Foto: Konstantinos Tamvakis / flickr. com (CC BY-NC-ND 2.0)

Hoffnung gegen das Vergessen

Noch immer gibt es keine Medikamente, die die Krankheit aufhalten können. Zwei neue Studien mit Antikörpern gaben jüngst Anlass zur Hoffnung. Doch die Ergebnisse sind umstritten.

Etwa 300.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an einer Demenz – ihre geistige Leistungsfähigkeit geht zurück, Gedächtnis, Sprache und Orientierungsvermögen lassen irgendwann so sehr nach, dass sie ohne fremde Hilfe ihren Alltag nicht bewerkstelligen können. Bei etwa zwei Drittel der Betroffenen ist die Ursache eine Alzheimer-Erkrankung. 1907 erstmals durch den Psychologen Alois Alzheimer beschrieben, ist sie auch über 100 Jahre später nicht heilbar. Die Medikamente, mit denen Patienten heute behandelt werden, lindern lediglich die Symptome, das Fortschreiten der Krankheit können sie nicht aufhalten.

Zwei hoffnungsvolle Impfungen

Zwei neue Studien, bei denen eine Impfung mit Antikörpern getestet wurde, nähren nun die Hoffnung, dass man die Krankheit bald an der Wurzel packen kann. Die Antikörper zielen dabei auf die Alzheimer-typischen Protein-Ablagerungen, auch Plaques genannt, die sich im Gehirn ansammeln. Genauer gesagt, zielen sie auf ihren wichtigsten Bestandteil, das Protein Amyloid-Beta. Es steht im Verdacht, für das Absterben der Nervenzellen verantwortlich zu sein. Die Antikörper heften sich an das Protein und locken dadurch spezielle Fresszellen des Gehirns  an. Diese Zellen räumen die Proteinklumpen ab, die sich im Verlauf der Krankheit zwischen den Nervenzellen ansammeln und die Funktion des Gehirns beeinträchtigen.

Den Antikörper, den das US-amerikanische Biotechnologieunternehmen Biogen unter dem Namen Aducanumab zum Medikament entwickeln will, haben zwei Züricher Forscher ursprünglich im Blut von gesunden alten Menschen gefunden und dann mit molekularbiologischen Methoden im Labor hergestellt. Seit 2012 wird er in einer Pilotstudie an einer kleinen Gruppe von 166 Alzheimer-Patienten getestet. Über ein Jahr lang wurden sie alle vier Wochen entweder mit einem Placebo geimpft oder mit dem Antikörper. Bei denjenigen, die mit Aducanumab behandelt wurden, verschwanden die Ablagerungen in den Nervenzellen, gleichzeitig stabilisierte sich ihre Gedächtnisfunktion. Der konstante Verfall der Gedächtnisleistung konnte deutlich verlangsamt werden und zwar umso mehr, je höher die Dosis war. „Diese Ergebnisse sind ein klarer Beleg dafür, dass das Fortschreiten von Alzheimer aufgehalten werden kann“, sagt Christian Haass, Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in München, der die Entstehung der Plaques erforscht. Dass dieser Nachweis nun gelungen ist, geht nach Meinung des Molekularbiologen auf die kluge Konzeption der Studie zurück. „Die Studienteilnehmer wurden sehr sorgfältig ausgewählt. Das heißt, es kamen nur Patienten infrage, bei denen zweifelsfrei Alzheimer diagnostiziert wurde und die im Frühstadium an nur leichten kognitiven Einschränkungen litten.“ Bei einer anderen Form der Demenz hätte dem Antikörper das Angriffsziel gefehlt. Wirkungslos wäre er auch bei fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit geblieben, bei der in allen Hirnregionen bereits viele Nervenzellen abgestorben sind.

Auch ein weiterer Antikörper namens Solanezumab konnte in einer aktuellen Studie die Krankheit eindämmen, allerdings ebenfalls nur bei Alzheimer im Frühstadium. Für die Studie des US-Pharmakonzerns Eli Lilly wurden Patienten aus zwei früheren, erfolglos verlaufenen Tests ausgewählt und weiterbehandelt. Auch diejenigen, die bisher ein Placebo erhalten hatten, wurden mit dem Antikörper geimpft. Nach dreieinhalb Jahren zeigten sich zwischen beiden Gruppen noch immer Unterschiede: Die Gruppe, die länger behandelt worden war, hatte weniger Ablagerungen des schädlichen Proteins, auch die kognitiven Leistungen waren besser.

Die Studienergebnisse sind zwar bisher nicht in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert worden. Aber auf den diesjährigen internationalen Alzheimer-Kongressen in Nizza im März und in Washington im Juli sorgten die vorläufigen Ergebnisse bereits für Furore – und für eine öffentliche Debatte in den Medien. Denn es ist umstritten, ob das Protein Amyloid-Beta tatsächlich die primäre Ursache für Alzheimer ist. Diskutiert werden auch Entzündungen oder Stoffwechselprobleme in den Hirnzellen. Christian Haass hat Anfang der 90er Jahre als einer der ersten Wissenschaftler die Bedeutung des Proteins beschrieben und zählt zu den Verfechtern der Amyloid-These. „Natürlich spielen auch andere Proteine eine Rolle im Entstehungsprozess von Alzheimer“, sagt Haass. „Das ist eine Kaskade, an deren Ende die Nervenzellen absterben, aber Amyloid steht an der Spitze, davon bin ich felsenfest überzeugt.“ Deshalb weise die Strategie, Antikörper einzusetzen, die auf das Amyloid-Beta abzielen und die Kettenreaktion durchbrechen, in die richtige Richtung.

Eine letzte Hürde für beide Studien: Die Phase III


Beide Antikörper-Studien befinden sich derzeit in der sogenannten Phase III. Das ist die letzte Hürde vor der Zulassung eines Medikaments, aber auch die höchste. Die meisten Medikamente scheitern in dieser Phase – unter anderem wegen schwerwiegender Nebenwirkungen. Deshalb will Christian Haass vorerst nur vorsichtigen Optimismus verbreiten. Von Euphorie rät der Grundlagenforscher auch deshalb ab, weil er es für wichtig hält, weiter nach alternativen Ansätzen für eine Therapie zu forschen. In seinem eigenen Labor untersucht eine Forschergruppe zum Beispiel die Entzündungen, die sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten beobachten lassen. Die Wissenschaftler vermuten, dass dafür ein Zell-Mechanismus verantwortlich ist, der nicht nur für Alzheimer, sondern für den Ausbruch aller neurodegenerativen Erkrankungen eine entscheidende Rolle spielt.

01.09.2015 , Kristina Vaillant

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Gisbert Blum   01-09-2015 15:09

Hoffnung gegen das Vergessen!
Nur Hoffnung für Alzheimer?
Diese Frage drängt sich auf - meint man heute doch- nun aufgrund erheblicher Befunde - dass es auch bei anderen Hirn-degenerativen-Erkrankungen - es mit Eiweiß-Haufenbildung in den neuronalen Zellen zu tun haben, die etwa beim "Parkinson" (im weiteren auch nur P), wohl eine erhebliche Rolle bei dem Rückgang der Dopaminproduktion spielt.
Die Schreder- oder hier im Artikel - also sog. Fressmolekulare - der Artikel spricht hier etwas missverständlich von Fresszellen - werden - wie sonst(?) - durch ein komplexes Enzym im Körper gesteuert, dass wohl bei P. noch vorhanden ist, aber die Zellroutinen nicht mehr hinreichend abarbeiten kann.

Hier könnte auch "ein Antkörper" vielleicht helfen, so dass sie Frage nach der Studie und nach den dafür nötigen Probanden gestellt werden sollte.

Was mich persönlich noch interessiert ist, wie weit die Forschung bei den degenerativen Hirnerkrankungen ist, bei dem Versuch den erkrankten Zellern mit Co-Enzymen beizustehen - besteht doch die Vermutung, dass die Zellen sich etwa mit einem Plus z.B. an ATP vielleicht selbst helfen können.

Dr. Gisbert Blum

Harald-Ingo v. Bredow   12-09-2015 20:09

Als Nichtmediziner finde ich die kausal sehr ähnlichen Vorgänge bei mehreren dieser degenerativen Nervenschädigungen frappierend. Vielleicht noch nicht bekannt: Im Spätjahr 2013 konnte man die Wirksamkeit eines Bestandteiles im Grünen Tee ausmachen, der die Anlagerung der abgehalfterten Proteine verlangsamt, behindert bzw. auch verhindert, unter gewissen Voraussetzungen des P-Stadiums. Bereits im Frühjahr 14 konnte diese Substanz synthetisiert werden.

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