Krebsstatistik

„Wir wissen noch zu wenig“

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Das Krebsüberleben hängt auch in Deutschland von den sozialen und ökonomischen Bedingungen am Wohnort ab. Das haben Forscher vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) gezeigt. Wir sprachen mit Lina Jansen vom DKFZ über mögliche Ursachen und die prognostizierte weltweite Zunahme der Krebsfälle in den nächsten Jahren

Wohlhabende Krebspatienten haben bessere Überlebenschancen als arme - das ist weltweit so, bekannt und nicht überraschend: Wer Geld hat, kann sich eben auch die beste medizinische Versorgung leisten und geht vielleicht auch anders mit der Erkrankung um. Warum haben Sie, zusammen mit einer Forschergruppe um Hermann Brenner am DKFZ, jetzt dazu eine neue Studie veröffentlicht?

Weil es zwar aus einer Reihe wohlhabender Länder - wie England und Kanada - Studien gibt, aber noch nicht aus Deutschland. Hier waren die notwendigen Daten schlicht noch nicht verfügbar. Die Studie zeigt: Auch in Deutschland hängt das Überleben von Krebserkrankungen von den sozialen und ökonomischen Bedingungen des Wohnorts ab.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben die Daten von zehn der sechzehn deutschen Landeskrebsregister ausgewertet; in den übrigen war die Datenqualität für diese Analyse noch unzureichend . Dort werden alle Krebserkrankungen und deren Verlauf dokumentiert. Unsere Analyse auf Landkreisbasis umfasst somit eine Million Patienten, die zwischen 1997 und 2006 an einer der 25 häufigsten Krebsarten erkrankt waren. Die Landkreise haben wir nach ihrer sozioökonomischen Situation eingeteilt - etwa Pro-Kopf-Einkommen, Arbeitslosenquote, kommunale Ein- und Ausgaben.

Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Obwohl in Deutschland praktisch jeder krankenversichert ist, haben Erkrankte aus dem sozioökonomisch schwächsten Fünftel der Landkreise in den ersten drei Monaten nach der Krebsdiagnose ein um mehr als 30 Prozent höheres Sterberisiko. Neun Monate nach der Diagnose liegt der Unterschied bei 20 Prozent, in den darauffolgenden vier Jahren bei 16 Prozent.

Woran liegt das? Gehen ärmere Menschen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen?

Die Unterschiede bleiben, wenn wir die Verteilung der unterschiedlichen Krebsstadien herausnehmen. Daher kann es nicht an der Vorsorge liegen.

Gibt es in wirtschaftlich schwächeren Landkreisen weniger oder schlechtere medizinische Einrichtungen?

Wir können nur sagen, wie es ist - zu den Gründen haben wir keine Daten. In den epidemiologischen Krebsregistern liegen keine ausreichenden Daten zur Behandlung des Patienten vor. Darum können wir nicht erkennen, ob die Therapien unterschiedlich verteilt sind oder es an anderen Gründen liegt.

Wo müsste eine weiterführende Studie ansetzen, welche Daten müssten generiert werden?

Für eine weiterführende Studie bräuchten wir beispielsweise Daten, die Auskunft über die Behandlung von Patienten geben. Einige Krebsregister erfassen solche Daten bereits. In anderen ist es geplant. Bis sie flächendeckend vorliegen, wird es noch dauern. Aber für einzelne Regionen wäre eine Auswertung bereits denkbar. Es gibt auch schon Studien über bestimmte kleinere Regionen, die Daten zur Behandlung haben. Wenn der sozioökonomische Status der Patienten mit erfasst wurde, kann man die Daten entsprechend analysieren. Aber eben längst noch nicht deutschlandweit.

Gibt es denn im internationalen Vergleich entsprechende weiterführende Studien?

Es gibt Einzelstudien, aber noch nichts Grundlegendes. Was immer mal auftaucht: In schwächeren Regionen haben die Patienten eher Begleiterkrankungen oder einen ungesünderen Lebensstil. Das kann sich natürlich auf den Erfolg einer Therapie auswirken.

Laut Welt-Krebsbericht, der gerade von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in London vorgestellt wurde, steigt die Zahl der Neuerkrankungen von Jahr zu Jahr, und auch die Zahl der Krebstoten. Im Jahr 2012 seien 8,2 Millionen Menschen an Krebs gestorben, in 20 Jahren werde die Zahl auf 13 Millionen gestiegen sein. Ist das allein mit dem Bevölkerungswachstum und der steigenden Lebenserwartung zu erklären?

Nicht nur. Durch eine Verbesserung der Diagnostik und Früherkennung steigt zunächst die Anzahl der neu entdeckten Krebserkrankungen. Fälle, die normalerweise durch klinische Beschwerden erst später entdeckt werden würden, werden nun schon bei den Früherkennungsuntersuchungen entdeckt. Das ist also eigentlich eine positive Nachricht. Ein anderer Grund für die gestiegene Anzahl der Krebsneuerkrankungen kann sein, dass sich der Lebensstil in den wirtschaftlich aufstrebenden Regionen in Richtung eines "westlichen Lebensstils" ändert, der das Krebsrisiko erhöht.

Wie ist die Lage in Deutschland?

In der Publikation "Krebs in Deutschland 2009/2010" der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister und des Zentrums für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut wird zwischen 2000 und 2010 ein Anstieg der Krebsneuerkrankungen um 21 Prozent bei den Männern und um 14 Prozent bei den Frauen berichtet. In diesem Bericht wurden auch altersstandardisierte Werte angeschaut, die zeigten, dass der Anstieg bei Männern und Frauen weitestgehend auf die steigende Lebenserwartung zurückzuführen ist. Bei Frauen blieb nach der Standardisierung ein leichter Anstieg der Neuerkrankungen um sieben Prozent. Dieser Anstieg hat wahrscheinlich mit der besseren Früherkennung durch Screeningmaßnahmen, etwa beim Brustkrebs, und einer generell besseren Diagnostik zu tun. Auch in den nächsten Jahren kann man - schon durch die Alterung der Bevölkerung - von einem weiteren Anstieg der Krebsneuerkrankungen ausgehen.

Dr. Lina Jansen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg

"Krebsüberleben hängt vom Wohnort ab" (Pressemeldung des DKFZ)

10.02.2014 , Interview: Thomas Röbke
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