Joghurt

Diese Milch lebt

Bild: istock.com

Joghurt ist dabei, der neue Star unter den Lebensmitteln zu werden. Er stabilisiert nicht nur die Knochen und fördert die Darmflora, sondern schützt offenbar auch Gehirnzellen

Das nächste große Ding kommt aus Bulgarien. Zumindest, wenn es nach dem Biochemiker Teymuras Kurzchalia vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden geht. Dass bulgarischer Joghurt besonders gesund sein soll für den Darm und die Verdauung, hat man ja vielleicht hier und da schon gehört. Doch bei einer Substanz, die im bulgarischen Joghurt aufgrund der speziellen Zubereitung in besonders großer Konzentration vorhanden ist, dem so genannten D-Laktat (linksdrehende Milchsäure), haben Kurzchalia und Kollegen im Juli dieses Jahres im Labor eine Wirkung nachgewiesen, die niemand erwartet hatte: Sie schützen Nervenzellen vor dem Tod durch Parkinson. Aber nicht nur das. Die Substanzen können auch Nervenzellen, die von der Krankheit schon betroffen sind, dazu veranlassen, sich zu regenerieren.

Es ist nur eine weitere von etlichen positiven Wirkungen, die dem Joghurt dank seiner reichhaltigen Inhaltsstoffe bescheinigt werden. Da ist zum Beispiel Kalzium, das die Stabilität der Knochen gewährleistet. Vitamin B12, das für die Blutbildung wichtig ist. Vitamin B6 braucht der Körper für mehr als 100 Stoffwechselvorgänge, aber er kann es nicht vollständig selbst herstellen. Riboflavin, das unter anderem vor Migräne schützt. Joghurt wird wegen seiner Inhaltsstoffe für ältere Menschen ebenso empfohlen wie für Babys. Eine Forschergruppe um den Ernährungswissenschaftler Michael Zemel von der US-amerikanischen University of Tennessee konnte 2005 sogar zeigen, dass der regelmäßige Verzehr von fettarmem Joghurt dabei helfen kann, das Gewicht zu reduzieren. Andere Untersuchungen legen nahe, dass Joghurt vor Bluthochdruck schützt. Die in jüngster Zeit immer häufiger genannte Wirkung aber ist eine ganz andere: die probiotische.

Probiotisch kommt aus dem Griechischen und heißt „für das Leben“. Ein probiotisches Nahrungsmittel enthält lebensfähige Mikroorganismen. Beim Joghurt sind das normalerweise Milchsäurebakterien. Häufig werden sie in Milch gegeben und wandeln Milchzucker, also Laktose, in Milchsäure um – Joghurt entsteht. Lange schon vermuteten Wissenschaftler, dass diese Bakterien auf unseren Darm und die darin lebenden Mikroorganismen eine positive Wirkung haben.

Joghurt kann Durchfall verhindern, der als Nebenwirkung bei der Aufnahme von Antibiotika auftritt

Im Jahr 2007 haben es Forscher vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig dann bewiesen. Sie experimentierten mit Mäusen, die unter einer akuten Darmentzündung litten. Der Darm der Tiere war entzündet, sie litten an Durchfall und Flüssigkeitsverlust, verloren rasch an Gewicht. In ihr Futter mischten sie den Bakterienstamm Escherichia coli Nissle, ähnliche Mikroorganismen sind auch in vielen Joghurtsorten enthalten. Nach kurzer Zeit verbesserte sich der Zustand der Mäuse schlagartig, der Durchfall ließ nach. „Als wir dann das Darmgewebe untersuchten, haben wir gesehen, dass die Zellen offenbar dazu angeregt wurden, Proteine zu bilden, die die Stabilität erhöhen“, erinnert sich Astrid Westendorf, die damals am Helmholtz-Zentrum federführend an der im Fachmagazin PLoS One veröffentlichten Studie beteiligt war und inzwischen eine Professur an der Universität Duisburg-Essen angetreten hat. In einer anderen, kurz vorher veröffentlichten Studie konnten Forscher zeigen, dass probiotische Lebensmittel wie Joghurt auch Durchfall verhindern können, der als Nebenwirkung von Antibiotikagabe auftritt.

Die im Joghurt enthaltenen Milchsäurebakterien wirken offenbar stimulierend auf die Organismen, die in unserem Darm leben, auf die so genannte Darmflora. Solche Effekte erscheinen den Forschern seit einigen Jahren besonders begrüßenswert. „Langsam zeigt sich, dass wir die Rolle der in unserem Verdauungstrakt siedelnden Bakterienstämme lange unterschätzt hatten“, sagt Westendorf. Jüngere Studien deuteten darauf hin, dass das Mikrobiom, wie alle den Menschen besiedelnden Mikroorganismen genannt werden, nicht nur bei der Verdauung wichtig ist, sondern auch mit vielen anderen biochemischen und biologischen Prozessen zusammenhängt. Forscher des Helmholtz Zentrums München konnten im März dieses Jahres zeigen, dass die Zusammensetzung der Darmflora und die Interaktion mit der Umgebung bei Kindern mit Diabetes-typischen Antikörpern eine andere ist als bei gesunden Kindern.

„Allergien, Diabetes, Fettleibigkeit, entzündliche Darmerkrankungen – das alles scheint eher aufzutreten, wenn das Mikrobiom nicht vollständig intakt ist“, sagt Westendorf. Womöglich seien Störungen in der Zusammensetzung der Mikroorganismen häufig sogar die Ursache von Erkrankungen. Tausende Wissenschaftler weltweit arbeiten deshalb daran, mehr Informationen über den Siedlungsraum Mensch und die dort lebenden Mikroorganismen zu gewinnen. 

In den USA startete das National Institute of Health bereits 2007 das „Human Genome Project“ mit dem Ziel, auch die Genome aller Mikroorganismen zu entschlüsseln, die den Menschen besiedeln. Im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung forscht eine Gruppe von Wissenschaftlern daran, wie die in uns lebenden Bakterien das Immunsystem beeinflussen – was wiederum eine Rolle etwa bei der Entstehung von Allergien und entzündlichen Darmerkrankungen spielen kann.

Die Mikroorganismen in unserem Darm spielen eine große Rolle für die Erhaltung der Gesundheit

„Die Mikroorganismen vor allem in unserem Darm scheinen eine erheblich größere Rolle für die Erhaltung der Gesundheit und das Entstehen von Krankheiten zu spielen, als man bis vor Kurzem angenommen hat“, sagt Westendorf. Am Ende führt all das – zum Joghurt. Denn wer auf diese Erkenntnisse am Horizont heute schon reagieren will, dem empfiehlt sie den direkten Weg zum Kühlregal im Supermarkt: Mithilfe probiotischer Lebensmittel wie Joghurt lässt sich das Mikrobiom im Darm stärken. Und selbst wenn die Wirkung geringer sei als angenommen, sagt Westendorf, „falsch machen kann man damit sicher nichts“.

Joghurt sei allerdings nicht gleich Joghurt, sagt Westendorf. Die Konzentration an Milchsäurebakterien sei von Marke zu Marke unterschiedlich, manche Joghurts sind sogar künstlich angereichert mit Bakterien und werden als „probiotisch“ beworben, andere enthalten kaum Mikroorganismen. Leider sei auf den Joghurts bislang nicht aufgedruckt, wie viele Milchsäurebakterien darin enthalten sind. Mit einer verzehrüblichen Portion probiotischen Joghurts nimmt man normalerweise einige Milliarden Milchsäurebakterien zu sich, normaler Joghurt enthält dagegen oft nur mehrere Hundert Millionen. Aber selbst in solchen niedrigeren Konzentrationen ist Joghurt nicht nur eine Wohltat für uns, sondern wahrscheinlich auch für die Untermieter in unserem Darm. Außerdem produzieren manche Milchsäurebakterien offenbar auch selbst Stoffe, die positive Wirkungen auf zentrale Prozesse in den Körperzellen haben, wie die jüngste Entdeckung über die Wirkung bei Parkinson andeutet.

Das Problem, von dem bei Parkinson alles ausgeht, sind höchstwahrscheinlich geschädigte Mitochondrien, das sind die Kraftwerke jeder Zelle. Bei Erkrankten leisten die Mitochondrien in bestimmten Nervenzellen im Gehirn immer weniger, bis sie ihre Arbeit ganz einstellen und die Zellen absterben. „Das von bestimmten Bakterien im bulgarischen Joghurt produzierte D-Laktat verhindert das offenbar ein Stück weit. Im menschlichen Körper könnte es über die Darmschleimhaut und den Blutkreislauf ins Gehirn gelangen und dort auf die angeschlagenen Mitochondrien wirken“, sagt Teymuras Kurzchalia. In einem Experiment konnte er zeigen, dass die Substanzen dazu führen, dass die Zellkraftwerke sich wieder erholen und leistungsfähiger werden. „Vielleicht bringen wir irgendwann mal einen Joghurt auf den Markt, der mit D-Laktat angereichert ist“, sagt Kurzchalia und lacht. „Das wäre dann das am besten schmeckende Medikament der Welt.“ 

17.10.2014 , Christian Heinrich
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