Portrait

Eintauchen, um Menschen zu verstehen

Dr. Wolfgang Plischke ist promovierter Biologe und Senatsmitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. Bild: Bayer AG

Wolfgang Plischke ist promovierter Biologe und Senatsmitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. Seine Karriere führte ihn bis in den Aufsichtsrat der Bayer AG.

Sprache ist Wolfgang Plischke wichtig. Um Menschen wirklich zu verstehen, muss man ihre Sprache sprechen. Davon ist er überzeugt und deshalb hat er sogar Japanisch gelernt, als er vor mehr als zwanzig Jahren mit seiner Familie nach Japan gezogen ist. "Nicht perfekt", sagt er bescheiden. "Ich habe genügend Japanisch gekonnt, um die Leute zu verstehen". Auch als Manager hat er sich immer neuen Aufgaben gestellt.

Plischke, 66, ist promovierter Biologe und Senatsmitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. In der Senatskommission gehört er zum Forschungsbereich Gesundheit. Darin hat er viel Erfahrung. Sein gesamtes Berufsleben war er für das Life-Science-Unternehmen Bayer tätig und stieg dort von der wissenschaftlichen Abteilung einer Tochtergesellschaft bis in den Vorstand des Konzerns auf. Seit 2016 hat er einen Sitz im Aufsichtsrat.

Auf der Seite der Optimisten

Biologie hat ihn schon als Schüler interessiert. Als er in den siebziger Jahren an der Universität Hohenheim studierte und promovierte, wurden in der Molekularbiologie gerade große Durchbrüche erzielt. Die ersten gentechnischen Experimente an Pflanzen fanden statt und es zeichnete sich ab, dass Gentechnik auch die Diagnose und Behandlung von Krankheiten verändern könnte. Der Chemiekonzern Höchst etwa begann gentechnisch veränderte Bakterien zu nutzen, um Insulin herzustellen. Während die Grüne Gentechnik bis heute in der Öffentlichkeit eher kritisch aufgenommen wird, stand Plischke auf der Seite der Optimisten: "Wir haben gedacht, dass es enorme Möglichkeiten mit sich bringt und so ist es ja gekommen", sagt er.

Nach seiner Promotion begann er 1980 bei Miles Diagnostics, einer Tochtergesellschaft von Bayer, zu arbeiten. Er wurde zuerst Marketing-Leiter, dann Leiter für internationales strategisches Marketing. 1995 erhielt er die Stelle als Geschäftsführer von Bayer Yakuhin in Japan und zog mit seiner Frau und den beiden Söhnen dorthin. Fünf Jahre lebte die Familie dort. Dann wechselte sie erneut in einen anderen Kulturkreis. Dieses Mal ging es nach Amerika, wo Plischke zwei Jahre lang den Pharma-Bereich für Nordamerika leitete.

Another Day in Paradise

Man muss sich auf eine andere Kultur einlassen, ist Plischke überzeugt. Anders könne man nicht erfolgreich sein. "Das heißt nicht, dass man die Kultur annimmt. Man wird nie ein Japaner oder Amerikaner, aber ich muss verstehen, was ihnen wichtig ist. Wie sie Besprechungen halten zum Beispiel", sagt er. Wenn er heute an Japan zurückdenkt, fällt ihm als erstes der Drang nach Perfektion ein. In Amerika gefiel ihm die Sorglosigkeit. Statt sich an Problemen aufzuhalten, versuche man sie zu lösen. "Another Day In Paradise" – so kam ihm die Stimmung dort vor.

Ihm selbst blieb wenig Zeit für Sorglosigkeit, zurück in Deutschland erwartete ihn die größte Herausforderung seiner Karriere. 2002 übernahm er die Leitung des Pharma-Bereichs bei Bayer. Der Konzern steckte in einer Krise und wurde komplett umstrukturiert. Plischke sorgte dafür "das Geschäft wieder auf den richtigen Weg zu bringen."

"Mich hat interessiert, etwas zu bauen, das einen Effekt hat. An Veränderungen beteiligt zu sein", sagt er. Sei es an wissenschaftlichen Erkenntnissen, daran Kunden zufrieden zu stellen, oder Produkte und Geschäft zu verbessern. Das geht für ihn nur im Team: "Kollegen und Mitarbeiter stehen für mich im Vordergrund. Man braucht ein starkes interdisziplinäres Team“, sagt er. "Als Einzelperson kann man nicht so viel erreichen, selbst wenn man genial wäre."

Von 2006 bis 2014 war er im Vorstand der Bayer AG verantwortlich für "Technologie, Innovation und Nachhaltigkeit" und die Region Asien und Pazifik. 2016 wurde er einer der 20 Aufsichtsratsmitglieder der Bayer AG.

Seit 2007 gehört er außerdem zum Kuratorium der Stiftung "Bayer Science and Education Foundation", die sich für Bildung in Naturwissenschaften und Medizin einsetzt, ist im Präsidium der Walter-Siegenthaler-Gesellschaft und im Vorstand der Robert-Koch-Stiftung sowie Aufsichtsratsvorsitzender von Evotec, einem Unternehmen, das pharmazeutische Forschung fördert. Am Herzen liegt ihm außerdem das Engagement für seine alte Hochschule. "Hohenheim ist eine alte Liebe", sagt er. Immer noch freut er sich, wenn die Universität in Rankings gut abschneidet. Seit 2012 ist er Mitglied im dortigen Universitätsrat.

Als Honorarprofessor für Wirtschaftschemie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München versucht er Studenten näher zu bringen, wie Arzneimittel entstehen, und dass es außerhalb der Uni noch andere Karrieremöglichkeiten für Naturwissenschaftler gibt.

In andere Welten eintauchen

Neben diesen Aufgaben bleibt wenig Freizeit. Zwei Beschäftigungen gibt es allerdings, die ihn entspannen. Auf beide hat ihn seine Frau gebracht. Er macht Yoga und er malt. Yoga hat das Paar in den USA kennengelernt, lange bevor es auch in Deutschland populär wurde. Mit der Malerei hat Plischke erst vor zwei Jahren begonnen. Er malt in Öl, "nicht so ambitioniert wie meine Frau", sagt er, "einfach für mich." Seine Frau sei passionierte Malerin, für ihn ist es eher eine Form der Meditation: "Wie in eine andere Welt eintauchen. Wie Japanisch lernen. Man ist plötzlich woanders."

Seine internationale Karriere hat auch seine Familie geprägt. Ein Sohn zog in die USA, der andere nach Österreich. Plischke und seine Frau können sich jedoch nicht mehr vorstellen, dauerhaft in ein anderes Land zu ziehen. "Ich lebe wahnsinnig gern in Deutschland", sagt er. Ein Freund habe einmal zu ihm gesagt, je älter man werde, desto wichtiger sei es, dass man die Sprache um sich herum versteht.

04.09.2018 , Friederike Lübke
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