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Interview

„Es gibt unendlich viele Möglichkeiten"

Foto: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Den genetischen Code einer Bakterienzelle kann jeder in seiner Küche zu Hause umschreiben, sagt der Biohacker und Forscher Rüdiger Trojok. Im Interview erklärt er, warum sich jeder mit Biotechnologie auseinandersetzen sollte und was ihn am Baukasten des Lebens fasziniert.

Jeder Mensch sollte sich mit Biotechnologie auseinandersetzen, sagen Sie. Warum das?

Wir alle sind aus Zellen aufgebaut, in jeder von ihnen ist der genetische Code, der uns zu einem großen Teil ausmacht. Um das Leben zu verstehen, ist es unerlässlich, die damit verbundenen Prinzipien und Möglichkeiten zu kennen: Wie funktioniert eine Maschine, die Erbinformationen vervielfältigt? Wie wirken Enzyme und wie kann man damit bestimmte Genabschnitte gewissermaßen ausschneiden? Wie kann ich mit ein paar Chemikalien und einer Laborgrundausstattung einen Gentest selbst durchführen?

Aber ist Biotechnologie nicht zu komplex, um sich solches Wissen nebenbei anzueignen? Es gibt schließlich sogar ganze Studiengänge dazu.

Es geht nicht darum, ein absoluter Experte zu werden, der für die Spitzenforschung geeignet ist. Die Grundsätze und die Mechanismen zu verstehen, ist weit weniger aufwendig als die meisten denken- es geht eben genau darum, sich von technischen Systemen nicht abschrecken zu lassen. Den genetischen Code zum Beispiel einer Bakterienzelle kann im Grunde jeder in der Küche zu Hause umschreiben. So bekommt man einen Zugang zum Baukasten des Lebens - und kann ein Stück weit auch den Bauplan und die Kombination der einzelnen Bausteine verändern. Diesen Zweig bezeichnet man als Synthetische Biologie.

Aber warum sollte ich das denn tun wollen - den genetischen Code einer Bakterie umschreiben?

Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Manche wollen etwas Nützliches tun, ein Problem lösen, zum Beispiel ein Bakterium schaffen, das bestimmte Schadstoffe abbauen kann. Für Andere wiederum ist es eine ganz neue Art der experimentellen Kunst.

Was sind die Gefahren?

Die sind minimal. Biomaterialien werden in den Medien oft als Gefahr verklärt  - dabei können sie vor allem Probleme lösen. Bei einer Gabel, die jeder praktisch findet zum Essen, fragt ja auch niemand, ob das nicht gefährlich sei, man könne damit ja auch jemanden verletzen. Wir sind ja letztendlich auch selbst biologische Wesen, ebenso wie unsere Nahrung und unsere Umwelt. Für Biohacker geht es um die Chancen und darum, das positive Potenzial freizusetzen.

Sie zählen auch zu den sogenannten Biohackern - was genau machen die eigentlich?

So wie ein Programmierer neue Computerprogramme schreibt und bestehende umschreibt, arbeiten Biohacker mit Biomaterialien und Gencodes. Viele Leute sind international vernetzt und haben eigene kleine Labors: einige Flüssigkeiten, Reagenzgläser, Nährböden für Bakterien, Pipetten und vielleicht eine gebrauchte Maschine, mit der sich DNA vervielfältigen lässt, die gibt es heute gebraucht für ein paar Hundert Euro. Es geht den Biohackern weniger um die akademische Grundlagenforschung, sondern um die Anwendung der bestehenden biotechnologischen Methoden. Sie bringen zum Beispiel Pflanzen zum Leuchten und machen daraus Kunstinstallationen, oder sie versuchen Bakterien so zu verändern, dass sie bestimmte Schadstoffe selbstständig abbauen können.

Der Diplom-Biologe Rüdiger Trojok arbeitet beim Karlsruhe Institute of Technology und ist externer Sachverständiger für das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag zu den Themen DIYbio und Citizen Science, Synthetische Biologie, open-source life science, Responsible Research and Innovation. Foto: Martin Malthe Borch (CC BY-NC-SA 2.0)

Braucht man dazu nicht komplexe technologische Hilfsmittel?

Man braucht natürlich ein paar Dinge, aber auch hier wird die Technologie wieder mystifiziert. Die meisten Materialien sind nicht besonders teuer, und vieles von dem, was in den professionellen Labors steht, könnte noch deutlich günstiger angeboten werden. Durch ein paar Veränderungen beim Nachbauen haben wir den Preis einer sogenannten Optischen Pinzette, mit der man winzige Objekte bis hin zu einzelnen Zellen festhalten kann, um fast auf ein Hundertstel senken können.

Nehmen wir an, jemand hat sich eingearbeitet und auch ein kleines Labor aufgebaut - was konkret kann er denn bewirken?

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Zum Beispiel gibt es ein Projekt, wo Menschen versuchen, neue Antibiotika gegen Bakterien zu finden, die hohe Resistenzen aufweisen. Andere versuchen sich eher im Künstlerischen Bereich, ein Künstler in Österreich zum Beispiel hat ein kleines Pixelbild in DNA kodiert, dann die Zellen wachsen lassen und nach einiger Zeit die DNA wieder zurück in das Bild kodiert: Die entstandenen Abweichungen im Bild sind eine Visualisierung der Mutationen, die unseren genetischen Code ständig verändern. Auf der Internetseite Hackteria.org kommen ständig neue Anwendungen und Erfahrungsberichte hinzu.

Die Biotechnologie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen - daran arbeiten Sie nun auch am Karlsruher Institute of Technology, im Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Sie beraten auch schon länger die Politik in der Materie. Wie lässt sich die Öffentlichkeit für Biotechnologie neben einer Senkung der Preishürde noch gewinnen?

Die Information muss frei verfügbar sein. Patente auf bestimmte genetische Informationen darf es nicht geben. Außerdem muss das Wissen noch besser präsentiert werden. Ich schreibe gerade an einem Buch mit dem Titel "Biohacking - Evolution selbstgemacht", das im November erscheinen wird, in dem ich die Grundzüge der Biotechnologie erkläre. Sobald die Biotechnologie entmystifiziert ist und Menschen in das Thema einsteigen, sind sie auch schnell davon gefangen, das erlebe ich immer wieder.

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