben in 30 Minuten statt. Da kann buchstäblich über Nacht eine Mutation entstehen, die vielleicht eine Resistenz bedeutet.“ Diese Resistenzen bleiben in Müllers Fachgebiet immer das beherrschende Thema – egal, wie lange man auch dazu forscht. „Es ist ein Naturgesetz, das man nicht außer Kraft setzen kann“, sagt Müller achselzuckend. „Für uns bedeutet das: Wenn ein neues Antibiotikum entwickelt ist, muss man immer schon gleich am nächsten arbeiten.“

Wo er nach neuen Wirkstoffen suchen muss, um fündig zu werden, weiß Rolf Müller sehr gut – und entsprechend auch, wo nicht. „In einem Geysir im Yellowstone-Nationalpark bei 95 Grad Celsius und einem pH-Wert von 1 brauchen wir gar nicht erst zu suchen. Am besten geeignet sind Lebensräume mit großem Konkurrenzkampf unter den Mikroorganismen, etwa in einem Komposthaufen“, sagt er. Dort entwickeln die Organismen Abwehrstrategien, um sich zu behaupten; sie produzieren Substanzen, die ihnen andere Bakterien vom Leibe halten – genau das sind die Kandidaten für Antibiotika.

„Wenn ein neues Antibiotikum entwickelt ist, muss man immer schon gleich am nächsten arbeiten.“

Das Kunstwerk in Rolf Müllers Büro zeigt Bilder von sogenannten Myxobakterien. Sie sind im Erdboden zu finden und produzieren die Nährstoffe, mit denen der Pharmazeut in seiner Forschung arbeitet. Bild: privat

Die wichtigste Quelle für seine Forschung hängt in Rolf Müllers Büro an der Wand: großformatige Bilder von Myxobakterien – das sind mehrzellige Bakterien, die im Erdboden zu finden sind und jene Naturstoffe produzieren, mit denen Rolf Müller und sein Team arbeiten. „Wenn man sich diese Myxobakterien unter dem Mikroskop anschaut, sehen ihre Strukturen fast aus wie Bäume“, sagt Rolf Müller. Dieser Anblick, den seine Mitarbeiter in den Gemälden zu Kunst verwandelt haben, wirkt auf ihn inspirierend – genauso wie lange Radtouren. „Man liest und diskutiert den ganzen Tag und füttert sein Hirn mit Fakten“, sagt er, „aber die guten Gedanken kommen mir außerhalb des Büros.“ Mit einem Trekking- und einem Mountainbike ist er in seiner Freizeit unterwegs, selbst die Alpen hat er schon auf dem Rad durchquert. Aber eigentlich passe seine neue Heimat, das Saarland, perfekt zu seinen sportlichen Ambitionen, sagt er lachend: „So einen Bergpass, wo es immer nur bergauf geht, brauche ich nicht unbedingt. Hier geht es mal 200 Höhenmeter rauf und dann wieder runter, das ist mir viel lieber!“

Die Gipfel bezwingt Rolf Müller lieber in seiner Forschung, und dass er da längst in den größten Höhen angekommen ist, beweist der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, mit dem er vor Kurzem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet wurde. Der Leibniz-Preis ist die höchstdotierte Auszeichnung, die in Deutschland an Wissenschaftler vergeben wird.  In ihrer Begründung hob die DFG besonders Müllers Leistungen in der Naturstoffforschung und der biomedizinischen Mikrobiologie zur Bekämpfung antibiotikaresistenter Krankheitserreger hervor.

„Wegen der Corona-Pandemie fiel der Trubel mit Feierlichkeiten und Empfängen natürlich deutlich schwächer aus als mir das Freunde von früheren Preisverleihungen erzählt haben“, sagt Rolf Müller. Aber auch auf seine Arbeit hat Corona großen Einfluss: Die Antibiotikaresistenzen sind aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verdrängt. „Gerade reden alle über SARS-CoV-2, aber unser Thema kocht im Hintergrund weiter“, sagt Rolf Müller: „Nur dass dagegen keine Impfung hilft.“

Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2021

Aus 131 Vorschlägen hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgewählt. Sie erhalten jeweils ein Preisgeld von 2,5 Millionen Euro. Ziel des Preises ist, die Arbeitsbedingungen herausragender Wissenschaftler zu verbessern, ihre Forschungsmöglichkeiten zu erweitern und ihnen die Beschäftigung qualifizierter junger Wissenschaftler zu erleichtern.

Die Preisträger 2021

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