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Welche Schäden drohen nach einer überstandenen Infektion?

Ein kleiner Teil der Menschen, die eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus durchgemacht haben, leiden auch Monate danach noch unter den Folgen. Forscher wollen nun ergründen, ob und unter welchen Bedingungen COVID-19 zu langfristigen Schäden führen kann.

Das neuartige Coronavirus greift die Lunge nicht nur akut an – und es kann unter Umständen dauerhafte Gesundheitsschäden verursachen. Diese Erkenntnis kristallisiert sich mittlerweile immer stärker heraus. Welche Beeinträchtigungen sind möglich, und wie wahrscheinlich sind sie? Die Langzeitfolgen von COVID-19 sind zurzeit eins der am meisten beforschten Felder in der Medizin. Und das aus gutem Grund. „Selbst bei asymptomatischen Fällen findet man in der Hälfte der Fälle deutliche Lungenveränderungen. Eine überstandene COVID-19-Erkrankung kann aber nicht nur an der Lunge, sondern auch an anderen Organen wie z.B. dem Herzen oder Geschmacksknospen Schäden hinterlassen oder anhaltende Gefühlsstörungen verursachen - zumindest bei einem kleinen Teil der Patienten“, sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München. Allerdings ließen sich bisher keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen über Langzeitfolgen treffen; schließlich ist die Erkrankung erst seit wenigen Monaten bekannt. Aber die Hinweise sind zahlreich.

Kurzatmigkeit und schnelle Erschöpfung

Das gilt insbesondere für das Organ, das die Viren anfangs befallen: die Lunge. Durch die Entzündungsreaktion, die das Virus dort hervorruft, können Lungenzellen beschädigt werden. Ist der Verlauf besonders schwer und langwierig, kann eine Lungenfibrose auftreten. Dabei werden Teile des gesunden Lungengewebes durch Bindegewebe ersetzt, welches anschließend verhärtet und vernarbt. Die Folge: Sauerstoff gelangt schlechter in die Blutgefäße. Eine solche Lungenfibrose kann der Körper – wenn überhaupt – nur sehr langsam rückgängig machen, die Leistung der Lunge ist meist dauerhaft eingeschränkt. Betroffene sind schon nach kleinen Anstrengungen kurzatmig. „Manche Patienten berichten, dass sie auch Wochen und Monate nach einer überstandenen COVID-19-Erkrankung weniger belastbar sind“, sagt Protzer. Es bleibe abzuwarten, ob diese Einschränkungen im Laufe der Zeit langsam wieder verschwinden.

Steigendes Risiko für Blutgerinnsel

Doch das Virus greift offenbar nicht nur die Lunge an, sondern auch weitere Organe und Organsysteme. Im Gefäßsystem etwa bilden sich bei manchen COVID-19-Patienten vermehrt Blutgerinnsel. „Laut Studien ist die Zahl dieser Blutgerinnsel bei schwer Erkrankten um 20 bis 30 Prozent erhöht“, sagt Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Wie es dazu kommt, ist bisher noch unklar. „Denkbar ist unter anderem, dass das Virus die Endothelzellen, die die Blutgefäße auskleiden, direkt infiziert und beschädigt“, sagt Brinkmann. Dass SARS-CoV-2 auch die Endothelzellen des Nervengewebes befallen kann, konnten Forscher in Laborstudien bereits zeigen.

Blutgerinnsel können unter anderem in den Beinen oder in der Lunge auftreten und schwerwiegende Folgen haben: Zunehmend kristallisiert sich heraus, dass bei schweren COVID-19-Verläufen das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Lungenembolien steigt. All diese Krankheiten verursachen oft längerfristige Probleme. So wurden bereits bei einigen COVID-19-Patienten Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen beobachtet – Einschränkungen, die vermutlich auf Schlaganfälle zurückzuführen sind. Studien legen zudem nahe, dass ein Viertel aller verstorbenen COVID-19-Patienten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestorben ist.

Schäden in Niere, Leber und Gehirn

Auch zu Nieren- und Leberschäden kommt es bei COVID-19-Patienten überdurchschnittlich häufig: Bei mehr als einem Drittel der Erkrankten mit schweren Verläufen versagt die Niere. In wenigen Fällen wurde das Virus sogar im Nervenwasser nachgewiesen – das kann im Gehirn eine direkte Entzündung auslösen, in der Fachsprache Meningoenzephalitis genannt. Auch hier sind langfristige Folgen möglich, darunter dauerhafte kognitive Probleme und Gedächtniseinschränkungen.

Folgen der künstlichen Beatmung

Neben den direkten Angriffen durch das Virus und die hervorgerufenen Entzündungsreaktionen kann auch die künstliche Beatmung, die bei ernsten Krankheitsverläufen häufig notwendig ist, zu Problemen führen. „Oft werden COVID-19-Patienten mehr als eine Woche beatmet. Das schädigt die Lunge zusätzlich. Wir wissen von der künstlichen Beatmung bei anderen Erkrankungen, dass die Patienten noch Monate danach kurzatmig sind“, sagt Protzer.

Insgesamt geringes Risiko für Komplikationen

Trotz all dieser nachgewiesenen, kurz- oder längerfristigen Folgen kommen – und das ist die gute Nachricht – die allermeisten Patienten unbeschadet über eine COVID-19-Erkrankung hinweg. „Alles deutet darauf hin, dass das Risiko von langfristigen Schäden umso kleiner ist, je milder der Verlauf ist“, so Ulrike Protzer aus München. Und der milde Verlauf scheint häufig zu sein; nur rund drei bis vier Prozent der Patienten muss etwa auf Intensivstationen behandelt werden.

Das Risiko für einen solchen schweren Verlauf ist besonders erhöht bei Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes sowie bei fortgeschrittenem Alter. Nach aktuellem Kenntnisstand haben ältere Menschen mit Vorerkrankungen auch ein höheres Risiko, nach einer Infektion längerfristige Schäden und Einschränkungen davonzutragen. Das ist naheliegend: Im Vergleich zu einem gesunden Organ regeneriert sich ein bereits geschädigtes oder altes Organ in den meisten Fällen langsamer oder nur bis zu einem gewissen Grad.

Patienten ohne Vorbelastungen mit milden Verläufen haben also vergleichsweise wenig zu befürchten. Aber ganz sicher vor Komplikationen sind auch sie nicht, betont Ulrike Protzer: Es gehe auch hier nur um Wahrscheinlichkeiten, im Einzelfall können auch nach einem initial milden Verlauf bei sonst gesunden, jüngeren Menschen Komplikationen wie z.B. ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall auftreten.

Im April etwa hatte die Münchner Virologin noch einen sportlichen, jungen Patienten behandelt, der sich beim Skiurlaub in Österreich infiziert hatte und mit mittelschweren Symptomen wenige Tage in der Klinik war. „Vor ein paar Tagen hat der Patient nun besorgt angerufen und berichtet, dass er immer noch beim Treppensteigen schon nach einem Stockwerk außer Atem sei“, sagt Protzer. Sie hofft, dass solche Fälle eine Ausnahme bleiben.

20.07.2020 , Christian Heinrich

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