Interview

Vitamin-Mangel im Alter

Bild: Shutterstock

Jeder Zweite über 65 hat zu wenig Vitamin D im Blut. Das haben Wissenschaftler in einer groß angelegten Bevölkerungsstudie festgestellt. Im Gespräch erklärt die Leiterin der Untersuchung, was das bedeutet.

Frau Thorand, bei Ihrer repräsentativen Untersuchung zur Versorgungslage von älteren Menschen mit Vitamin D, Folsäure, Vitamin B12 und Eisen stellte sich heraus, dass jeder vierte Über-65-Jährige zu wenig Vitamin B12 im Blut hatte und sogar jeder zweite mangelhaft mit Vitamin D versorgt war. Haben Sie diese Werte überrascht?

In Hinblick auf das Vitamin D nicht so sehr; eine Studie des Robert-Koch-Instituts kam bereits zu ähnlichen Ergebnissen. Zur Situation bei Vitamin B12 gibt es bisher so gut wie keine Daten in Deutschland und da hat es uns schon überrascht, dass der Prozentsatz so hoch ausfiel.

Aber es wird doch alles Mögliche im Bereich Gesundheit untersucht, gerade wenn es um Ernährung geht. Warum hat da noch keiner genauer hingeschaut?

Es gibt unter anderem die nationale Verzehrstudie, die die Aufnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen über die Nahrung erfasst. Aber Blutanalysen, wie wir sie jetzt gemacht haben, sind verhältnismäßig teuer. Darum ist die Studienlage hier eher dünn.

Warum ist Vitamin B12 überhaupt so wichtig?

Vitamin B12 ist an einer großen Zahl von Stoffwechselprozessen beteiligt, und hat dabei sehr vielfältige Funktionen. Ein Vitamin-B12-Mangel kann zu sehr unspezifischen Symptomen führen wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit, er kann Blutbildveränderungen und neurologische Symptome hervorrufen wie Kribbeln in den Armen oder Beinen, also Sensibilitätsstörungen, aber auch zerebrale oder psychische Symptome wie Verwirrtheit und Störungen von Gedächtnis oder Urteilsvermögen. Wir haben eine suboptimale Vitamin-B12-Versorgung festgestellt, was aber nicht bedeutet, dass alle Personen, die bei unserer Studie in die Risikogruppe fallen, zwangsläufig massive Mangelsymptome entwickeln.

Und welche Folgen hat eine Vitamin-D-Unterversorgung?

Die Hauptfunktion von Vitamin D ist es, den Kalziumhaushalt zu regulieren. Damit spielt es eine sehr wichtige Funktion im Stoffwechsel der Knochen. Wenn ich unter Vitamin-D-Mangel leide, erhöht das im Alter die Gefahr von Osteoporose, also von Knochenabbau. Damit erhöht sich wiederum die Gefahr von Knochenbrüchen, die gerade für ältere Menschen eine ernsthafte Gefahr werden können, ich denke da z.B. an Oberschenkelhalsbrüche. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass ein Vitamin-D-Mangel möglicherweise auch das Risiko für Krankheiten wie Herzinfarkt oder Diabetes erhöht.

Der Körper bildet doch selbst Vitamin D in der Haut, wenn sie Sonnenlicht ausgesetzt ist. "Senioren, geht mehr in die Sonne!" - Wäre das Ihr Appell?

Ja, durchaus. Wobei man natürlich bedenken muss, dass in Deutschland die UVB-Bestrahlung in den Wintermonaten nicht ausreicht, um hinreichend Vitamin D über die Haut zu bilden. In der übrigen Zeit des Jahres ist der Weg ins Freie durchaus sinnvoll, gerade für Senioren. Denn bei ihnen stellt die Haut ohnehin weniger Vitamin D her als bei jüngeren Personen. Natürlich sollte ein Sonnenbrand vermieden werden.

Lässt sich ein Vitamin-D-Mangel im Winter wenigstens durch die Nahrung ausgleichen?

Durch eine gezielte Ernährung lässt sich durchaus etwas erreichen. Seefisch beispielsweise ist reich an Vitamin D und auch an Vitamin B12. Milchprodukte, besonders Käse, ebenso. Es gibt aber ein zusätzliches Problem: Gerade ältere Menschen haben bei B12 häufig eine Resorptionsstörung, dadurch wird es aus der Nahrung nicht optimal aufgenommen. Wenn ein ärztlich diagnostizierter Mangel vorliegt, sollten sie darum gezielt Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.

Für ein paar Vitamintabletten muss ich doch nicht extra zum Arzt, die kann ich mir doch in der Drogerie, in der Apotheke oder im Supermarkt besorgen.

Natürlich kann man niedrig dosierte Präparate auch in Form von Selbstmedikation einnehmen, ohne dass man viel Schaden anrichtet - immer vorausgesetzt, dass man nicht zu hoch dosiert. Aber sinnvoll wäre es schon, das mit einem Arzt zu besprechen, der kennt auch genau die Risikofaktoren, kann im Zweifelsfall die Blutparameter messen und gezielt eingreifen.

Was hätte eine Überdosierung denn für Folgen?

Bei extrem hohen Dosen von Vitamin D kann es zu einer Hyperkalzämie kommen, also einem erhöhten Kalziumspiegel im Blut.

Was heißt das?

Es kann dadurch zu Verkalkungen kommen, z.B. im Herz oder in der Niere. Bei Vitamin B 12 ist die Gefahr einer Überdosierung nicht so groß. Trotzdem sollte man nicht unkontrolliert Megadosen aufnehmen.

Sie haben auch die Werte von Eisen und Folsäure untersucht.

Eisenmangel lag bei elf Prozent der Untersuchten vor, der Folsäurewert war bei neun Prozent zu niedrig.

Das klingt nicht so dramatisch.

Da stimme ich Ihnen zu. Gerade bei der Folsäure hatten wir gedacht, dass es ein größeres Problem wäre. Bei Eisen ist es so, dass der sogenannte Serum-Eisen-Parameter, den wir gemessen haben, nicht unbedingt der optimale Parameter ist. Es kann sinnvoller sein zu schauen, ob eine Anämie vorliegt. Das sind dann die klinisch relevanteren Stadien.

Haben sich aus der Studie weitere Pläne entwickelt?

Wir würden uns gerne noch den einen oder anderen funktionellen Stoffwechselparameter im Detail ansehen. Der nächste Schritt wäre dann genauer zu schauen, wie sich eine supoptimale Vitaminversorgung in den nächsten Jahren auf die Gesundheit der untersuchten Personen auswirkt.

KORA-Studie

Die Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (KORA) untersucht seit 30 Jahren die Gesundheit tausender Bürger aus dem Raum Augsburg. Ziel ist es, die Auswirkungen von Umweltfaktoren, Verhalten und Genen auf die Gesundheit zu verstehen.

Kernthemen der KORA-Studien sind Fragen zu Entstehung und Verlauf von chronischen Erkrankungen, insbesondere Herzinfarkt und Diabetes mellitus. Hierzu werden Risikofaktoren aus dem Bereich des Gesundheitsverhaltens (u.a. Rauchen, Ernährung, Bewegung), der Umweltfaktoren (u.a. Luftverschmutzung, Lärm) und der Genetik erforscht. Aus Sicht der Versorgungsforschung werden Fragen der Inanspruchnahme und Kosten der Gesundheitsversorgung untersucht.Die KORA-Age Studie hat das Ziel, Faktoren für ein gesundes und zufriedenes Altern zu identifizieren und die aktive Teilnahme älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben zu unterstützen. Mit den Ergebnissen kann ein wichtiger Beitrag zur epidemiologischen Forschung und Gesundheitsförderung im Alter geleistet werden.

14.12.2017 , Mit Barbara Thorand sprach Thomas Röbke
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