In Zeiten der COVID-19-Pandemie wird das gesellschaftliche Leben zum Teil stark eingeschränkt. Bild: Pixabay / Tumisu

Wie verändert die Coronakrise unsere Gesellschaft?

Die COVID-19-Pandemie wird auch zum sozialen Belastungstest. Drei Helmholtz-Forscher erzählen, was das mit unserer Gesellschaft macht – und was wir daraus lernen können.

Die Welt befindet sich in einem großen gesellschaftlichen Experiment mit unklarem Ausgang. Welche Folgen haben die Einschränkungen des sozialen Lebens? Wie lange halten Menschen es aus, in einer Wohnung quasi eingesperrt zu sein? Mit welchem Argumenten kann man kleine Kinder von Gleichaltrigen fernhalten, wie Großeltern von ihren Enkelkindern distanzieren, ganze Unternehmen ins Homeoffice schicken?

Die Hirnforscherin Katrin Amunts vom Forschungszentrum Jülich hat sich intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Als stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates hat sie an dessen Stellungnahme zur Solidarität und Verantwortung in der Coronakrise mitgearbeitet. Sie betont: „Im Moment müssen die berechtigten Ansprüche und Interessen von Gruppen gegeneinander abgewogen werden. In der derzeitigen Ausnahmesituation entstehen enorme Belastungen, und grundlegende Normen und Ansprüche geraten fast zwingend miteinander in Konflikt.“ So entstehen etwa Konflikte zwischen dem grundsätzlichen Recht auf Freiheit und dem Schutz der Gesundheit des Einzelnen. Amunts sieht die Politik in der Pflicht, ausgleichend Sorge zu tragen, dass keine gesellschaftliche Gruppe unverhältnismäßig oder in nicht tragbarer Weise von den Einschränkungen betroffen wird.

Akzeptanz erhöhen und sagen, was man nicht weiß

Aus Amunts‘ Sicht wird die Bevölkerung die Einschränkungen nur dann akzeptieren, wenn die politisch Verantwortlichen die Gründe für ihr Handeln offen und umfassend kommunizieren. „Es muss darum gehen, auf Überzeugung zu setzen statt zu diktieren.“ Umso schwieriger, wenn der Feind noch relativ unbekannt ist. Das weiß auch Matthias Groß, Leiter des Departments Stadt- und Umweltsoziologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Sein Spezialgebiet ist das Nichtwissen, das in der Wissenschaft der größte Antrieb schlechthin ist. „Am Anfang der Coronakrise konnten wir beobachten, wie gut kommuniziert wurde, dass man vieles zum Virus und seinen Auswirkungen schlichtweg nicht weiß.“

Das findet Groß überhaupt nicht problematisch. Denn diese Transparenz helfe den Menschen, die Situation besser zu verstehen, geduldig zu sein und Empathie zu empfinden: „Die Menschen haben die Beschränkungen erstaunlicherweise hingenommen, die auf Basis von Nichtwissen beschlossen wurden.“ Nun aber beobachte er eine Abnahme dieser ehrlichen Kommunikationsrichtung und sieht darin die Gefahr, dass Verschwörungstheorien Nahrung finden. „Es werden Wahrheiten eingefordert, die es nicht geben kann, und Sicherheiten kommuniziert, die wir nicht garantieren können.“ Das gefährde die Verbundenheit, die die Gesellschaft in dieser besonderen Situation derzeit benötige.

Zwischen gesundheitlichen und psychosozialen Folgen abwägen

Auch Katrin Amunts befürchtet, dass die derzeitige große Solidarität abnehmen oder ermüden könnte. „Eine ungerechte oder so empfundene Lastenverteilung könnte den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“, sagt sie. In der Stellungnahme des Ethikrats empfehlen die Experten, den psychosozialen Folgen der Kontakteinschränkungen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. „Die Gefahr der Vereinsamung, Gefühle der Unsicherheit, Angst oder Hilflosigkeit sowie der Anstieg häuslicher Gewalt sind mögliche Konsequenzen, die aus der dauerhaften Isolation oder der Kontaktreduktion entstehen könnten“, erklärt Amunts. Der Ethikrat schlägt in seiner Stellungnahme deshalb vor, laufend zu kontrollieren, ob die ergriffenen Maßnahmen wirklich erforderlich und angemessen sind. Die Bevölkerung müsse ständig darüber informiert werden, wie lange die Kontaktsperren andauern sollen und wie die Rückkehr in die Normalität aussehen kann. Jede Grundrechtseinschränkung gelte zu jedem Zeitpunkt als rechtfertigungsbedürftig.

Außerdem stellt sich für Amunts die Frage, welchen Schaden in allen gesellschaftlichen Bereichen die Politik gewillt sei hinzunehmen, da viele Menschen beispielsweise auch um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. „Aber klar ist auch: Noch schlimmere Folgen würden eine zu frühe Öffnung und ein damit möglicher Kontrollverlust haben“, bekräftigt die Medizinerin. „Ich frage mich schon, was es mit unserer Gesellschaft machen würde, sehenden Auges Todesfälle in großer Zahl in Kauf nehmen. Wir führen die Debatte darüber manchmal recht abstrakt, aber letztlich spitzt es sich darauf zu.“ Wesentlicher Orientierungspunkt müsse deshalb bleiben, die Reproduktionszahl deutlich unter 1 zu halten und den Anstieg der Infektionen zu stoppen.

Nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen

Ein weiteres Problem: Die Prognosen, wie lange die Krise anhalten wird, unterscheiden sich stark – die Spannweite reicht von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren. Wird die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft nachhaltig verändern? „Den Eindruck habe ich persönlich schon“, sagt Amunts, „und nehme auch wahr, dass es vielen so geht.“ Die Verwundbarkeit unserer Lebensweise werde offengelegt, aber die Krise könnte auch die Chance in sich tragen, das Land und die Gesellschaft nachhaltig zu stärken. „Wir werden wissen, was wir gemeinsam durchstehen können“, glaubt Amunts.

Ein paar positive gesellschaftliche Entwicklungen sind entsprechend auch zu beobachten: Entschleunigung, weniger Hetze im Alltag und ein größeres Bewusstsein für die kleinen Dinge des Lebens einerseits – und die Beschleunigung der Entwicklung und Anwendung digitaler Technologien in Kommunikation, Arbeit und Wissenschaft andererseits. Das freut unter anderem Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): „Gemessen an den Unkereien, dass wir ein digitales Entwicklungsland sind, funktioniert die Verlagerung des Lebens ins Digitale überraschend gut.“ Natürlich sei das Netz stark belastet und es gehe nicht alles so schnell wie gewünscht, aber durch die vielen Videokonferenzen würden schließlich Unmengen an Daten verschoben. Der Umgang mit Technologien, die vorher eher kritisch beäugt wurden, sei binnen einer Woche gelernt worden – die Kompetenz war da. „Wir sehen aber auch ziemlich gut, was das Internet alles nicht kann: 30 Leute in einer Videokonferenz diskutieren zu lassen, das geht nicht“, bekräftigt Grunwald.

Das Ende von analog versus digital

Im Privaten profitieren die Menschen ebenfalls von digitalen Tools. „Menschen brauchen Kontakte auch in Echtzeit. Für eine begrenzte Zeit und für Menschen, die sich gut kennen, funktioniert das über Videotelefonie.“ Neue, tiefe Beziehungen lassen sich digital aber nicht aufbauen. Am Ende ist das Internet nur ein Ersatz für Dinge, die man lieber analog machen sollte. Und so hat das Ganze für den Technikphilosophen auch etwas Gutes: „Diese blöde Diskussion analog versus digital werden wir nach der Coronakrise nicht mehr führen. Wir werden das Digitale zu schätzen wissen und es bewusster nutzen, um unser analoges Leben besser zu machen.“

 

Stellungnahme des Deutschen Ethikrates

Hier finden Sie Erklärungen wichtiger Begriffe rund um das Coronavirus SARS-CoV-2.

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29.04.2020 , Isabell Spilker

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