Heiße Sommer sind besonders in den Städten eine Belastung. Bild: TWStock/Shutterstock

Interview

Wie viele Menschenleben kostet ein Hitzesommer?

In dem jüngst veröffentlichten Bericht der Bundesregierung zum Klimawandel ist von tausenden Menschen die Rede, die in einem heißen Sommer zusätzlich sterben. Wie kommen diese Zahlen zustande? Wir haben die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München gefragt.

Frau Schneider, laut einer jüngst veröffentlichten Studie sind im Jahr 2003 rund 7.500 Menschen in Deutschland zusätzlich durch die Hitze gestorben, in den Jahren 2006 und 2015 waren es jeweils 6.000 Menschen. Wie kommen diese Zahlen zustande?

Im Prinzip schaut man sich einfach an, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum mehr sterben, als unter normalen Bedingungen zu erwarten wäre. So vergleicht man zum Beispiel mehrere Tage, an denen jeweils mehr als 27 Grad erreicht werden mit den gleichen Wochentagen der Woche davor und danach, an denen es kühler als 27 Grad war. Die Differenz der Todesfälle sind dann der Hitzewelle zuzuschreiben.

Man unterscheidet hier also nicht, ob die Todesfälle direkt etwas mit der Hitze zu tun haben können? Unfalltote beispielsweise werden auch mitgerechnet?

Man beschränkt sich dabei auf die sogenannten „natürlichen Todesfälle“. Unfälle oder Todesfälle mit kriminellem Hintergrund werden schon ausgeklammert. Besser ist es natürlich, wenn man ursachenspezifisch an die Sache herangeht. Im Fall von Hitzetoten etwa würde man Todesfälle aufgrund von kardiovaskulären Vorfällen oder Atemwegsproblemen besonders in den Fokus nehmen. Hier ist der Zusammenhang mit Hitzeereignissen sehr plausibel.

Nun könnte es ja auch sein, dass es in den Vergleichszeiträumen andere Unterschiede gab, die sich auf die Mortalität ausgewirkt haben.

Das ist schon richtig. Allerdings kommt es immer darauf an, was man als Referenzwerte nimmt. Man hat beispielsweise die Todesfälle im Rekordsommer 2003 genommen und sie mit dem Durchschnittswert der Sommer aus den Jahren 1999 bis 2002 verglichen. Hier zeigte sich zum Beispiel in Paris, dass die Zahl der Todesfälle zwischen dem 1. und dem 19. August 2003 um 142 Prozent höher lag als im gleichen Zeitraum in den Jahren 1999 bis 2002. Und wenn man dann noch die bekannten ursächlichen Beziehungen zwischen Hitze und Todesfällen in Betracht zieht, ist es schon naheliegend, dass die Hitze auch die Ursache der zusätzlichen Todesfälle ist.

Können Sie diese Beziehungen beschreiben? Woran sterben die Menschen konkret an einem sehr heißen Sommertag?

Häufig ist es ein Herz-Kreislauf-Versagen, ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Besonders betroffen sind alte und chronisch kranke Menschen, Säuglinge und Menschen, die schwerste körperliche Arbeit in der Hitze verrichten müssen. Oft trinken die Betroffenen zu wenig. Dadurch verändert sich der Elekrolythaushalt im Körper und die Viskosität des Blutes nimmt zu. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit von Blutgerinseln und damit das Auftreten von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Menschen, die schon Vorerkrankungen haben, wie Arteriosklerose oder Herzinsuffizienz, sind natürlich besonders gefährdet. Die Hitze verändert aber bei allen Menschen die Herzfrequenz und den Blutdruck.

Wie gut sind diese Zusammenhänge untersucht?

Dass der Zusammenhang besteht, ist gut belegt. Was die wirklich zu Grunde liegenden Mechanismen angeht, gibt es noch einige offene Fragen. Das ist ein Forschungsschwerpunkt von uns. Wir schauen uns etwa in der KORA-Studie in Augsburg an, wie sich die Blutwerte oder das EKG bei Hitze - und Kälte - verändern. Hier eignet sich auch ganz besonders die deutschlandweite NAKO Gesundheitsstudie, da man hier auch die unterschiedlichen lokalen Klimaeinflüsse mit untersuchen kann. Wir versuchen anhand dieser Studien die ablaufenden Mechanismen genau zu verstehen, die letztendlich zu einem schweren Ereignis wie einem Herzinfarkt führen.

Können die Betroffenen außer dem Vermeiden der Hitze etwas tun, um das Risiko zu verringern, beispielsweise bestimmte Medikamente einnehmen?

Leider ist die Forschung noch nicht so weit, dass man guten Gewissens bestimmte Medikamente zur Hitzeprävention empfehlen könnte. Aber natürlich sollten chronisch Kranke darauf achten, dass sie gerade bei Hitze alle ihnen verschriebenen Medikamente genau nach Verordnung einnehmen und nichts vergessen. Zudem sollte man auf jeden Fall viel trinken um der Dehydrierung und einem Salzmangel durchs Schwitzen vorzubeugen. Es ist wichtig, immer wieder kühlere Räume aufzusuchen - vor allem nachts, denn wenn die nächtliche Abkühlung fehlt, ist das besonders belastend für den Körper. Zudem sollte man sich natürlich an heißen Tagen nicht besonders stark körperlich anstrengen und es eher ruhiger angehen lassen. Die Siesta in den südlichen Ländern hat dahingehend durchaus ihren Sinn.

Klimawandel in Deutschland: Monitoringbericht des BMU / UBA

04.12.2019 , Interview: Martin Trinkaus

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