Langzeitstudie

Haben gestresste Mütter dickere Kinder?

Je mehr Stress eine Mutter in den ersten zwölf Monaten nach der Geburt hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind in den ersten Lebensjahren zu Übergewicht neigt. Image: Unsplash/Jelleke Vanooteghem

Warum ein Kind übergewichtig wird, hat verschiedene Gründe. Welche Rolle dabei der mütterliche Stress nach der Geburt spielt, haben Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig untersucht. Die Ergebnisse ihrer Studie haben sie nun veröffentlicht.

Hier mal ein Griff zur Schokolade um die Nerven zu beruhigen, dort mal rasch aus Zeitgründen die Fertigpizza in den Ofen geschoben, da schnell ein Schluck Cola – dass zu viel Stress zu ungesunder Ernährung führen kann, ist ausreichend bekannt.

Neu ist nun aber, dass sich der Stress von Müttern negativ auf das Gewicht von Kleinkindern auswirkt. „Besonders in den ersten Lebensjahren ist die kindliche Entwicklung sehr sensibel für äußere Einflüsse, die zu Übergewicht führen können.  Dazu gehören auch psychologische Einflüsse, wie mütterlicher Stress“, sagt Kristin Junge, Ernährungswissenschaftlerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Gemeinsam mit Kollegen der englischen Universität Bristol und dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) befragten sie knapp fünfhundert Mutter-Kind-Paare und veröffentlichten die Ergebnisse anschließend im Fachblatt BMC Public Health.

Die Mutter-Kind-Daten stammen aus der LiNA-Studie, die das UFZ gemeinsam mit klinischen Partnern in Leipzig koordiniert. Die Langzeitstudie untersucht seit 2006 kindliche Entwicklungsphasen und berücksichtigt dabei vor allem Lebensstil, Umweltbelastungen sowie das Auftreten von Allergien, Atemwegserkrankungen und Übergewicht.

Das Forscherteam berechnete aus den Angaben zu Größe und Gewicht der Kinder deren Body Mass Index (BMI) bis zum fünften Lebensjahr und verglich dies mit dem empfundenen Stress der Mütter während der Schwangerschaft und den ersten beiden Jahren nach der Geburt. Das Stressniveau erhoben sie mittels eines Fragebogens, in denen die Frauen Auskunft zu ihren Sorgen, Ängsten, Gefühlen von Anspannung, ihrer allgemeinen Zufriedenheit und den Umgang mit täglichen Anforderungen gaben.

Und tatsächlich fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen dem Stress der Mütter und der Gewichtszunahme ihrer Kinder, vor allem in den ersten zwölf Monaten nach der Geburt. „Wir haben dabei deutlich gesehen, dass der empfundene Stress der Mutter während des ersten Lebensjahres des Kindes mit der Gewichtsentwicklung des Kindes in den ersten fünf Lebensjahren zusammenhängt“, sagt Prof. Dr. Irina Lehmann, Professorin für Environmental Epigenetics and Lung Research am BIH und eine der Leiterinnen der Studie. „Gestresste Mütter haben häufiger übergewichtige Kinder als entspannte Mütter.“ 

Dabei scheint vor allem das erste Lebensjahr eine sensible Phase zu sein. „Hier lässt sich am deutlichsten abbilden, dass die Kinder zu Übergewicht neigen“, ergänzt Kristin Junge. Ein möglicher Grund sei, dass Mutter und Kind das erste Jahr meist gemeinsam verbringen – viel Zeit, in der die Babys das mütterliche Stressempfinden und damit verbundene Verhaltensweisen stark wahrnehmen.

„Das Kleinkind fühlt offenbar, dass die Mutter nervös und über die Maßen beansprucht ist“, erklärt Junge. Besonders Töchter sind betroffen und werden langfristig geprägt. Eine mögliche Erklärung, die bereits aus anderen wissenschaftlichen Studien bekannt ist: Jungen nehmen psychologische Faktoren wie das Stressempfinden der Mutter eventuell weniger intensiv wahr oder können es besser kompensieren.

Einen Zusammenhang vom Stressempfinden der Mütter und deren Stillverhalten konnte in der Untersuchung interessanterweise jedoch nicht gezeigt werden. Auch während der Schwangerschaft und ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes hat Stress keine signifikanten Auswirkungen auf die Gewichtsentwicklung der Kinder.

Was also tun, um den Stress der Mütter zu mindern und um die Neugeborenen nicht dem Risiko des Übergewichts aussetzen? Wie die Auswertung der LiNA-Daten weiterhin zeigte, sind Mütter mit einem deutlich erhöhten Stresslevel häufig mit starkem Verkehr oder großer Lärmbelastung konfrontiert, sie leben oft in einem einfachen Wohnumfeld oder haben ein niedriges Einkommen. Dies alles kann, neben zu zuckerhaltiger Ernährung und zu wenig Bewegung der Kinder, zur späteren Übergewichtsentwicklung beitragen.

Dass dies in Deutschland ein gesellschaftliches Problem ist, zeigt auch ein Blick auf die Statistik. So sind in Deutschland fast zehn Prozent der Kinder zwischen zwei und sechs Jahren übergewichtig, davon rund drei Prozent sogar fettleibig. Deshalb, so empfiehlt UFZ-Forscherin Kristin Junge, sollte der von Müttern empfundene Stress ernstgenommen werden, insbesondere im ersten Jahr nach der Geburt.

Junge: „Hebammen, Frauen- und Kinderärzte sollten nach der Geburt des Kindes besonders aufmerksam sein für Anzeichen von Stress bei den Müttern.“ Künftig wollen die Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) untersuchen, wie sich das Stressempfinden der Mütter nach dem fünften Lebensjahr auf ihre Kinder auswirkt.

22.03.2019 , Benjamin Haerdle
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (1)
Dr. Barbara Gold 27-03-2019 19:03

Ich finde die Interpretation fragwürdig, ohne offensichtliche Kreuzkorrelationen zu untersuchen und zu diskutieren:

Meines Erachtens, kann die pure Ernährung des Kindes nach der Stillzeit und vor der Kitazeit genauso gut der Auslöser der kindlichen Gewichtszunahme sein, ohne dass der Stresslevel einen signifikanten Einfluss hat. Dies wird in dem vorliegenden Artikel nicht differenziert dargestellt:

Die Verfasser interpretieren genau den Zeitraum, in denen die Kinder nicht mehr gestillt und zumeist noch nicht in der Kita sind, also genau den Zeitraum, in denen sie zu 100 Prozent der angebotenen Ernährung ihrer Eltern unterworfen sind: "Einen Zusammenhang vom Stressempfinden der Mütter und deren Stillverhalten konnte in der Untersuchung interessanterweise jedoch nicht gezeigt werden. Auch während der Schwangerschaft und ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes hat Stress keine signifikanten Auswirkungen auf die Gewichtsentwicklung der Kinder."

-> Heist ergo, sobald alle Kinder relativ gleich ernährt werden (erst Stillen, ab dem zweiten Lebensjahr Kita), kann man den Einfluss des Stress nicht mehr nachweisen. Ein eindeutiger Hinweis, dass die Ernährung der Schlüsselparameter ist und nicht der Stress selbst. Der Stress selbst beeinflusst eben vor allem die Qualität der frühkindlichen Ernährung. Man kann mit ziemlich großer Sicherheit davon ausgehen, dass die angebotene Nahrung von gestressten Eltern, sowie sozialschwacheren Müttern mit Sicherheit nicht die qualitativ beste ist, was sich ja auch in der Studie bestätigt.

"Wie die Auswertung der LiNA-Daten weiterhin zeigte, sind Mütter mit einem deutlich erhöhten Stresslevel häufig mit starkem Verkehr oder großer Lärmbelastung konfrontiert, sie leben oft in einem einfachen Wohnumfeld oder haben ein niedriges Einkommen."

Genau, in diesem Fall mag der weitaus größere Faktor sein, dass das Geld für hochwertige Nahrungsmittel schlichtweg fehlt.

"Gestresste Mütter haben häufiger übergewichtige Kinder als entspannte Mütter." Auch keine Überraschung, so führt doch Zeitmangel in der Regel des Öfteren zur Verwendung von Gläschen/Fertigbrei etc.

Insofern müsste man um die Studie wissenschaftlich nachvollziehbar zu machen, die Mütter zunächst nach der genauen Ernährung Ihrer Kinder nahc dem Stillen und vor Eintritt in die Kita befragen. In einem zweiten Schritt müsste man dann Gruppen mit gleichen frühkindlichen Ernährungsangebot bilden und NUR INNERHALB dieser Gruppen nach einem Indikator der Korrelation Stressempfinden der Mutter mit Gewicht der Kinder suchen.

So wie hier geschildert, ist die Kernaussage wissenschaftlich nicht haltbar.

Ich denke, dass muss nicht unbedingt am höheren Stresslevel der Mütter liegen.

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