Grippeschutzimpfung

„Jetzt ist der beste Zeitpunkt für die Impfung“

Bild: picture alliance

Wer sollte sich impfen lassen und warum? Wir sprachen mit dem Epidemiologen Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung über die Grippeschutzimpfung.

Wer sollte sich unbedingt gegen Grippe impfen lassen?

Alle Personen über 60 Jahre. Alle, die aus beruflichen Gründen einer besonderen Gefährdung ausgesetzt sind, weil sie viel Publikumsverkehr haben, vor allem aber medizinisches und Pflegepersonal. Und, ebenfalls unabhängig vom Alter, Menschen mit einer chronischen Krankheit der Atmungsorgane, mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- oder Nierenerkrankungen, mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, mit chronischen neurologischen Krankheiten wie Multipler Sklerose oder irgendeiner anderen Form von Immunschwäche. 

Viele Firmen bieten Grippeschutzimpfungen für alle Mitarbeiter an – ist das dann eigentlich Quatsch, wenn ich als durchschnittlicher Büromensch da hingehe? 

Mir als Epidemiologen wäre es lieber, wenn sich alle, die zu den Risikogruppen gehören, impfen lassen, als dass viele Leute geimpft werden, die es eigentlich nicht dringend brauchen. Man sollte die Aufmerksamkeit auf diejenigen fokussieren, für die die Impfung wirklich wichtig ist, als nach dem „Viel hilft viel“-Prinzip drauflos zu impfen. Manchmal kommt es ja sogar vor, dass der Impfstoff rar wird – dann würden ausgerechnet die, die ihn am dringendsten bräuchten, nicht bekommen.

Was sagen Sie zu der Idee, möglichst viele Menschen gegen Grippe zu impfen, um einem wirksamen Herdenschutz zu erreichen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Impfungen (wie z.B. Masern) kann man durch die derzeit verfügbaren Influenzimpfungen keinen Herdenschutz erreichen. Herdenschutz bedeutet, dass man durch Impfung eines großen Teils der Bevölkerung auch diejenigen schützen würde, die selber keine Influenzaimpfung erhalten haben. Die verfügbaren Studien hierzu zeigen, dass selbst innerhalb einer Population von Kindern ein solcher Effekt nicht eintritt. Noch viel weniger ist daher eine entsprechende Herdenimmunität in der allgemeinen Bevölkerung zu erhoffen. Dazu ist die Wirksamkeit und die Wirkdauer der Influenzaimpfung zu gering, gerade in den hauptsächlichen betroffenen Altersgruppen. Davon unabhängig aber ist die Impfung von medizinischen Personal nachgewiesenermaßen wirksam, um die Häufigkeit von Influenzainfektion bei den von ihnen betreuten Patienten zu reduzieren. Es handelt sich aber hier wiederum nicht um einen Herdenschutz.

Laut Robert-Koch-Institut lassen sich nur die Hälfte der über 60-Jährigen und 24 Prozent der chronisch Kranken zwischen 18 und 59 impfen, obwohl sie besonders gefährdet sind …

Da müssen wir unbedingt ran und ein Bewusstsein schaffen, hier ist auch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit nötig.

Gesetzlich verordnen geht nicht. Hilft also nur der Appell über die Medien? 

Man sollte von zwei Seiten herangehen: Die Alters- und Risikogruppen müssen wir gezielt ansprechen – aber auch die Ärzte von chronisch Kranken oder Über-60-Jährigen sollten ihre Patienten aktiver zum Impfen einladen. 

Impfgegner führen an, im Serum seien Chemikalien und Wirkungsverstärker enthalten, die eigentlich giftig sind, und es sei ein Widersinn, sie in den Körper einzubringen … 

Sich Sorgen zu machen ist legitim, aber in diesem Fall unbegründet. Gerade bei den Impfungen, die seit Langem und in großer Zahl verabreicht werden – dazu gehört die Grippeschutzimpfung –, ist der Kenntnisstand über die Verträglichkeit sehr gut. Das ist alles gut abgesichert. Für die genannten Personengruppen ist die statistische Wahrscheinlichkeit einfach sehr hoch, an einer Grippe schwer zu erkranken oder sogar daran zu sterben. Dem kann man vorbeugen – also liegt die Abwägung ganz eindeutig bei den Vorteilen einer Impfung.

Jedes Jahr tauchen früher oder später die „Killer-Grippe“-Schlagzeilen in der Boulevard-Presse auf. Ist das gut, ein Anstoß, sich impfen zu lassen? Oder ist das gerade kontraproduktiv, weil die Leser die Warnungen nicht mehr ernst nehmen?

Ich bin grundsätzlich gegen zu emotionale Berichterstattung und Panikmache. Genauso wie ich dagegen bin, pauschal zu sagen: Alle sollen sich impfen lassen. Natürlich kann es sein, dass die Epidemie in einem Jahr mal schlimmer verläuft; ob Schlagzeilen dann helfen oder nicht, weiß ich nicht. Mitten in der Epidemie ist es schon zu spät, weil Impfungen dann gar nicht mehr verfügbar sind.

Wie lange dauert es, bis der Impfstoff wirkt?

Das ist individuell unterschiedlich, man kann nicht den Kalender danach stellen. Aber man geht davon aus, dass sich die volle Wirkung nach zwei Wochen entfaltet.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um sich impfen zu lassen?

Da man nie genau weiß, wann die Grippewelle loslegt, ist jetzt im Herbst ein guter Zeitpunkt, da die Wirkung auf jeden Fall bis ins Frühjahr anhält.

Der Impfstoff wirkt doch aber nicht gegen alle Stämme von Grippeviren …

Nein, dazu sind es zu viele. In der Regel hat der Impfstoff drei verschiedene Stämme, neuerdings gibt es auch einen mit einem vierten. Welche das sind, wird jedes Jahr von der Weltgesundheitsorganisation neu eingeschätzt. Dafür werden die Daten aus Referenzlaboren aus der ganzen Welt ausgewertet und dann wird eine Art Mix empfohlen für die Herstellung – von den Stämmen, von denen man ausgeht, dass sie am ehesten Probleme machen werden in der kommenden Saison. Da ist eine gewisse Unsicherheit dabei und deswegen muss es jedes Jahr neu angepasst werden.

Im vorletzten Jahr hat man es nicht so ganz getroffen …

Das stimmt, es gibt manche Jahre, in denen andere Stämme in den Vordergrund treten als man erwartet hatte. 

Glauben Sie, dass es jemals einen Universal-Grippeimpfstoff geben wird?

Das ist sicherlich wünschenswert. Das jetzige Verfahren ist unbefriedigend, aber das Beste, das wir derzeit haben. Es gibt Forschungsansätze in diese Richtung aber ich fürchte, es wird noch Jahre dauern, bis man einen solchen Impfstoff regulär anbieten kann. 

25.11.2016 , Interview: Thomas Röbke
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