Interview

Wenn das Gehirn trunken ist

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Beschwingt, enthemmt und unbesiegbar - so fühlen sich viele nach ein paar Gläsern Alkohol. Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) kennt die biologischen Hintergründe der Glücksgefühle durch Alkohol - und weiß, was passiert, wenn das Wohlgefühl zur Sucht wird.

Wieso fühlt man sich gut, wenn man Alkohol trinkt?

Bereits geringe Mengen Alkohol haben eine entspannende, angstlösende und stimulierende Wirkung. Das hängt vor allem mit dem Belohnungssystem im Gehirn zusammen. Generell reagiert es auf Reize wie gutes Essen, Sex oder eben Alkohol. Sie stimulieren bestimmte Bereiche im Belohnungssystem und daraufhin wird Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der oft auch als Glückshormon bezeichnet wird. Letztlich führt das zu einem Wohlgefühl. Alkohol hat eine sehr vielfältige Wirkung im Gehirn, weil er an verschiedene Rezeptoren bindet.

Werden Sie gerne konkreter!

Der angstlösende, entspannende Effekt kommt in erster Linie daher, dass Alkohol an den γ-Aminobuttersäure-Rezeptor bindet und ihn aktiviert. Das führt zu einer Ausschüttung von Botenstoffen, die eine hemmende Wirkung auf das Gehirn haben. Dadurch fühlt man sich locker und entspannt. Dann bindet Alkohol auch noch an Serotoninrezeptoren. Das sorgt dafür, dass Dopamin und letztendlich Endorphine ausgeschüttet werden, die wiederum ein Wohlgefühl auslösen. Alkohol bindet auch an den L-Glutamatrezeptor und wirkt dadurch lähmend. Je mehr man trinkt, desto mehr kommt diese hemmende, betäubende Wirkung durch. Alkohol sorgt auch für den Verlust der Kritikfähigkeit. Man fühlt sich ganz toll und stark – das ist besonders bei Jugendlichen problematisch.

Warum sind Jugendliche besonders gefährdet?

Jugendliche haben generell eine deutlich höhere Risikobereitschaft. Sie probieren gern neue Dinge aus, und dazu gehört auch das Trinken. In der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter hinein werden im Gehirn viele bestehende Verbindungen gelöst und neue geknüpft – insbesondere in einem Bereich, der die kognitiven Leistungen und die Kontrolle von Emotionen steuert und außerdem für die Persönlichkeitsstruktur wichtig ist. Wenn man in diesem Alter viel Alkohol trinkt, wird das Gehirn nachhaltig anders aufgebaut: Dadurch kann das Gehirnvolumen abnehmen, das Gedächtnis leiden und die räumliche Wahrnehmung beeinträchtigt werden.

Bis zu welchem Alter hat Alkohol denn diese Wirkung?

Ab 16 darf man ja schließlich schon legal Bier trinken. Besonders empfindlich ist das Gehirn während der Umbauprozesse in Pubertät und jungem Erwachsenenalter. Daher finde ich es wichtig, dass die Altersgrenze für jegliche Form von Alkohol – auch für Bier – in Deutschland einheitlich auf 18 Jahre angehoben wird. Allerdings kann ein hoher Alkoholkonsum auch bei Erwachsenen schwere Schäden anrichten.

Viele trinken ja Alkohol und werden trotzdem nicht süchtig. Wie kommt es bei manchen zur Sucht?

Dafür müssen viele Faktoren zusammenkommen, dazu gehören genetische und körperliche Faktoren sowie Umwelteinflüsse wie psychische Belastungen und der kulturelle Umgang mit Alkohol. Mit Blick auf das Gehirn kann man sagen, dass sich die Anzahl der Rezeptoren und ihre Regulation untereinander verändert. Dadurch kommt es zu einer Toleranzbildung. Das bedeutet, man braucht immer mehr von einer Substanz, bis eine Wirkung auftritt – zum einen weil die Rezeptoren weniger empfindlich werden und zum anderen weil mehr Rezeptoren gebildet werden. Und je mehr davon da sind, desto mehr Wirkstoff ist nötig, um sie zu besetzen. Außerdem kommt noch ein wichtiger Punkt hinzu: die Konditionierung. Der Abhängige verbindet bestimmte Situationen wie etwa eine Kneipe mit diesem Wohlgefühl, das er beim Trinken empfunden hat. Kommt er wieder in die Situation, braucht er nicht einmal Alkohol zu sehen und verspürt schon den Drang, ein Glas zu trinken. Diese Konditionierung ist leider etwas, das sich schwer wieder verlernen lässt.

Wie können Medikamente beim Entzug helfen?

Es gibt Opiathemmer, die den Belohnungseffekt im Gehirn abschwächen. Sie blockieren die Rezeptoren, so dass weniger Dopamin ausgeschüttet wird. Dadurch stellt sich das Wohlgefühl nicht ein und der Drang lässt nach, Alkohol zu trinken. Aber das löst nur einen Teil des Problems: Man kann den Belohnungseffekt abschwächen, aber in erster Linie ist es wichtig, dass Alkoholiker mit kritischen Situationen umzugehen lernen und Gewohnheiten durchbrechen.

01.03.2018 , Interview: Annette Doerfel
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