Der Biologe und Veterinärmediziner Fabian Leendertz ist Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald (Bild: Kathrin Nowak).

„Wir haben ein weißes Blatt Papier vor uns“

In Greifswald entsteht ein neues Helmholtz-Institut, dass erforschen wird, unter welchen Bedingungen Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen überspringen und wie das verhindert werden kann. Gründungsdirektor Fabian Leendertz beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage.

Es dauerte nicht lang, da hatte Fabian Leendertz diesen einen denkwürdigen Baum gefunden. Er stand in Guinea nahe an einem Flussufer, ein knorziger Stamm, und Leendertz dachte: Genau hier könnte die tödliche Ebola-Epidemie der Jahre 2014 und 2015 in Afrika ihren Ausgang genommen haben. Es war eine Detektivarbeit für Leendertz und sein Team, aber darin ist der Tiermediziner mittlerweile geübt: „Die örtlichen Behörden konnten uns mit Sicherheit sagen, dass die Seuche im Dorf Meliandou begonnen hatte. Dort waren es Kinder, die als erstes gestorben sind“, sagt Fabian Leendertz. Er machte sich auf in das Dorf. „Die kleinen Kinder sind dort meist mit ihren Müttern zum Waschen an einen kleinen Fluss gegangen, in dessen Nähe dieser Baum stand.“ Ein perfekter Baum zum Spielen war es mit einer großen Höhle im Stamm und einem Loch zum Hinausschauen. Früher, erzählten die Bewohner den Forschern, hätte darin einmal eine Fledermauskolonie gelebt. „Wir nahmen DNA-Proben und konnten feststellen, dass es sich um Bulldoggen-Fledermäuse gehandelt haben musste – eine Art, die auch früher schon im Verdacht stand, Ebola-Viren zu übertragen.“

Inzwischen ist der 48-jährige Veterinärmediziner und Mikrobiologe längst wieder zurück in Deutschland und bereitet einen Umzug vor: von Berlin aus – hier leitet er am Robert-Koch-Institut die Arbeitsgruppe für Epidemiologie hochpathogener Mikroorganismen – in Richtung Norden nach Greifswald. Dort wird der 48-Jährige zum Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts Greifswald, ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Greifswald, dem Friedrich Löffler Institut und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). In Greifswald wartet eine Aufgabe auf ihn, die wie geschaffen ist für Fabian Leendertz: Um ‚One Health’ wird es in dem neuen Institut gehen; das ist die Bezeichnung für einen Ansatz in der Gesundheitsforschung, in dem menschliche und tierische Erkrankungen gemeinsam mit Umweltfaktoren betrachtet werden.

Unter welchen Umständen springen Erreger von Tieren auf Menschen über oder von Menschen auf Tiere?

„Unser Ansatz ist, dass wir uns mit dem Prinzip der Erregerübertragung beschäftigen“, sagt Leendertz: „Unter welchen Umständen springen sie von Tieren auf Menschen über oder von Menschen auf Tiere? Und wie können wir basierend auf diesen Wissen zum Schutz von Mensch, Tier und auch Umwelt beitragen?“ Dieses neue Institut seine eine einmalige Gelegenheit, sagt Leendertz „Wir haben ein weißes Blatt Papier vor uns, auf dem nur ‚One Health’ steht. Alles andere bauen wir erst auf.“ Die Vorfreude auf diesen Aufbruch ist ihm anzuhören.

Dass er den Zusammenhang zwischen menschlicher und tierischer Gesundheit zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen hat, liegt rund zwei Jahrzehnte zurück. Im Urwald war er damals im Einsatz, in der Elfenbeinküste. Das Team des berühmten Schweizer Verhaltensforschers Christophe Boesch beobachtete in einem Nationalpark seit Jahrzehnten eine Gruppe Menschenaffen. Leendertz stieß als junger Tierarzt dazu, und noch heute schwärmt er von dem Jahr, das er dort im Urwald mit der Tierbeobachtung verbrachte. „Das ist wie bei einer Seifenoper im Fernsehen“, sagt er, „die Affen haben auch Familienverbünde, sie pflegen Feindschaften und Freundschaften, da ist immer was los.“ Bis dann der Tag kam, an dem aus der Seifenoper ein Drama wurde. Fabian Leendertz war früh morgens noch im Lager der Forscher, als ein Kollege meldete, er habe einen kleinen Schimpansen tot im Wald gefunden. „Ich habe da gleich vor Ort eine Autopsie vorgenommen, es waren keinerlei äußerliche Einflüsse zu erkennen“, sagt Leendertz. Er war unruhig und ahnte, dass etwas nicht stimmte. „Am nächsten Tag kamen dann Forscher aufgeregt aus dem Urwald zu mir gerannt und riefen: „Das Alphamännchen ist tot!“ Vor ihren Augen sei der Schimpanse tot umgefallen. „Da war mir klar, dass es sich um eine Infektionskrankheit handeln müsse“, sagt Leendertz. Es war eine neue Variante des Milzbrand, Anthrax, wie sich dann herausstellte. Wo die Quelle für diesen Bacillus ist, ist bis heute unklar. Anders aber bei großen Ausbrüchen von Atemwegserkrankungen bei den Tieren. Hier konnte Leendert die Quelle finden: den Menschen. Fabian Leendertz wurde auf einen Schlag klar, wie wichtig das Thema One Health ist.

Der Weg des Forschers in den Urwald begann im Krefelder Zoo. Dort in Nordrhein-Westfalen wuchs Fabian Leendertz auf, und der Zoodirektor gehörte zu den Freunden seiner Eltern. Mit dessen Kindern war er tagelang unterwegs zwischen den Gehegen und lernte eine ganz andere Tierwelt kennen als die, die er mit seiner Großmutter im Wald erkundete. „Sie war Jägerin, eine der ersten Frauen mit Jagdschein damals“, sagt Leendertz, „und sie hat mich mitgenommen auf die Pirsch durch den Wald und mir viel über die Natur beigebracht.“ Weit später dann, nach dem Abitur, schrieb er sich für ein Biologiestudium ein, das er dann aber schnell abbrach – zu theoretisch war es ihm, er wollte näher an die Tiere ran. Also Veterinärmedizin, erst in Budapest, dann in Berlin. „Ich hatte mich von Anfang an für Wildtiere interessiert“, sagt er im Rückblick und schmunzelt: „Aber im Studium ich musste eben in den sauren Apfel beißen und mich auch durch die Dackelkrankheiten durcharbeiten.“ Doch während seine Kommilitonen auf Bauernhöfen und in Kleintierpraxen arbeiteten, ging Fabian Leendertz für ein Praktikum nach Burkina Faso und forschte zur Tsetsefliege. Bei einem Ausflug lernte er einen Kollegen von Christophe Boesch kennen, dem Verhaltensforscher – und wusste gleich, dass er einmal mit ihm arbeiten wollte.

Das neue Institut wird von Anfang an im Scheinwerferlicht stehen

Das Team, das Leendertz jetzt am Robert-Koch-Institut leitet, ist auf der ganzen Welt unterwegs. „Wir wollen wissen, welche Viren es wo gibt. Und ob sie für Menschen gefährlich sind und was wir dagegen tun können“, fasst er die Aufgabe zusammen. Weil Menschen immer stärker in unberührte Lebensräume vordrängen, steige die Wahrscheinlichkeit, dass Erreger, die bislang nur in Tieren kursieren, auch auf Menschen überspringen. Seine Mitarbeiter also stellen Fallen in Dörfern, auf Feldern und am Waldrand auf und nehmen von den Tieren, die sie dort fangen, Blut-, Urin- und Kotproben, oft auch noch Rachenabstriche. Gleichzeitig koordiniert er ein großes BMBF-gefördertes Netzwerk, in dem die menschliche Gesundheit im Mittelpunkt steht – vor allem der Menschen in dörflichen Gebieten Afrikas mit engem Kontakt zu Tieren. Dadurch setzt sich nach und nach eine Karte zusammen, auf der sich ablesen lässt, wo welche Erreger vorkommen.

Seit dem Corona-Ausbruch ist die Gefahr von Zoonosen nicht nur Eingeweihten bekannt. Dass sein neues Institut deshalb von Anfang an im Scheinwerferlicht stehen wird, ahnt Fabian Leendertz, der selbst schon an einer WHO-Mission teilgenommen hat, mit der Licht in das Rätsel nach dem Ursprung von Corona gebracht werden sollte.

Und noch eins weiß er: Wenn er erst einmal mit seiner Familie – vier Kinder gehören dazu und außerdem jede Menge Tiere von Hühnern bis hin zu Fischen – umgezogen sein wird nach Greifswald und das neue Institut seine Arbeit aufgenommen haben wird – dann bleibt ihm noch weniger Zeit als bislang für die Forschung vor Ort in Afrika, für die Seifenoper im Urwald.

HZI bestellt Fabian Leendertz zum Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health

16.06.2021 , Kilian Kirchgeßner
Druck-Version