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Forschung

Das Ziel ist die Weltspitze

<b>Goldenes Gehirn</b> Gebäude der Russischen Akademie der Wissenschaften. Bild: Volkova Natalia, Shutterstock

Mit einer grundlegenden Reform will Russland sein Wissenschaftssystem voranbringen. Kritiker bemängeln fehlende Transparenz – und fürchten eine staatliche Bevormundung der Forscher

Wenn Sergej Nedospasow über die Reform der russischen Wissenschaft räsoniert, bleibt er seinem Forschungsgebiet treu: „Der Schwerkranke gesundet gerade mühsam von einer Tuberkulose-Infektion“, sagt der Moskauer Immunologe in einem Gleichnis, „da erfährt er, dass er sich auch noch mit einem Hepatitis-C-Virus angesteckt hat.“ Erkrankt ist hier die Wissenschaft, angegriffen durch den Tuberkelbazillus der Reform der Russischen Akademie der Wissenschaften und zusätzlich ausgezehrt durch Hepatitis, das neue System der Projektfinanzierung. Nedospasow, der ein Labor an einem Institut der Akademie leitet und auch einen Lehrstuhl an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU) inne hat, steht diesen staatlich verabreichten Reformerregern skeptisch gegenüber. Den Abwehrkampf einer großen Gruppe Wissenschaftler sieht er als natürlich an: eine „Immunreaktion“.

Die Reform, die derzeit in Arbeit ist, soll das gesamte russische Forschungssystem umkrempeln. Ziel ist es, die Wissenschaft mit anderen Finanzierungs- und Begutachtungsansätzen effizienter zu gestalten – und für mehr internationales Prestige zu sorgen. Präsident Wladimir Putin peilt die Schaffung mehrerer „Forschungsuniversitäten von Weltrang“ bis zum Jahr 2020 an. Das ist eine Herkulesaufgabe, denn bisher findet die Forschung in Russland vor allem an den Akademie-Instituten statt.

Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf

Die Universitäten sind insbesondere für die Ausbildung zuständig – oft auf vergleichsweise schwachem Niveau. Selbst die führende russische Universität, die MGU, schafft es in verschiedenen internationalen Rankings nicht unter die ersten Hundert.

Hinter den Kulissen aber tobt ein Kampf um die Wissenschaftsreform, in dem es um Macht, Eitelkeiten, Traditionen und vor allem um Geld geht. Die Grundlagenforschung wird künftig nicht mehr über einen allgemeinen Posten im Staatshaushalt finanziert, sondern über Projektgelder, für die sich Forscher im Wettbewerb beim Russischen Wissenschaftsfonds bewerben müssen. Der Fonds soll die Forschungsprioritäten bestimmen. Die Akademiemitglieder, die einst selbst über ihre Arbeit entscheiden konnten, sind in diesem Gremium nur noch Ratgeber. Zudem entzieht die russische Regierung der Akademie und ihren Institutsleitern das Recht, Grundstücke und Immobilien zu verwalten; dafür ist nun eine neu geschaffene Nationale Agentur zuständig. Die Vermietung war eine bedeutende Einnahmequelle für die Akademie, deren öffentliche Dotierung gerade einmal für Gehälter, Strom, Wasser, Heizung und Müllabfuhr reichte.

<b>Sieht Modernisierungsbedarf</b> Molekularbiologe Konstantin Sewerinow. Bild: Alexey Payevsky

Kritiker sehen in der Reform das Ende der Freiheit, wenn nicht gar den Todeskuss für die russische Wissenschaft. Die altehrwürdige Akademie werde ruiniert, während Ministerialbeamte das Sagen über Professoren und Reagenzgläser erhielten. Hinter der Agentur zur Verwaltung des Eigentums können aus der Sicht vieler Wissenschaftler nur dunkle Hintermänner stehen, die Geschäfte machen wollen. Der Verdacht wird dadurch befeuert, dass die Autoren des Reformgesetzes im Verborgenen blieben und das Parlament nach einem Hauruck-Verfahren am 18. September vergangenen Jahres zustimmte. Sogar reformorientierte Wissenschaftler warnten vor der „Verwüstung der effektiven Organisation der Wissenschaft“. Allerdings sind viele Kritiker zuletzt mit ihren Äußerungen vorsichtiger geworden. „Die Staatsmaschine bewegt sich nach eigenen Gesetzen“, sagt ein Moskauer Physiker der Internet-Zeitung gazeta.ru, „und wenn sie will, zerquetscht sie.“

Die Reform ist eine bittere, aber nötige Pille

Die Reformbefürworter halten dagegen, dass in Russlands Wissenschaftsbetrieb so viel nicht mehr zu verwüsten sei. Die Akademie bekomme viel Geld und biete wenig Leistung. Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen sinke seit gut einem Jahrzehnt kontinuierlich. Viele der Autoritäten, die heute in der Akademie sitzen, seien in der sowjetischen Zeit als Nomenklatura-Kandidaten dorthin aufgestiegen und prägten ein Kasten-System. Es gehe vor allem um Macht statt um wissenschaftliche Erkenntnisse. Da gilt die Reform als bittere, aber nötige Pille. Die unnachgiebige Annahme des Gesetzes habe die Akademie letztlich selbst verschuldet, indem sie jahrelang jede Reform von innen verweigerte.

Dass der Entwicklungsstillstand in Russlands Wissenschaft überwunden werden muss, ist offensichtlich. Der Braindrain geht weiter, wenngleich nicht im selben Ausmaß wie in den neunziger Jahren. Zehntausende russischer Wissenschaftler arbeiten im Ausland, und die Mehrzahl von ihnen plant keine Rückkehr in die Heimat. Ein Universitätsprofessor in den USA verdient leicht das Zehnfache seines MGU-Kollegen. Doch lockt keineswegs nur der bessere Verdienst. Vielmehr ist der bürokratische Alltag gerade für junge Wissenschaftler ein wichtiges Argument, Russland zu verlassen. Die Besorgung von Reagenzien oder Pipetten wird durch die Allmacht der Buchhalter schnell zum planwirtschaftlich anmutenden Irrlauf. Der Austausch wissenschaftlichen Materials über die Landesgrenzen hinweg scheitert oft an Zoll oder Geheimdienst. Da sind die Arbeitsbedingungen in Westeuropa oder den USA besser.

Keine Einigkeit in den Arbeitsgruppen

Konstantin Sewerinow kennt diese Probleme, denn er führt zugleich Akademie-Labore  in Moskau und ein Labor in New Jersey. Der Molekularbiologe gehört zu denen, die Russlands Wissenschaftsbetrieb etwas durchlüften möchten. Er verbindet Internationalität und Wettbewerbsdenken mit Unverkrampftheit in Jeans und T-Shirt. Das muss vielen Akademiemitgliedern ein Graus sein. Nachdem sich Sewerinow für Reformen aussprach, kam der Vorwurf auf, er sei ein Agent der USA. „Manche der Reaktionen auf die Reform waren geradezu hysterisch“, sagt Sewerinow. Aber nach fünf Reformmonaten klingt sogar er ernüchtert: „Die schlimmsten Vorhersagen sind nicht eingetroffen“, urteilt er, „aber es ist auch nichts Gutes entstanden.“

In den Expertengruppen des Russischen Wissenschaftsfonds, der die Projektgelder vergeben soll, hat Sewerinow viele allzu bekannte Namen entdeckt. „Der Eindruck, dass sich alles verändert, fehlt noch“, sagt er. Arbeitsgruppen, die Kriterien für ein Audit aller Akademie-Institute erstellen sollen, sind in Konflikten verfangen: So besteht innerhalb der Arbeitsgruppen nicht einmal Einigkeit darüber, ob für die biomedizinischen Institute der Zitierindex in wissenschaftlichen Fachpublikationen als Maßstab für wissenschaftlichen Erfolg gelten soll. Wer später die Arbeit der Institute begutachten wird, ist so offen wie die Frage, in welchem Maß die Nationale Agentur ihre Verwaltungsarbeit tatsächlich der Wissenschaft unterordnet.
Wie es in dem Streit nun weitergeht, ist noch nicht absehbar. Denn obwohl die Reform schon beschlossen ist, könnte es den protestierenden Wissenschaftlern durchaus noch gelingen, die Änderungen auszubremsen.

Das goldene Gehirn

Die Russische Akademie der Wissenschaften wurde nach westlichem Vorbild 1724 unter Zar Peter dem Großen gegründet. Zu den ersten Akademiemitgliedern zählten Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Die Akademie nahm Sitz in Sankt Petersburg und wurde erst 1934 nach Moskau verlegt. Sie ist seit ihrer Gründung eng mit der politischen Klasse Russlands verknüpft. Heute ist die Akademie die bedeutendste außeruniversitäre Forschungseinrichtung Russlands. Ihre Wissenschaftsorganisationen und Institute widmen sich der Grundlagenforschung im Bereich der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Im Rahmen der Reform kamen im Oktober durch die Fusion mit früher eigenständigen Akademien die Medizinwissenschaften und die Agrarwissenschaften hinzu. Die Helmholtz-Gemeinschaft kooperiert mit einigen Instituten der Akademie und sieht in der Reform auch eine Chance: „Der Rückzug von der Finanzierung nach dem Gießkannenprinzip bedeutet, dass künftig die Besten gefördert werden“, sagt Elena Eremenko, die das Moskauer Helmholtz-Büro leitet. „Die Einrichtung neuer Förderinstrumente wie des Russischen Wissenschaftsfonds eröffnet auch uns neue Perspektiven.“
Die Akademie zählt heute 481 feste und 732 korrespondierende Mitglieder – Forscher, die sich besonders verdient gemacht haben. Sie besitzt etwa 550 Unterorganisationen und Forschungsinstitute mit mehr als 55.000 Mitarbeitern. 2013 wurde sie aus dem russischen Staatshaushalt mit gut anderthalb Milliarden Euro finanziert. Bisher verwaltete sie insgesamt 337.000 Hektar Land und 15 Millionen Quadratmeter Immobilien. Das Präsidium der Akademie residiert in einem der Wahrzeichen Moskaus, dem 22 Stockwerke hohen Gebäude am Leninprospekt, das „Goldenes Hirn“ getauft wurde.

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