Bakteriophagen

Virus schlägt Bakterium

Phagen, Bakteriophagen
Phagen docken an eine Zelle an. Bild: Graham Beards/CC BY-SA 3.0

Bakteriophagen sind eine hoffnungsvolle Waffe im Kampf gegen bakterielle Infektionen. Doch ihre Erforschung wird bisher wenig gefördert. Dank einiger neuer Entwicklungen könnte nun Bewegung in die Sache kommen.

Lungenentzündung, Harnwegsinfekt und infizierte Wunden erschienen uns lange als wenig bedrohlich, weil sie dank Antibiotika schnell geheilt sind. Doch die einstige Wunderwaffe versagt zunehmend: Einige der krankmachenden Bakterien haben inzwischen Wege gefunden, mit den Medikamenten fertig zu werden. Susanne Häußler vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sagt: „Vor allem in Krankenhäusern entwickeln sich Keime, die gegen viele Antibiotika resistent sind. Dort treffen sie auf Patienten, deren Immunsystem durch eine Krankheit oder Operation ohnehin belastet ist.“ Die Medizinerin forscht an Pseudomonas aeruginosa, einem häufig vorkommenden Bakterium, das als Krankenhauskeim schwere bis tödliche Infektionen hervorrufen kann.

Antibiotika sind ursprünglich natürliche Substanzen, mit denen sich Mikroorganismen gegenseitig bekämpfen. Verschiedene Antibiotika wirken dabei auf unterschiedliche Weise. Manche unterbinden die Vermehrung der Bakterien, andere töten sie ab, beispielsweise indem sie die Zellwand auflösen. Auf ebenso vielfältigen Wegen entstehen Resistenzen: „Manche Bakterien haben Pumpen, mit denen sie den Wirkstoff aus dem Zellinneren befördern, andere verändern ihre Rezeptoren, so dass das Medikament nicht andocken kann oder sie verändern direkt das Antibiotikum und machen es unschädlich“, sagt Häußler. Anfangs wurden schnell viele antibiotische Wirkstoffe entdeckt, doch etliche sind inzwischen wirkungslos, nur noch wenige neue werden gefunden und es dauert lange sie zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund werden die natürlichen Feinde von Bakterien für Ärzte und Wissenschaftler wieder interessant: Bakteriophagen sind Viren, die hochspezifisch bestimmte Bakterien – und nur Bakterien – töten. Ihre therapeutische Anwendung hat in Osteuropa eine lange Tradition, doch hierzulande wurde die entsprechende Forschung lange vernachlässigt. Am Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig sitzt eine, die das seit 30 Jahren verfolgt: Christine Rohde hat die dortige Phagensammlung mit aufgebaut. Aus Habitaten wie Klärschlamm isoliert sie Phagen, reinigt sie auf und züchtet sie, immer auf der Suche nach den effizientesten Bakterienkillern. „Der Charme der Phagen ist, dass sie sich am Infektionsherd vermehren, solange sie gebraucht werden und danach verschwinden“, sagt Rohde. „Man kann sie äußerlich anwenden, gegen Atemwegsinfekte ist Inhalieren denkbar und es wurden sogar schon Stämme erfolgreich intravenös verabreicht.“

Bisher gibt es in Europa keinen Rechtsrahmen für die Verwendung von Phagen, doch das Zulassungsverfahren steht in den Startlöchern. „Wir haben alle Informationen in Brüssel zusammengetragen, jetzt liegt es an der Politik“, sagt Christine Rohde. „Allerdings fehlt es auch noch an Studien. Die vorliegenden Daten entsprechen in Umfang Erhebungsart nicht alle den westlichen Standards.“

Andreas Peschel, Infektionsbiologe an der Universität Tübingen, könnte der Therapie mit Phagen durch seine Forschung weiteren Auftrieb geben. Er hat Eiweißpartikel, sogenannte Lysine, aus Phagen isoliert, die ausreichen, um Bakterien zu zerstören. Damit sollen Träger resistenter Staphylokokken präventiv behandelt werden, damit sie die Bakterien nicht verbreiten. Da die Lysine den normalen Zulassungsweg eines Arzneimittels gehen können, sind sie vielleicht der entscheidende Brückenschlag hin zum ganzen Phagen. „Auch in der Hygiene haben Phagen enormes Potenzial, ohne die Arzneimittelzulassung durchlaufen zu müssen“, sagt Rohde. Atemschläuche, Geräte und Flächen könnten mit Phagen beispielsweise wirkungsvoll von bestimmten, gefährlichen Bakterien befreit werden.

Neben der Suche nach neuen Therapien liegt für Susanne Häußler der Schlüssel zum Erfolg in der Stärkung von Diagnostik und Hygiene im klinischen Bereich. So könne man die Ausbreitungswege von Keimen verstehen und eindämmen sowie den Antibiotikaverbrauch reduzieren, sagt die Medizinerin: „Wenn ein Patient schon 30 Kontakte hatte, bis geklärt ist, ob er multiresistente Erreger trägt, ist das eine Katastrophe!“. Christine Rohde wünscht sich, dass Ärzten umfassende Informationen über alle Therapieformen zur Verfügung stehen, damit sie sich aktiv an der Diskussion beteiligen können. Im Oktober wird sie auf dem Gesundheitsgipfel in Berlin sprechen. „Das ist unsere Chance, eine wirklich breite Öffentlichkeit zu erreichen.“

09.09.2016 , Stefanie Geiselhardt
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