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Gastkommentar

Brecht endlich Euer Schweigen!

Bild: Dreadlock/Fotolia

Im April letzten Jahres wollte der Wissenschaftsrat mit einem neuen Positionspapier die Diskussion anheizen über die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, Welternährung oder demografischer Wandel. Das Ergebnis: Schweigen. Ein Gastkommentar von Manfred Ronzheimer.

Wie wir auf den Klimawandel reagieren und mit den Folgen des demografischen Wandels umgehen wollen oder wie sich die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig ernähren ließe, das sind große Fragen für die Wissenschaft – aber nicht nur. Auch andere Akteure unserer Gesellschaft sind aufgerufen, darüber nachzudenken. Das zumindest meint der Wissenschaftsrat. In seinem Positionspapier „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große gesellschaftliche Herausforderungen“ aus dem April heißt es: „Im Kontext großer gesellschaftlicher Herausforderungen kommt dem Dialog zwischen wissenschaftlichen und anderen gesellschaftlichen Akteuren eine besondere Bedeutung zu, besonders wenn sich diese nicht nur auf die Kommunikation von Forschungsergebnissen beschränkt, sondern den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren Beteiligungschancen bei der Formulierung und gegebenenfalls auch Bearbeitung von Forschungsfragen einräumt.“

<b>Manfred Ronzheimer</b> (62) ist freier Journalist. Illustration: Jindrich Novotny

Ein Satz mit Sprengkraft. Die Gesellschaft solle also breit daran mitwirken, was von wem zu welchem Zweck erforscht wird. Erstaunlich aber ist: Der Ball, den das Beratergremium ins Spielfeld der Debatte geworfen hat, wird nicht aufgefangen. Der Diskurs über das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, vor allem über gegenseitige Einflussnahmen, kommt seit Monaten nicht zustande. Intensiv hatte der Wissenschaftsrat reflektiert, welche großen Aufgaben sich der Gesellschaft heute und künftig stellen und welchen Beitrag die Forschung leisten könne. Das Papier versteht sich als Schritt zu einer präziseren Fragestellung. Doch was ist seither geschehen?

Schon der interne Diskussionsprozess im Rat war über Erwarten langwierig, weil kontrovers. Die Stellungnahme ist daher gefüllt mit Konsensformulierungen und einer Addition von „Desideraten“. Sie sollen nun, nach dem Wunsch des Gremiums, bitte anderswo abgearbeitet werden. Doch dieses Anderswo schweigt. Und warum? Eigentlich bot das letzte Jahr – mit der Neuformulierung der „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen und dem Klimagipfel in Paris – günstige Rahmenbedingungen für einen breiteren Wissenschaftsansatz. Auch auf dem G7-Gipfel im Juni auf Schloss Elmau wurde bereits ein Schulterschluss von Wissenschaft und Politik in drei Fällen (Antibiotikaresistenzen, Tropenkrankheiten und Zukunft der Meere) praktiziert.

Vor wenigen Jahren war es noch anders. Damals entfachten zivilgesellschaftliche Organisationen, vor allem Umweltverbände, eine energische Diskussion über die Vernachlässigung des Themas Nachhaltigkeit in der deutschen Wissenschaft. Heute, bei der Erweiterung um Themen jenseits der Ökologie, bleibt derlei diskursives Engagement aus. Sind die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ nicht greifbar genug? Das ist zumindest definitorisch unmöglich. Sollte es einem gesellschaftlichen Diskursmodus hierzulande nicht vielmehr entsprechen, dass ein Papier des Wissenschaftsrates eine gewisse Zahl von Reaktionen aus dem gesellschaftlichen Raum nach sich zieht? Bis auf eine Handvoll Statements in der schmalen Nische wissenschaftlicher Blogs hat die Äußerung des Rates keine Beachtung gefunden. Auch nicht in der Presse. Das ist unverhältnismäßig.

Der Grund für dieses Schweigen dürfte kaum im Papier selbst liegen. Auch nicht ausschlaggebend dürfte der Stil der häufig abgehobenen innerwissenschaftlichen Erörterungen sein. Der Grund liegt vielmehr in einem Wandel gesellschaftlicher Diskursfähigkeit. Sie schwächelt in unserem Land heute dabei, die großen Probleme adäquat zu erkennen und lösungsorientiert zu verhandeln. Ich räume ein: Die Medien haben ihren gerüttelten Anteil daran.

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