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Wissenschaftskarrieren

Die Heimat lockt

Bild: GAIN

In Boston haben sich hunderte deutsche Nachwuchswissenschaftler getroffen, die in Nordamerika arbeiten. Viele von ihnen spielen mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren

Deutschland will sie zurückgewinnen: Die Nachwuchswissenschaftler, die Anfang September in Boston zusammenkamen. Sie alle arbeiten zurzeit an einer US-amerikanischen oder kanadischen Forschungseinrichtung und sind von dort angereist, um sich auf der German Academic Network (GAIN) Jahrestagung auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. GAIN ist das Netzwerk deutscher Wissenschaftler in Nordamerika, eine Gemeinschaftsinitiative der Alexander von Humboldt-Stiftung, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Auch die Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt die Initiative, die den deutschen Wissenschaftlern im Ausland eine Plattform bieten will. Besonders auf der GAIN Jahrestagung, die seit 2001 einmal jährlich an wechselnden Orten in den USA stattfindet.

Die Nachwuchswissenschaftler haben Teile ihrer akademischen Karrieren im Ausland absolviert, kennen sich in zwei Systemen aus und sind äußerst qualifiziert. Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen kommen - Biologie, Chemie, Physik, Geistes- und Sozialwissenschaften, Medizin, Ingenieurwissenschaften -, treiben sie ähnliche Fragen um: Sollen sie die Karriere im Ausland weiterverfolgen oder zurück nach Deutschland kommen? Auf der Jahrestagung der GAIN kommen Größen von deutschen Universitäten, Fachhochschulen und den großen deutschen Forschungseinrichtungen, Politiker und Führungskräfte aus Industrie und Wirtschaft zusammen, um sich in Workshops und Vorträgen gemeinsam diesen Fragen zu stellen. Und natürlich, um die Nachwuchswissenschaftler persönlich kennenzulernen.

Wer zur GAIN kommt, will sich gerne überzeugen lassen, dass sich in Deutschland gut forschen und arbeiten lässt und der Standort mit dem mithalten kann, was den Wissenschaftlern in den USA geboten wird. Vor wenigen Monaten erst hatte die Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI), die die Bundesregierung berät, in einem Gutachten gewarnt: Zu viele der besten Wissenschaftler wanderten ins Ausland ab, die Forschungslandschaft in Deutschland sei nicht attraktiv. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat dem Gutachten widersprochen, und auch seitens der Wissenschaftsorganisationen kam Kritik: Deutschland werde als exzellenter Forschungsstandort wahrgenommen. Irgendwo zwischen den beiden Positionen liegt die Realität der Nachwuchswissenschaftler.

Viele von ihnen sind in den nordamerikanischen Raum gegangen, weil sie dort genau das fanden, was sie suchten: flache Hierarchien, Vernetzung, sowie exzellente Forschung an einer ganzen Reihe von Standorten: "Ich habe noch nie so viele Möglichkeiten in der Forschung gesehen wie in den USA" sagt Björn Askevold, Post-Doc derzeit an der Harvard Medical School. Solche Möglichkeiten gibt es aber vielleicht auch in Deutschland: Auf der GAIN beteuern das die Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft. Johannes Ballé, Ingenieur im Fachbereich Neuroscience an der New York University, ist hier, um zu suchen und zu finden: "Mich interessiert weniger, wie ich am schnellsten Professor werden kann als eher, wie ich meine Ideen konkret und anwendungsorientiert umsetzen kann", sagt Johannes Ballé, "deswegen haben mich hier auch die Angebote der deutschen Forschungsorganisationen interessiert." Die Bioinformatikerin Julia Vogt vom Sloan-Kettering Cancer Center in New York ist auf die GAIN gekommen, um sich über Perspektiven in der deutschen Forschungslandschaft zu informieren - und zu schauen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es für eine Rückkehr gäbe.

Viele, wie auch Askevold, suchen aber für die weitere Karriere nicht nur nach exzellenten Forschungsmöglichkeiten in Deutschland, sondern auch nach langfristigen Perspektiven in und außerhalb der Wissenschaft: "Irgendwann stellt man sich die Frage, wie viel Sicherheit man in der Karriere und auch privat haben möchte" sagt Askevold. Dazu gehört insbesondere auch Familienplanung. An den Fragen in Workshops und Gesprächen zeigt sich, wie wichtig den Nachwuchswissenschaftlern dieses Thema ist: "Im Vergleich bietet das deutsche Sozialsystem mehr Sicherheit, das kann durchaus ins Gewicht fallen", sagt zum Beispiel der Biochemiker Christian Hentrich.

Unsicherheit und befristete Verträge sind ein Charakteristikum der akademischen Karriere und des damit einhergehenden Lebensstils - hier wie dort. In den USA ist der Prozess bis zur Professur transparenter: "Man würde gerne früher in der Laufbahn erfahren, ob eine Chance besteht, Professor zu werden - in den USA weiß man das schneller und läuft so weniger Gefahr, am Ende ohne etwas dazustehen" sagt zum Beispiel der Chemiker Christian Scheibe, derzeit Post-Doc am Georgia Institute of Technology in Atlanta. Besonders hervorzuheben sind hier die Tenure Tracks, mit denen die amerikanischen Hochschulen akademisches Personal frühzeitig anstellen und bei Bewährung auf unbefristete Stellen setzen. In Deutschland kann man da unter Umständen lange warten und am Ende doch nichts bekommen. "Ich würde nach Deutschland zurückkehren", sagt Simon Peter, Informatiker in Seattle, "aber das deutsche System ist sehr pyramidenhaft: Oben sind nur wenige Stellen. In den USA wird Verantwortung früher belohnt.". Das zu ändern ist auch ein "Appell an die Politik", sagt Peters.

Denn durchaus nicht jeder will überhaupt in der Wissenschaft bleiben. Viele suchen nach Einstiegsmöglichkeiten in der deutschen Wirtschaft. Auch der Ingenieur Jochen Steffens, derzeit an der McGill University Montréal, sucht nach Inspiration, "wie denn ein Übergang in die Wirtschaft zu bewerkstelligen sein könnte". Nach vielen Jahren in der Wissenschaft fehlt es manchmal ganz konkret an dem Wissen darüber, wie man sich außerhalb der akademischen Welt verkauft: Wie bewirbt man sich, und wo, was interessiert die Wirtschaft? "In der Post-Doc Phase wäre es gut, Alternativen nebenbei konkret planen zu können und dabei auch Hilfe und Unterstützung der Universität zu erfahren" sagt Katja Pöllmann, die derzeit als Psycholinguistin an der Northeastern University Boston arbeitet.

Es zeigt sich, dass nicht nur Deutschland die Wissenschaftler zurückhaben möchte: Auch viele der Wissenschaftler wollen zurückkommen und suchen aktiv nach Möglichkeiten, wie sie ihre Qualifikationen und Erfahrungen in Deutschland einbringen können. Die Rückgewinnung ist auch eine Frage der Kommunikation und Vermittlung. Oder, wie es der Psychoakustiker Jochen Steffens von der McGill University in Montréal beschreibt, er sei "auch hier, um mich überraschen zu lassen. Von manchen Möglichkeiten erfährt man per Zufall".

GAIN-Website

Exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen mehrere Programme und Förderungen zur Auswahl, die eine Rückkehr erleichtern - zwei Beispiele:

Helmholtz-Nachwuchsgruppen: Dieses Programm für Nachwuchskräfte aus aller Welt bietet jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für fünf Jahre eine Förderung von bis zu 250.000 € jährlich. Mit diesen Mitteln können sie erstmals eine eigene Forschungsgruppe aufbauen und leiten.

Grants des European Research Councils (ERC): Sowohl Nachwuchskräfte als auch etablierte Forscherinnen und Forschern können mit den verschiedenen Förderformen des ERC über fünf 5 Jahre mit einem Team ein Thema bearbeiten. Die Helmholtz-Gemeinschaft bietet viele Anknüpfungspunkte für ERC-Projekte und berät auch zu der Antragstellung.

www.helmholtz.de/erc

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