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Kommentar

Friedliebend ja - aber bitte nicht naiv!

Unbemannte Fluftfahrzeuge (oft als Drohnen bezeichnet) werden sowohl für militärische als auch für zivile Einsätze entwickelt. <p>Foto: Bruno Hotz, <a external="1" class="external-link" target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.de">CC BY-NC-ND 2.0</a></p>

Sollen sich Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen von militärisch nutzbaren Forschungsthemen fernhalten? Wenn, dann auf jeden Fall nur freiwillig, sagt ZEIT-Journalist Thomas Kerstan in seinem Gastkommentar

Manchmal hilft schon der Blick in die Geschichte, um sich richtig glücklich zu fühlen. Hundert Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs kann man gar nicht froh genug darüber sein, wie zivil, wie friedliebend heutzutage an unseren Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten gedacht und geforscht wird.

Wie eng die Wissenschaft einst mit dem deutschen Militarismus verquickt war, das dokumentiert die „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reichs“ vom 23. Oktober 1914. „In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke“, heißt es dort pathetisch, „denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu.“ Initiator der Erklärung war der einflussreiche Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Fast alle der damals mehr als 3000 Hochschullehrer der 53 Universitäten und Technischen Hochschulen des Landes unterzeichneten sie. Der große Soziologe Max Weber diente im Krieg voller Überzeugung als Lazarettoffizier und beschrieb in einem Brief das nationale Erlebnis als „unerhört groß und wunderbar“, der spätere Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber war aktiv an Giftgaseinsätzen beteiligt.

Für uns sind das heute Erinnerungen aus einer anderen Welt; Gott sei Dank! Sollte die Anwesenheit von Krieg und Gewalt auf diesem Planeten im deutschen Wissenschaftsbetrieb deshalb ausgeblendet werden? Dass einige Universitäten sich so genannte Zivilklauseln auferlegt haben, die militärische Forschung ausschließen sollen, ist nicht zu beanstanden. Wenn Wissenschaftlern aber individuell untersagt werden soll, sich an Militärforschungsprojekten zu beteiligen, ist eine Grenze überschritten. So prüft der Bremer Senat nach einem Bericht von Radio Bremen inzwischen, ob und wie die Wissenschaftler der Hansestadt gesetzlich dazu verpflichtet werden können, nur für zivile Zwecke zu forschen.

Thomas Kerstan (55) leitet das Ressort Chancen bei der ZEIT. Foto: Werner Bartsch

Dieser naive Antimilitarismus hat – gerade mit Blick auf die deutsche Vergangenheit – etwas Sympathisches, aber doch auch etwas Heuchlerisches. Die Welt ist leider nicht so friedlich, wie wir sie uns wünschen. Deutschland hat Streitkräfte zur Verteidigung aufgestellt, die Bundeswehr. Wir sind Teil eines Bündnisses und stehen unter dem militärischen Schutz der USA. Wollen wir unsere Soldaten mit Wasserpistolen ausrüsten? Wollen wir die Militärforschung und die Waffenentwicklung anderen Staaten überlassen, um den Preis zusätzlicher Abhängigkeit? Nein, das wäre nicht vernünftig.

Natürlich darf kein Wissenschaftler und kein Student zu militärisch nutzbarer Forschung gezwungen werden. Und es muss Transparenz herrschen; Geheimforschung ist mit der Idee der Universität nicht zu vereinbaren. Wenn das gesichert ist, dann muss die Militärforschung ihren geachteten Platz in der deutschen Wissenschaft haben.

Unser Land muss friedliebend, aber nicht naiv sein.

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