Kreative Ideen können helfen, besser durch die Corona-Pandemie zu kommen - gerade in der Weihnachtszeit. Ein Beispiel sind Weihnachtsgrüße in großer Runde per Video. Bild: Shutterstock/wavebreakmedia

„Kreativität und neue Ideen bringen uns durch die Krise“

Stress, Angst und Depressionen nehmen in der Corona-Pandemie zu. Um die psychische Gesundheit von Menschen, Familien und Betroffenen zu schützen, braucht es sozialen Austausch, kreative Ideen und mehr Mut.

Die Corona-Pandemie geht an keinem von uns spurlos vorbei. Viele Menschen fühlen sich ausgebrannt, leer und blockiert. „Diese Pandemie ist einzigartig, weil sie die psychische Gesundheit der Menschen von mehreren Seiten angreift“, erklärt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI). Erste Studien zeigen, dass Depressionen, Angststörungen und der Suchtmittelkonsum angestiegen sind.

Was die Wissenschaftler überrascht: Jugendliche und junge Menschen hat die Krise bisher stärker getroffen als Ältere. „Wir hätten gedacht, dass es ältere Menschen in der Krise schwerer haben, doch die Abhängigkeit von sozialen Interaktionen bei jungen Menschen ist größer und insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene können Zukunftssorgen haben“, so Meyer-Lindenberg. So hätten Depressionen bei jüngeren Frauen um zwei Prozent zugenommen. Im Gegensatz dazu fand sich bei älteren Menschen in zwei Studien keine Zunahme der Belastung.

Kreative Lösungen finden

Stresssituationen belasten uns umso mehr, je weniger Kontrolle wir darüber haben. Deshalb gilt es gerade jetzt, die Situation aktiv und kreativ zu gestalten. Ein paar einfache Regeln können dabei helfen: Informationen nur aus vertrauten Quellen und in überschaubarem Ausmaß aufnehmen, Routinen aufrechterhalten, soziale Kontakte über verbliebene Kanäle wie Telefon, Video oder Social Media pflegen, die positiven Effekte wahrnehmen und wertschätzen. „Und: Mit das Beste, was man für sich tun kann, ist etwas für andere zu tun“, ergänzt Meyer-Lindenberg. Einkäufe für Nachbarn oder ältere Familienmitglieder zum Beispiel helfen nicht nur den Betroffenen, sondern sorgen auch für ein positives Gefühl und Miteinander.

„Kreativität und neue Ideen sind das, was uns am besten durch die Krise bringt“, sagt auch Nora Szech. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologien (KIT) erforscht, wie sich Menschen in der Pandemie verhalten. „In vielen Ländern auf der ganzen Welt können wir recht ähnliche Anpassungen im Verhalten beobachten, darunter auch viele positive: Die Menschen kümmern sich mehr um andere, bemühen sich sportlich zu sein und in die Natur zu gehen, alle werden digitaler.“ Dieser kreative Umgang mit einer schwierigen Situation gilt auch und besonders in der Weihnachtszeit – ob Weihnachtsgruß per Video, Geschenkeauspacken über Zoom oder Weihnachtsliedersingen auf dem Balkon.

Klare Regeln und niedrigschwellige Angebote

Hilfreich wäre es, Angebote wie Telefonsprechstunden für Risikopatienten und Familien oder Hausbesuche für Menschen mit psychischer Erkrankung auszubauen. „Dafür muss die Politik einen regulatorischen und finanziellen Rahmen schaffen. Wir selbst haben an unserem Institut sehr hart daran gearbeitet, den Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten aufrechtzuerhalten“, so Meyer-Lindenberg. Alle Therapien, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht von Angesicht zu Angesicht stattfinden konnten, hat das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit über Telefonate und Videos aufgefangen.

Offen sein für mutige Entscheidungen

Neben neuen Verhaltensweisen und Routinen in Zeiten der Pandemie brauchen wir laut Nora Szech jedoch auch ein Umdenken, wie wir mit einer möglichen Infektion umgehen und Betroffenen besser helfen können: „Wir müssen die Menschen noch viel mehr unterstützen und es ihnen so einfach wie möglich machen. Eine Schlüsselrolle dabei haben die Gesundheitsämter.“ Szech plädiert dafür, die Selbsttests auszuweiten. Denn wenn Tests viel Aufwand, Zeit oder Geld kosten, sinkt die Anzahl der Tests deutlich, wie ihre Forschung zeigt.

„Generell würde ich mir wünschen, dass Politik und Behörden offener und mutiger werden und Entscheidungen schneller treffen. Denn Verharren hat uns nicht gutgetan. Das merken wir auch jetzt“, sagt Szech. Wichtig sei auch, dass öffentliche Bereiche, die unvermeidbar bleiben, wie zum Beispiel die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Arztbesuche, sich so sicher wie möglich anfühlen. „Da können wir noch so viel machen, noch mehr entzerren, mit CO2-Ampeln arbeiten und Luftwäscher installieren. Das darf nicht immer eine ständige Debatte sein“, so Szech.

Der Wert des Vertrauens

Fortlaufende Studien der Ökonomin deuten an, dass sich unser Verhalten auch über die Corona-Pandemie hinaus verändern wird. Das Homeoffice sollte auch nach der Krise eine Option für viele Unternehmen bleiben, digitale Angebote an Universitäten und Institutionen werden zumindest als Zusatzangebot vielerorts weiter bestehen und Geschäftsreisen vermutlich reduziert werden. Auch die Maske ziehen viele Menschen zum Schutz von anderen bei einer Erkältung in Betracht. Und ob das Händeschütteln zurückkommen wird, muss sich erst noch zeigen. 

„Wir leben mit vielen Normen, die sich irgendwann aufgebaut haben und auch nicht hinterfragt werden. Mit der Corona-Pandemie gibt es nun einen Bruch und Vieles kann sich neu finden“, sagt Szech. Dass sich eine Norm weitertragen wird, das hofft sie ganz besonders: Vertrauen – egal ob bei Selbsttests oder im Homeoffice. Und bestimmt wird auch an diesem Weihnachten nicht alles schlecht sein. Vielleicht intensiviert sich der Kontakt zum Einzelnen, vielleicht besinnt man sich auf das Wesentliche, vielleicht entstehen neue Traditionen. „Wir können nicht in Altem verharren, da werden wir nur enttäuscht“, sagt Nora Szech. „Ich verspreche, dass wir neue Effekte bekommen, die wir schätzen lernen.“

16.12.2020 , Sabrina Waffenschmidt

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