Das digitale Programm zum Kontaktpersonenmanagement SORMAS unterstützt deutsche Gesundheitsämter bei der Pandemie-Bekämpfung. Bild: HZI

Kontaktpersonen digital und effizient nachverfolgen

Die Rückverfolgung von Infektionsketten liegt in der Hand der Gesundheitsämter. Wie der Einsatz des Programms SORMAS dabei helfen kann, zeigen Eindrücke aus dem Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Carolina Böhm ist erleichtert. Die Bezirksstadträtin für Gesundheit in Steglitz-Zehlendorf ist zuständig für eines der rund 400 Gesundheitsämter, die es in Deutschland gibt. Von der Arbeit in den Behörden hängt bei der Pandemiebewältigung viel ab. Denn das Management der Infektionen und der Menschen, die sich eventuell angesteckt haben, obliegt den Ämtern. Carolina Böhm freut sich, denn für diese wichtige Aufgabe steht ihren Mitarbeitern endlich ein zuverlässiges Programm zur Seite, um ihnen bei der schwierigen Arbeit der Nachverfolgung von sogenannten Corona-Kontaktpersonen zu helfen. 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche ist die von Bundes- und Landesregierungen geregelte Obergrenze, bevor der Bezirk zu regulatorischen Eindämmungsmaßnahmen greifen muss.

„Bislang haben wir jeden Infizierten, der in unserem Bezirk wohnt, in eine Excel-Tabelle eingetragen – und außerdem jeden, den er möglicherweise infiziert haben könnte, weil engerer Kontakt Bestand“, erklärt Carolina Böhm. Pro Infiziertem können das schnell 20 oder noch viel mehr Menschen werden, die erfasst und mit denen regelmäßig Rücksprache gehalten werden muss. Täglich erfragen die Mitarbeiter der Gesundheitsämter telefonisch die Kontaktpersonen, ob sich Symptome zeigen. Das Problem dabei: Alle Mitarbeiter arbeiten in einer Datei. Die ist wahlweise gesperrt, weil sie nur von einem Nutzer geöffnet sein darf, oder aber auch schlichtweg überfüllt. Über 500 Fälle nebst aller Kontakte in einer Tabelle? „In Mitte, dem am stärksten betroffenen Berliner Bezirk, stürzten die Server ab, Daten drohten verloren zu gehen“, berichtet Cerstin Richter-Kotowski, Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf. Mitte war deswegen der erste Bezirk, der auf das Programm zum Kontaktpersonenmanagement SORMAS setzte, alle weiteren Berliner Gesundheitsämter folgen – so auch das Amt in Steglitz-Zehlendorf.

Vernetzung hilft bei der Eindämmung der Pandemie
SORMAS steht für Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System und wurde 2014 vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) entwickelt, um alle relevanten Daten und Beteiligten einer Epidemie miteinander zu vernetzen – Fallzahlen, Kontakte und Symptome etwa, aber auch Laborpersonal, Ärzte und Epidemiologen. Das System wird in Deutschland als Webversion verwendet, funktioniert aber auch als App auf Mobiltelefonen oder Tablets. Es eignet sich besonders für den Einsatz in Regionen mit schwacher Infrastruktur. Als effektives Tool zur Nachverfolgung von Kontaktpersonen (Contact Tracing) hat es sich vor allem in afrikanischen Ländern schon bei Ausbrüchen vieler Krankheiten von Ebola über Masern bis hin zum Lassafieber bewährt. Jetzt wurde das Tool um ein COVID-19-Modul erweitert und speziell für den deutschen öffentlichen Gesundheitsdienst angepasst – eine spürbare Entlastung für die Gesundheitsämter. „Es gilt nicht nur, Kontaktdaten zu pflegen, sondern auch maßnahmenrelevante Informationen damit zu verknüpfen“, erklärt Richter-Kotowski. Zeigt die Kontaktperson Symptome? Ist sie in Quarantäne? Wurde ein Test durchgeführt? Wie sind die Ergebnisse? Und: Welche Kontakte wiederum hatte die Person, als sie möglicherweise schon erkrankt war? „Im besten Fall erreicht uns die Information schon, wenn ein Verdachtsfall existiert“, sagt die Bezirksbürgermeisterin. „Ein immenser Verwaltungsaufwand, für den wir Personal aufstocken mussten.“ 22 Mitarbeiter kümmern sich mittlerweile in Steglitz-Zehlendorf um die Koordination der Fälle und Kontaktpersonen.

Die Steuerung dieser Abfrage und die Dokumentation übernimmt nun SORMAS. Das Programm führt die Nutzer – die Mitarbeiter der Gesundheitsämter – fallspezifisch und in klaren Schritten. „Die aufgabenspezifische Nutzerführung ist neben der Strukturierung der Prozesse und der Datenverarbeitung der größte Vorteil des Systems“, sagt Carolina Böhm. Binnen kürzester Zeit ­und noch bevor die Weltgesundheitsorganisation COVID-19 zur Pandemie erklärte, hatten die Experten um Gerard Krause vom HZI das Open-Source-Programm so modifiziert, dass es sich zur Überwachung des Infektionsgeschehens eignete. Kurze Zeit später entstand das Modul für Gesundheitsämter SORMAS-ÖGD. Es umfasst Prozessmodelle für alle Bereiche der Krankheit – von der Kontrolle des Falls an sich bis zum Kontaktpersonenmanagement. Nach vorkonfigurierten Schemata werden die einzelnen Handlungsschritte aufgelistet und als Aufgabe für die Mitarbeiter der Gesundheitsämter formuliert. Erfasst werden so zum Beispiel der grundsätzliche Gesundheitszustand, Atemwegssymptome oder auch Laborergebnisse.

Datenschutz und Datensicherheit
Das Programm ist keine Tracking-App, die über Geokoordinaten oder Daten von Mobiltelefonen Auskünfte über das Verhalten und die Kontakte von Patienten sammelt und weitergibt. Die Daten werden, wie beim vorigen Ablauf mit der Excel-Tabelle auch, vielmehr zentral im jeweiligen Gesundheitsamt verwaltet, nur dort verwendet und auf einem individuellen Server gehostet – unter besonderer Berücksichtigung des Datenschutzes. Die Gesundheitsämter sind alleiniger Besitzer aller eingegebener und generierter Daten, auf die nur Berechtigte des entsprechenden Amtes Zugriff haben. Die Weitergabe von epidemiologisch wichtigen Zahlen und Informationen erfolgt anonymisiert, dafür werden Schnittstellen geschaffen – zum Beispiel zu SurvNet@RKI, dem vom Robert Koch-Institut (RKI) entwickelten Programm zur Erfassung, Auswertung und Weiterleitung der Meldedaten. Um auch Kontaktpersonen nachverfolgen zu können, die über die Bezirksgrenzen hinausgehen, soll ein zentraler Server entstehen. Dadurch können die SORMAS-Anwendungen der einzelnen Gesundheitsämter Daten austauschen. „Das war auch schon vorher notwendig, da sich die meisten Menschen in einem größeren Radius bewegen“, erklärt Carolina Böhm. „Nur war es sehr kompliziert, das in Excel-Tabellen einzutragen und telefonisch zwischen den unterschiedlichen Ämtern zu koordinieren.“

Das Tool bietet grundsätzlich noch viele weitere Möglichkeiten von der Einbindung und Kommunikation zu Laboren, Krankenhäusern, Landesgesundheitsbehörden und eben dem RKI. So arbeitet das HZI gerade an einer Symptomtagebuch-App, die an SORMAS angedockt werden soll. Diese könnte auf mobilen Geräten oder PCs der Erkrankten, Verdachtspersonen oder Kontakte installiert werden und die selbstständige Dokumentation erleichtern. Die Daten, die sonst vom Amt abgefragt werden, gibt der Betroffene dann selbst ein.

Von bundesweit knapp 400 Gesundheitsämtern verwenden bislang 17 Ämter in fünf Bundesländern SORMAS als lokale Version – neben Berlin etwa auch in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Diese drei Bundesländer führen das Programm flächendeckend ein. Bestellt wurde die Implementierung des Programms für die Schweiz für fast alle Kantone sowie für ganz Frankreich. Möglich wäre statt der Einzellösung auch eine zentrale, die alle Ämter koordiniert, was die Koordination und Vernetzung deutlich erleichtern würde. Prinzipiell ist eine Vernetzung der Gesundheitsämter denkbar und mit der Erneuerung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) auch rechtlich umsetzbar. Bis dahin wird es zumindest für Städte wie Berlin, wo alle Bezirke bald die gleiche Software-Lösung nutzen, eine große Hilfe sein.


Website SORMAS-ÖDG
Meldung des HZI zum Start von SORMAS-ÖDG
Meldung des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf
Coronavirus-Ausbrüche per App eindämmen

Der Prozess: Von der Kontaktperson über den Verdacht zum Fall

  • Ein Verdachtsfall wird dem Amt vom Arzt gemeldet.
  • Der Patient befindet sich in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt.
  • Ist der Test positiv, wird der Erkrankte um die Auflistung seiner Kontakte gebeten.
  • In die Datenbank kommen sogenannte Kategorie 1-Kontakte, also enge Kontakte: Das sind Personen mit kumulativ mindestens 15-minütigem Face-to-Face-Kontakt, Personen mit direktem Kontakt zu Sekreten oder Körperflüssigkeiten, medizinisches Personal mit Kontakt zum bestätigten COVID-19-Fall ohne Schutzausrüstung.
  • Anschließend folgt die Ermittlung, namentliche Registrierung sowie Mitteilung der Telefonnummer der Ansprechpartner des Gesundheitsamtes.
  • Start der Quarantäne für 14 Tage und von SORMAS gesteuert täglicher Austausch mit dem Gesundheitsamt.  
  • Wird eine Kontaktperson innerhalb von 14 Tagen nach dem letzten Kontakt mit einem bestätigten COVID-19-Fall symptomatisch, so gilt sie als krankheitsverdächtig und eine weitere diagnostische Abklärung sollte erfolgen.
  • Wird sie zum Fall, startet der Ablauf wie oben beschrieben.
28.05.2020 , Isabell Spilker

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