Krebsforschung

„Wir müssen schlauer sein als der Tumor“

Foto: David Ausserhofer/MDC

Das Glioblastom ist der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen. Wie er genau entsteht, ist noch unklar. Wirksame und zielgerichtete Therapien gibt es bislang nicht. Der Molekulargenetiker Gaetano Gargiulo will das ändern und baut derzeit eine Nachwuchsforschungsgruppe in Berlin auf.

„Schon als kleiner Junge habe ich alles, was ich in die Finger bekommen habe, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, um zu verstehen, wie die Dinge funktionieren und welcher Mechanismus dahintersteckt“, sagt Gaetano Gargiulo. Und daran hat sich bis heute nichts geändert: Seine Neugierde und Ausdauer, den Dingen auf den Grund zu gehen, ist das, was ihn als Molekulargenetiker in der Krebsforschung jeden Tag aufs Neue antreibt. „Wir müssen verstehen, wie ein Tumor entsteht und wie eine Tumorzelle tickt, um Ansatzpunkte für eine Behandlung zu finden. Und dafür müssen wir das Uhrwerk des Tumors – seine molekularen Zusammenhänge – ganz genau unter die Lupe nehmen“, sagt der 36-Jährige.

Nach dem Abitur, war für Gargiulo klar, dass er etwas Naturwissenschaftliches studieren möchte. Er entschied sich für Biotechnologie, studierte an der Universität Neapel und promovierte an der European School of Molecular Medicine in Mailand in Molekularer Onkologie. Bis 2009 war er am European Institute of Oncology (Milan) tätig und ging an das Netherland Cancer Institute in Amsterdam. Dort arbeitet er als Postdoc im Bereich Cancer Epigenetics und kam dort zum ersten Mal mit der Forschung zum Glioblastom in Kontakt.

Ein Glioblastom ist ein bösartiger Hirntumor, der aus degenerierten Gliazellen entsteht und meist binnen weniger Monate zum Tod führt. Es sind zwei Eigenschaften, die es den Krebsforschern so schwer machen, eine Therapie zu finden: Zum einen ist es die hohe Variabilität. Ein Glioblastom kann verschiedene Formen annehmen, die von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sind. Selbst innerhalb ein und derselben Tumormasse unterscheiden sich die Zellen oft erheblich. Hinzu kommt, dass der Hirntumor außer Reichweite der meisten Krebsmedikamente entsteht, da diese nur in begrenztem Maße die Blut-Hirn-Schranke passieren können.
Neueste technologische Fortschritte ermöglichen es Wissenschaftlern heute, sehr viel schneller detailgetreue Modelle von Erkrankungen zu erstellen, die wie das Glioblastom bislang nur schwer zu bekämpfen sind. Gargiulo: „Dadurch ist es möglich, großangelegte genetische Screenings in Kombination mit anderen Methoden durchzuführen und so bei der Suche nach neuen Behandlungsstrategien weiter voranzukommen.“

Derzeit baut Gargiulo am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) eine eigene Helmholtz-Nachwuchsgruppe auf. Mit seinem Team will er jedes einzelne Gen des Glioblastoms und seine Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf untersuchen. „Im Idealfall entdecken wir spezifische Strukturen, die Krebszellen für ihr Überleben brauchen, für gesunde Zellen jedoch entbehrlich sind“, sagt Gargiulo. „Diese molekularen Schalter zu finden, wäre ein großer Schritt in Richtung neuer Therapien.“ So könnten Tumore wirksam behandelt werden, ohne lebenswichtiges gesundes Gewebe zu schädigen. Dieses Konzept, das sich "synthetische Letalität" (engl. synthetic lethality) nennt, ist für die Entwicklung neuer Krebstherapien sehr wichtig geworden.

„Die Krebszellen sind klug und nutzen die molekularen Mechanismen, die auch gesunde Zellen verwenden. Die Suche nach der Achillesverse des Tumors, die wir für den zielgerichteten Kampf gegen das Glioblastom nutzen können, gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen - eigentlich eher der Suche nach einer Nadel in einem Nadelhaufen“, so Gargiulo. „Wir müssen schlauer sein als der Tumor. Das wird nicht einfach, doch die optimalen Forschungsbedingungen am MDC, das multidisziplinäre Umfeld und der wissenschaftliche Austausch mit Kooperationspartnern werden meine Forschung sicherlich ein gutes Stück voranbringen.“

Förderprogramm 'Helmholtz-Nachwuchsgruppen'

Mit den Helmholtz-Nachwuchsgruppen unterstützt die Helmholtz-Gemeinschaft die frühe Selbstständigkeit der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und bietet ihnen eine verlässliche Karriereperspektive. Dieses Programm ist in Deutschland einmalig und erhöht die Attraktivität der Zentren für Nachwuchskräfte aus aller Welt. Seit Beginn der Förderung aus dem Impuls- und Vernetzungsfonds im Jahre 2003 wurden bisher rund 200 Personen in das Programm aufgenommen – ein Großteil sind Ausländer oder Deutsche, die nach einem Forschungsaufenthalt im Ausland zurückkehren. Das Programm trägt somit wesentlich dazu bei, exzellente junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für den Forschungsstandort Deutschland zu gewinnen.

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02.11.2016 , Nicole Silbermann
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