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Helmholtz & Uni

„Es geht um eine positive Story, eine Idee“

Die Podiumsteilnehmer von links nach rechts: Jürgen Fassbender, Birgitta Wolff, Armin Himmelrath, Hans Müller-Steinhagen, Jürgen Mlynek. Bild: Robert Lohse

An der TU Dresden diskutierten Wissenschaftsexperten über Strategien, mit denen sich die Unterfinanzierung der Universitäten abmildern ließen

„Seien wir mal ganz ehrlich“, sagte Moderator Armin Himmelrath, als die vier Diskutanten vorn im Saal sich gerade warmgeredet hatten. „Will sich Helmholtz nur die Rosinen aus den Hochschulen herauspicken?“

Da war sie wieder, die Frage, die Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek in den vergangenen Jahren häufiger beantworten musste. Hier: die unterfinanzierten Landesuniversitäten. Da: die zu 90 Prozent vom Bund finanzierte Forschungsorganisation, die im Auftrag der Politik Forschungsthemen setzt und sich - so zumindest der Verdacht - Partner nach Gutdünken aussucht. Partner, die dann vermeintlich mitmachen müssen, ob sie wollen oder nicht, weil sie das Geld so dringend brauchen.

Doch diesmal war es nicht Mlynek, der antwortete, sondern Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden und Gastgeber einer neuen Folge der Diskussionsreihe „Helmholtz&Uni“, die Helmholtz seit Mitte 2013 an mittlerweile acht Hochschulen überall in Deutschland geführt hat. „Also ich habe nicht das Gefühl, dass wir in Dresden zur Zusammenarbeit mit Helmholtz gezwungen werden“, sagte Müller-Steinhagen. „Im Gegenteil, die Zusammenarbeit läuft sehr gut.“

Ihm schräg gegenüber saß ein Mann, der das Gesagte durch seinen eigenen Karriereweg unter Beweis stellte: Jürgen Fassbender, Professor für Angewandte Festkörperphysik der TU Dresden und zugleich Institutsdirektor am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. Einer von Dutzenden gemeinsam berufenen Wissenschaftlern. „Diese gemeinsamen Berufungen sind schon ein Modellsystem“, sagte Fassbender. „Und sie funktionieren nur, weil beide Seiten etwas davon haben. Das Helmholtz-Zentrum bekommt den Zugang zu hervorragenden Doktoranden; die Uni Zugang zu den Großforschungsanlagen des Zentrums.“

Tatsächlich schien es so, dass die Debatte um die Rolle von Helmholtz im Wissenschaftssystem heute viel entspannter abläuft als noch vor zwei Jahren – damals, als die Wissenschaftsorganisation ihr Strategiepapier „Helmholtz 2020“ veröffentlicht und für viel Zustimmung, aber auch ebenso viel Widerspruch vor allem aus den Universitäten gesorgt hatte. „Der Pulverdampf hat sich verzogen“, sagte Mlynek dazu und betonte, dass Kooperationen zwischen Helmholtz und Universitäten immer nur „auf Augenhöhe“ funktionieren könnten.

Das Thema, das die Runde umso stärker bewegte, war die anhaltende Finanznot der Universitäten. „Wir sollten uns da keinerlei Illusionen hingeben“, sagte Mlynek. „Wer erwartet, dass nach der bevorstehenden Abschaffung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern plötzlich alle Probleme gelöst sind, der irrt gewaltig.“ Die Unterfinanzierung der Universitäten werde auch die nächsten 10 oder 20 Jahre erhalten bleiben, davon sei er überzeugt. „Dabei ist ja eigentlich genug Geld im System. Ich sage nur: Mütterrente, Rente mit 63, das kostet Milliarden. Und die sind plötzlich da.“ Er wolle nicht falsch verstanden werden, fügte Mlynek hinzu. Er habe nichts gegen Alterssicherung. „Aber das Thema Zukunftssicherung ist offenbar ein sperrigeres Thema in Deutschland.“

In der Breite werde sich das Problem der knappen Unikassen sicherlich nicht lösen lassen, sagte Birgitta Wolff, Sachsen-Anhalts ehemalige Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin, die im Januar ihr neues Amt als Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität übernimmt. „Da stimme ich Ihnen zu. Aber punktuell kann man schon etwas tun.“ Dabei sei zunächst einmal wichtig, dass die Wissenschaft sich bei der Argumentation, warum sie mehr Geld brauche, mehr Mühe gebe als in der Vergangenheit. „Wir müssen Angebote an die Politik formulieren, die die auch verstehen kann. Es gehe um eine positive Story, eine Idee. „Dann folgt auch das Geld.“ Wolff nannte auch gleich ein konkretes Beispiel: So sorge sich die Politik naturgemäß um die immer noch große Einkommenslücke zwischen Ost und West. Wenn man den Parlamentariern dann klar mache, dass sich ein höheres Einkommen in ihrer Heimatregion nur mit wissensintensiven Arbeitsplätzen generieren lasse, dann seien sie plötzlich schon viel aufgeschlossener.

Dass neue Kooperationsformen zwischen Universitäten und außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen, wie Helmholtz-Präsident Mlynek sagte, ebenfalls mögliche Wege seien, um die unterschiedliche Finanzausstattung zu überbrücken, da waren sich ebenfalls alle Diskutanten einig – auch als Mlynek sagte, beide Seiten müssten dabei mutiger und phantasievoller werden als in der Vergangenheit – „Sonst können wir international einpacken.“

Wobei Birgitta Wolff den Akzent etwas anders setzen wollte. „Schwung entsteht nicht daraus, dass man einfach Institutionen zusammentut. Schwung entsteht daraus, wenn sich kluge Köpfe freiwillig zu gemeinsamen Projekten zusammentun“, sagte Wolff – und erntete Widerspruch von TUD-Rektor Müller-Steinhagen: „Wenn sich ein paar Physiker für Projektarbeiten zu einer Beutegemeinschaft zusammentun, entsteht daraus noch keine für die Wissenschaft gewinnbringende und dauerhafte Partnerschaft.“
„Darum muss Institutionalisierung auch irgendwann folgen“, stimmte Wolff zu.

In Dresden heißt die Antwort, mit dem die TU Dresden als einzige ostdeutsche Universität außerhalb Berlins den Exzellenzstatus erreicht hat, DRESDEN-concept – und verbindet die Universität mit zahlreichen außeruniversitären Partnern von Helmholtz über Max-Planck bis hin zu Fraunhofer und Leibniz und Kultureinrichtungen. Und hier äußerte Müller-Steinhagen dann doch etwas Sorge auf Armin Himmelraths Eingangsfrage: „Gefährlich würde es, wenn unsere neuen Exzellenzbereiche nach Ende der Sonderfinanzierung irgendwann den außeruniversitären Organisationen zugeschlagen würden.“ Das wäre dann tatsächlich das Herauspicken der Rosinen. Dazu dürfe es nicht kommen.

Auch um solche Wünsche und Befürchtungen auszusprechen, dafür eignete sich die Dresdner Station der Reihe „Helmholtz & Uni“ – ein Format, das sich, so Müller-Steinhagen, „mittlerweile etabliert“ habe in der deutschen Wissenschaftslandschaft. Ein Kompliment, das Jürgen Mlynek gern mit nach Hause nahm.

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