Energiesystem
Energiepolitik neu ausrichten: Perspektiven der Ukraine

Windräder in Khershon, Ukraine. Bild: Shutterstock/Artem Grebenyuk
Die Ukraine muss ihre Energieversorgung unter extremen Bedingungen sichern und zugleich langfristig planen. Das Projekt „Green Deal Ukraïna“ begleitet diesen Prozess wissenschaftlich. Der Artikel beruht auf einem Gespräch mit Susanne Nies und Georg Zachmann, die das Projekt am Helmholtz-Zentrum Berlin leiten.
Als Anfang Januar 2026 in Berlin der Strom ausfiel, war das Problem nach fünf Tagen behoben. In der Ukraine dagegen leben viele Menschen seit dem 9. Januar mit wiederkehrenden Stromausfällen. Bei zweistelligen Minusgraden müssen sie stundenlang ohne Strom und Heizung auskommen - oft auch ohne fließendes Wasser.
Die Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur zeigen, dass es bei der Sicherung der Energieversorgung nicht nur um kurzfristige Maßnahmen geht, sondern auch um grundlegende politische Entscheidungen. Ein EU-Beitritt hätte für die Ukraine deshalb erhebliche Vorteile: Er würde dem Land Zugang zu europäischen Investitionsprogrammen und einem integrierten Energiemarkt eröffnen und es zugleich politisch und strategisch enger an Europa binden.
Vor diesem Hintergrund unterstützt das vom BMFTR geförderte Projekt „Green Deal Ukraïna“ die Ukraine dabei, sich schrittweise auf einen EU-Beitritt vorzubereiten. Grundlage dafür sind Analysen und Fortbildungen, mit denen das Projekt die Neuausrichtung der Energiepolitik unter Kriegsbedingungen begleitet. Ziel ist es, die Energieversorgung krisenfester und dezentraler zu gestalten. Wie die Unterstützung wirkt, zeigen die folgenden Beispiele.
Dr. Susanne Nies ist Projektleiterin von Green Deal Ukraïna am Helmholtz-Zentrum Berlin. Sie ist Expertin für internationale Energie- und Klimapolitik mit den Schwerpunkten Elektrizität, EU sowie Mittel- und Osteuropa. Bild: Ihor Veriutin
Schulungen für EU-Beitrittsgespräche, Organisation lokaler Heizprogramme und Einwerbung von Fördermitteln
Ein EU-Beitritt setzt voraus, dass die Ukraine das gesamte Regelwerk der Europäischen Union übernimmt, auch im Energie- und Klimabereich. Für viele ukrainische Institutionen ist dies derzeit eine große Herausforderung. Deshalb entwickelten die Projektpartner gemeinsam mit der Florence School of Regulation und der Kyjiw School of Energy Policy umfassende Trainingsprogramme. Mehr als 700 Mitarbeitende aus Ministerien, Parlament, Kommunen und staatlichen Unternehmen haben bereits an den Fortbildungen teilgenommen.
Die Wirkung dieser Schulungen wurde besonders deutlich bei der Vorbereitung auf die EU-Beitrittsverhandlungen. In sogenannten Mock-Sessions trainierten die Teilnehmenden Gespräche unter Zeitdruck und mit kritischen Nachfragen. „Vertreterinnen und Vertreter aus Brüssel haben uns zurückgemeldet, dass die ukrainische Delegation nach den Vorbereitungen deutlich souveräner auftrat. Die Gespräche verliefen sehr strukturiert und erfolgreich“, berichtet Georg Zachmann, wissenschaftlicher Leiter des Projekts.
Daneben fanden auch praxisnahe Schulungen auf kommunaler Ebene statt, in denen Mitarbeitende aus Rathäusern und Unternehmen lernten, lokale Heizprogramme zu organisieren und Fördermittel einzuwerben. „Viele Kommunen sind mit akuten Problemen der Energieversorgung und Infrastruktur beschäftigt. Für strategische Fragen bleibt ihnen kaum Zeit“, ordnet die Projektleiterin Susanne Nies ein. „Genau deshalb sind diese Schulungen so wichtig.“
Dr. Georg Zachmann ist wissenschaftlicher Eliter von Green Deal Ukraïna am Helmholtz-Zentrum Berlin. Er ist ein bekannter Ökonom, der den Bereich Energie und Klima bei Bruegel, Europas führendem wirtschaftspolitischen Think Tank, mitleitet. Bild: Ihor Veriutin
Garantiefonds erleichtert privaten Investoren Einstieg in erneuerbare Energien
Ein weiterer Schwerpunkt der Projektarbeit lag auf der Vorbereitung eines Garantiefonds, der privaten Investoren den Einstieg in erneuerbare Energien erleichtern soll. Das ist entscheidend, weil Investitionen unter den Kriegsbedingungen mit erheblichen Risiken verbunden sind. Ohne Garantien fließt kaum privates Kapital. „Wir wollen unbedingt, dass private Akteure investieren. Sie bringen zusätzliches Kapital ins Land und wissen oft am besten, wo Anlagen sinnvoll errichtet werden können“, so Zachmann.
Gerade erneuerbare Energien können Risiken verringern. Während der Ausfall eines großen Kraftwerks ganze Regionen stilllegt, bleiben Schäden an einzelnen Solar- oder Windanlagen lokal begrenzt. Erneuerbare Energien erfüllen somit eine doppelte Funktion: als Baustein für den Wiederaufbau und als Element kurzfristiger Resilienz.
Modell des Energiesystems hilft Stromabschaltungen zu begrenzen
Die Projektarbeit basiert auf einer detaillierten Analyse des ukrainischen Energiesystems. In den vergangenen Jahren hat das Projektteam ein Modell entwickelt, mit dem sich etwa berechnen lässt, unter welchen Bedingungen Stromabschaltungen auftreten und wie sich diese durch höhere Stromimporte begrenzen lassen. Die Ergebnisse prägten die Debatte über Importkapazitäten maßgeblich; nicht zuletzt durch diese Studie wurde die mögliche Stromzufuhr aus Europa von 1,7 auf 2,45 Gigawatt erhöht.
Das Modell wird jedoch auch für eine Vielzahl weiterer Themen genutzt. Die Ergebnisse fließen in die Arbeit ukrainischer Ministerien ebenso ein wie in die von europäischen Institutionen und Partnerregierungen. So nutzen beispielsweise deutsche Regierungsstellen, G7 plus, die EU-Kommission oder die IEA die Analysen, weil sie als neutral und belastbar gelten.
Um die aufgebaute Expertise langfristig zu sichern, wurde in Kyjiw ein Energie- und Klimalabor aufgebaut. Für Projektleitern Nies ist das Institut ein zentrales Element des Projekts: „Das Ziel ist der Aufbau eines dauerhaft verankerten, unabhängigen Energie- und Klimazentrums in Kyjiw. Mit Partnern aus Deutschland, der Ukraine, Polen und anderen europäischen Ländern legt das Joint Lab die Grundlage für eine neue Generation ukrainischer Expertinnen und Experten im Energie- und Klimabereich.“
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