Ausgründung

Eine Herzenssache

Ali Mohammadi. Bild: Philipp Benedikt

Wenn es möglich wäre, Herzkrankheiten vor dem Auftreten erster Symptome zu erkennen, könnten Millionen Leben gerettet werden. Der 27-jährige Student Ali Mohammadi vom Karlsruher Institut für Technologie will genau das erreichen. Seine Idee hat die Macher des Wirtschaftsmagazins Forbes so beeindruckt, dass sie ihn in ihre Liste der einflussreichsten jungen Europäer aufgenommen haben.

Vier Jahre ist es her. Auf einer Familienfeier erlitt die Großmutter des damals 23-jährigen Iraners Ali Mohammadi einen Herzinfarkt und starb. „Sie war erst 63 Jahre alt und wirkte völlig gesund. Es gab keinerlei Anzeichen für eine Herzerkrankung", erinnert er sich. „Wir waren alle geschockt." Ali Mohammadi war von diesem Ereignis persönlich so tief berührt, dass es ihn nicht mehr losließ. Zusammen mit seinem älteren Bruder begann er zu recherchieren, ob es eine Möglichkeit gibt, Anzeichen eines drohenden Herzinfarkts auch dann zu erkennen, wenn noch keine Symptome auftreten. Er las die einschlägige Fachliteratur und sprach mit Ärzten. Er erfuhr, dass mehr als 17 Millionen Menschen Jahr für Jahr an Herzkrankheiten sterben, dass sie weltweit die Todesursache Nr. 1 sind. Er lernte auch, dass sich viele der Todesfälle vermeiden ließen, wenn die Krankheit früher entdeckt und entsprechend behandelt würde. „Viele Menschen wissen nicht, dass sie krank sind, bis es zu spät ist", sagt er.

Mohammadi und sein Bruder lebten damals noch in ihrem Heimatland, 700 Kilometer südlich von Teheran, in der südiranischen Stadt Shiraz. Während er sich intensiv mit der Früherkennung von Herzkrankheiten beschäftigte, reifte in ihm der Entschluss heran, sein Maschinenbau-Studium fern der Heimat in Deutschland fortzusetzen. „Die deutschen Universitäten haben einen sehr guten Ruf im Iran. Vor allem in den technischen Fächern. Ich wollte mich im Ausland weiterentwickeln", sagt Mohammadi. Er erhielt ein Studenten-Visum und kam 2013 ans Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Hier arbeitete er neben dem Studium weiter an seinem Projekt - aus dem schon bald ein eigenes Unternehmen werden sollte. Der angehende Ingenieur dachte schon damals technisch. Dieses Denken wendete er konsequent auf den menschlichen Körper an. Sein Ausgangspunkt war: Wenn sich in einer komplexen Maschine ein Teil verändert, hat das Auswirkungen auf andere Teile und deren Parameter. Um der ursprünglichen Veränderung auf die Spur zu kommen, reicht es aus, charakteristische Veränderungen im System zu erkennen. „Der menschliche Körper ist ein sehr komplexes System, das aus vielen Teilen besteht. Wir suchten deshalb nach spezifischen Veränderungen, die mit Herzerkrankungen in einem frühen Stadium in Zusammenhang stehen", so Mohammadi.

Zusammen mit seinem Bruder, der mittlerweile als Student in Schweden lebte, entwickelte er einen Algorithmus, der die Korrelationen zwischen verschiedenen körperlichen Parametern beschrieb. Sie entwickelten ein Smartphone-großes Gerät das bestimmte herzspezifische Werte wie EKG oder Herzfrequenz aufzeichnet und den Algorithmus nutzt, um krankhafte Veränderungen zu entdecken. Um das zu können, muss es vorab mit weiteren Daten - wie Alter, Geschlecht und möglichen Herzkrankheiten in der Familie - gefüttert werden. Nach einem einfachen und für jeden verständlichen Farbsystem liefert es direkt Ergebnisse auf das Display. Bei Grün ist alles ok, bei Rot wird ein Arztbesuch empfohlen. Wie der Complex Disease Detector genau funktioniert und welche Parameter es sind, die das Gerät aufzeichnet, will er nicht im Detail preisgeben. Schließlich steckt seine Firma noch in den Anfängen. Die Konkurrenz schläft nicht.

„Entscheidend für uns ist der soziale Impact des Detectors", sagt Mohammadi. Es soll nicht nur im Krankenhaus genutzt werden, sondern möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen. „Unser Fokus liegt momentan darauf, das Gerät in dieser Hinsicht zu optimieren. Es soll leicht anzuwenden sein und darf nicht zu viel kosten. Nur so kann es tatsächlich Millionen Menschenleben retten."

Zusammen mit seinem Bruder hat er das Unternehmen Hippogriff AB gegründet. Benannt nach einem Fabelwesen, einer Mischung aus Adler und Pferd. Das Prinzip - man könnte auch sagen die Software - ist an mehr als 700 Patienten erfolgreich getestet worden. Die Hardware liegt als Prototyp vor. Es ist Mohammadi wichtig zu betonen, dass er die großen Pläne, die er hat, hier in Deutschland in die Tat umsetzen will: „Ich durfte die sehr gute Ausbildung hier in Anspruch nehmen und will der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben." Seinen Master in Energy Technologies an der KIT-Fakultät für Maschinenbau wird er in diesem Jahr abschließen. Danach wird es sich voll und ganz dem Complex Disease Detector widmen.

Forbes-Liste "30 under 30"

Ali Mohammadi und sein Bruder sind nicht die Einzigen, die an den Erfolg ihrer Idee glauben. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes setzte ihn kürzlich auf die Liste der 30 einflussreichsten jungen Europäer im Bereich "Science & Healthcare". Die Geschäftsidee wurde vorher bereits vom Europäischen Innovations- und Technologieinstitut (EIT) ausgezeichnet.

Forbes List 30 under 30 - Science & Healthcare

Student des KIT auf Forbes-Liste "30 under 30" (Pressemeldung KIT) 

22.02.2017 , Martin Trinkaus
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