Rückblick Fokus@Helmholtz : Was bringt die personalisierte Medizin?

Die Revolution fällt aus. Es war einer jener Sätze, die häufiger fielen am 12. Juni im Forum Friedrichstraße. Die Helmholtz-Gemeinschaft hatte zu ihrer Diskussionsreihe "Fokus@Helmholtz" geladen, das Thema personalisierte Medizin stand auf dem Programm, und schnell wurde klar: Die hochfliegenden Erwartungen von einst sind einem auffallenden Realismus gewichen.

Was hatten viele Wissenschaftler dem neuen Therapieansatz aber auch für eine glänzende Zukunft prophezeit: Indem sich Ärzte die Erbanlagen eines Menschen anschauten, könnten sie künftig seine Veranlagung zu bestimmten Krankheiten erkennen - und dann eine jeweils maßgeschneiderte Behandlung entwickeln.

Erst vor wenigen Wochen berichteten die Medien weltweit von der Entscheidung der US-Schauspielerin Angelina Jolie, sich aus Sorge vor Krebs die Brüste entfernen zu lassen. Ihre Mutter war an Brustkrebs gestorben, und Ärzte hatten Jolie anhand ihrer Gene ein ebenfalls stark erhöhtes Erkrankungsrisiko nachweisen können.

Donna Dickenson, Medizinethikerin von der University of London, dämpfte jedoch gleich in ihrem Auftaktvortrag den Optimismus. "Was uns da versprochen wurde, wird durch die vorhandenen wissenschaftlichen Studien höchstens teilweise gerechtfertigt", sagte sie. So würden sogar in den USA, wo die personalisierte Medizin weiter fortgeschritten sei, gerade einmal zwei Prozent aller Menschen auf ihre Erbanlage getestet, und die müssten dafür zum Teil viel Geld bezahlen. In Europa seien es noch weit weniger. Hinzu komme: Selbst das Vorzeigemedikament Vemurafenib, das bei Hautkrebspatienten mit entsprechender genetischen Disposition eingesetzt wird, helfe gerade einmal einem Viertel der Patienten. "Für die allerdings bedeuten die im Schnitt gewonnenen sieben Lebensmonate sehr viel."

Hans Ulrich Häring, Diabetesforscher am Helmholtz Zentrum München, warnte indes davor, die personalisierte Medizin in der öffentlichen Diskussion auf die Analyse und Behandlung anhand von genetischen Merkmalen zu reduzieren. Genauso wichtig bei den neuartigen Therapien sei es, die individuellen Lebensumstände und Gewohnheiten in die Betrachtung persönlicher Krankheitsrisiken miteinzubeziehen. "Dieser personalisierte Ansatz ist viel mehr, verspricht auch viel mehr", sagte Häring weiter. Allerdings sei auch richtig: "Wir haben es hier mit einer ganz allmählichen Entwicklung zu tun, langsamer, als wir einmal gedacht haben."

Besonders engagiert wurde die Diskussion, als sich die vier Podiumsgäste der ethischen Dimension der personalisierten Medizin zuwandten. "Würden Sie wissen wollen, wenn Sie eine besondere Veranlagung haben, an Alzheimer zu erkranken, solange es keine Heilungsmöglichkeit gibt?" wandte Thomas Eschenhagen vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung ein. "Ich nicht!"

Donna Dickenson machte auf die möglichen sozialen Folgen steigender Arzneimittelkosten aufmerksam: Je genauer ein Medikament auf einen bestimmten Patientenkreis zugeschnitten sei, so teurer würde es zwangsläufig - und je stärker gerieten möglicherweise die Gesundheitssysteme unter Druck. Am Ende erhielten möglicherweise nicht mehr alle Patienten die Therapie, die sie bräuchten. Tobias Eichhorn vom Pharmakonzern Pfizer hielt dagegen: Zwar stiegen einerseits die Kosten der Herstellung, andererseits würden mit den

neuen Medikamenten mehr Menschen geheilt werden können.

Hier finden Sie ein Interview mit Donna Dickenson sowie einen ausführlichen Artikel zur personalisierten Medizin.

15.06.2013 , Jan-Martin Wiarda

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