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Standpunkte

Besser anonym?

Illustration: Jindrich Novotny

Bei der Begutachtung von Forschungsanträgen gehe es mehr um die Personen als um die Inhalte, urteilen Kritiker. denn Forscher wissen, wessen Anträge oder Paper sie bewerten. die bisherige Praxis ist in die Diskussion geraten. ist Anonymität die Lösung? Zwei Blickwinkel


„Es würde helfen, in den Ausschreibungskriterien mehr Risikobereitschaft zu zeigen und mehr internationale Gutachter einzusetzen“, sagt Christoph Meyer, Professor für Europäische und Internationale Politik am King‘s College London
Wer exzellente Forschung fördern will und nicht einzelne Forscher, kann auf den ersten Blick gegen die Anonymisierung von Forschungsanträgen nichts haben. Schließlich werden auch Artikel für Fachzeitschriften doppelt-blind begutachtet – also so, dass weder der Gutachter weiß, wessen Artikel er liest, noch der Antragsteller, wer ihn bewertet. Gerade in kleineren Forschergemeinden, in denen jeder jeden kennt, scheint dies auf den ersten Blick ein Mittel zu sein, um dem Einfluss einzelner Gutachternetzwerke zumindest ein wenig zu entrinnen. Zugleich finden so die vielleicht besonders innovativen Forschungsanträge von jungen und unbekannten Forschern eine faire Chance. Doch dann muss man konsequent sein: Keinerlei Informationen zum Werdegang des Forschers und seinem institutionellen Umfeld dürften zugelassen sein, da sonst wieder leicht ersichtlich wird, wer sich bewirbt.

Christoph Meyer ist Professor für Europäische und Internationale Politik am King‘s College London. Illustration: Jindrich Novotny

Auf den zweiten Blick hat eine solche Anonymisierung allerdings auch Nachteile. Immerhin geht es darum, Steuergelder auf Forscher zu verteilen – und da ist eine Einschätzung wichtig, wie groß die Chancen einer erfolgreichen Umsetzung sind. Denn gerade bei Anträgen zu hochinnovativen Vorhaben kann man schwerlich voraussetzen, dass die Forschung bereits zu 70 bis 80 Prozent erledigt ist; solche Anträge erfordern Forscher, die über ihren gegenwärtigen Horizont hinausgehen und sich neue Bereiche erschließen können. Informationen über den Bewerber und die Institution sind da wichtige Anhaltspunkte.

Ich selbst dürfte mit meinem Antrag zu einer Arbeit über „Kommunikation und Wahrnehmung von Warnungen“ bei der auf Sicherheit setzenden Deutschen Forschungsgemeinschaft oder ihrem englischen Pendant ESRC deutlich weniger Chancen gehabt haben als beim ersten „Starting Investigator Call“ des Europäischen Forschungsrats, bei dem ich meinen Antrag schließlich eingereicht habe. Dort wurde deutlich gemacht, dass echte Innovation eben auch mit einem höheren Risiko des Scheiterns einhergeht. Außerdem war klar, dass nur jüngere Forscher miteinander konkurrieren. Dieses Verfahren ist sehr aufwendig und lässt sich sicher nicht eins zu eins auf eine nationale Ebene übertragen. Statt einer Anonymisierung wäre es besser, in den Ausschreibungskriterien mehr Risikobereitschaft zu zeigen, mehr internationale Gutachter einzusetzen, Interessenskonflikte klarer und weiter zu definieren und regelmäßig andere Gutachter einzusetzen.


„Weitgehende Transparenz sichert Qualität“, sagt Hans Pfeiffenberger vom  Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, und Sprecher des Arbeitskreises Open Science der Helmholtz-Gemeinschaft
Auf den ersten Blick scheint es besonders objektiv zu sein, das Konzept eines Doppelblind- Gutachtens für Forschungsanträge oder Publikationen, bei dem weder der Einreichende weiß, wer sein Manuskript beurteilt, noch der Begutachtende, wessen Text, Daten oder Software er kommentiert. In vielen Fällen kann der Gutachter jedoch aus dem Inhalt des Manuskripts auf den Autor schließen und umgekehrt der Autor aus den Kommentaren des Gutachters auf dessen Person oder Arbeitsgruppe. Obwohl solche Vermutungen natürlich falsch sein können, wird sich kaum jemand von gewissen Spekulationen frei machen können – womit das Ziel der Unbefangenheit illusorisch wird.

Hans Pfeiffenberger arbeitet am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, und ist Sprecher des Arbeitskreises Open Science der Helmholtz-Gemeinschaft. Illustration: Jindrich Novotny

Eine Lösung könnte die größtmögliche Offenheit sein, mit der die Wissenschaft auch der in letzter Zeit zunehmenden Kritik an dem etablierten Begutachtungsverfahren entgegentreten kann. Die britische Royal Society gibt dazu als Grundton vor: „Open inquiry is at the heart of the scientifi c enterprise“ – oder, frei übersetzt: Offenheit ist Wesenskern der Wissenschaft. Copernicus, ein etablierter Verlag im Bereich Erde und Umwelt, hat bereits vor über zehn Jahren ein Verfahren eingeführt, das als „Open Peer Review“ bekannt ist; dabei werden sowohl die eingereichten Manuskripte als auch die Gutachten sofort veröffentlicht. Die Gutachter können selbst entscheiden, ob sie anonym bleiben oder nicht. Ulrich Pöschl, Pionier-Anwender dieses transparenten Verfahrens und Chefredakteur der internationalen Zeitschrift Atmospheric Chemistry and Physics, ist überzeugt davon, dass es eine deutlich höhere Qualität sowohl der eingereichten Manuskripte als auch der Gutachten zur Folge hat. Mehrere andere Verlage haben mittlerweile mit ähnlichen Ansätzen nachgezogen. Natürlich darf man das Risiko nicht außer Acht lassen, dass sich ein kritisierter, womöglich blamierter Autor oder Antragsteller später revanchiert, wenn er den Namen des Gutachters kennt. Andererseits ist aber eine sorgfältige Begutachtung einer Publikation wie eines Forschungsvorhabens ein nicht zu unterschätzender wissenschaftlicher Beitrag. Sie sollte explizit gewürdigt werden, damit sie für junge Wissenschaftler weiter attraktiv ist. Sonst besteht die Gefahr, dass nicht mehr genug Gutachter zur Verfügung stehen. Angesichts dieser grundlegenden Qualitätsfragen gehört der anonymen Begutachtung in der Wissenschaft nicht die Zukunft.

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