Interview

"Die Onkologie befindet sich in einer rasanten Entwicklung."

Die tiefgehende Diagnose von Tumoren ist wichtig für die Zukunft der zielgerichteten Krebstherapie. Bild: Shutterstock

Wie werden Tumoren derzeit analysiert und charakterisiert? Wird die Diagnose von Krebspatienten in Zukunft noch genauer sein? Im Interview erklärt Dirk Jäger vom NCT Heidelberg, welche Ansätze er in der Krebstherapie verfolgt und welche Rolle das Immunsystem der Patienten zur Bekämpfung von Krebs spielt.

Dirk Jäger leitet die Abteilung Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg und verantwortet dort den gesamten klinischen Bereich.

Herr Jäger, woran forschen Sie am NCT in Heidelberg?

Wir versuchen individuelle Tumoren tiefgehend zu analysieren und zu charakterisieren. Wir möchten sowohl die Biologie des Tumors als auch die molekulare Reaktion des Patienten auf seine Erkrankung, die so genannten Tumor-Host-Interaktionen, verstehen. Ziel dieser aufwändigen Analyse ist es, individuelle und zielgerichtete Therapieansätze für Patienten zu entwickeln. Darüber hinaus arbeiten wir an neuen Behandlungsstrategien und neuen Wirkstoffen. Neben diesen Aspekten werden im NCT Heidelberg große Programme zur Krebsprävention, zum Stellenwert von körperlicher Bewegung bei Krebserkrankungen, zu neuen Methoden in der Strahlentherapie, der Virotherapie und der Immuntherapie durchgeführt.

Welche Ansätze verfolgen Sie in der Krebstherapie?

Aus dem Verständnis der individuellen Situation, der Biologie der Tumorzelle, aber auch der Abwehrreaktion des Immunsystems gegen den Tumor versuchen wir intelligente Kombinationstherapieansätze zu entwickeln. Diese können aus konventionellen Therapien wie Chemotherapie und Strahlentherapie, aber auch aus neuen Therapiestrategien, wie Immuntherapie oder zielgerichteten Substanzen bestehen. Das bedeutet, wir verfolgen eine Kombination unterschiedlicher Ansätze.

Wie kann das Immunsystem der Patienten zu Therapiezwecken genutzt werden?

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das Immunsystem von Patienten zu modifizieren. Die sogenannten Checkpointinhibitoren sind bereits bei vielen Tumorindikationen zugelassen. Sie zielen auf bestimmte regulatorische Immunzellen, die verhindern, dass das Immunsystem den Tumor effektiv bekämpft. In neueren Ansätzen wird versucht, die Immunzellen eines Patienten außerhalb des Körpers zu vervielfältigen oder sogar genetisch zu manipulieren. Diese Zellen werden dann dem Patienten in großer Zahl zurückgegeben. Solche Therapieansätze haben sich jüngst bei bestimmten Krebsarten (in ausbehandelter Therapiesituation) eindrucksvoll wirksam gezeigt.

Wie gelangen Informationen aus der Forschung in die Klinik? Kann der Weg vom Labor zum Patienten beschleunigt werden?

Wir versuchen in vielen Forschungsprogrammen Patienten einzubeziehen bzw. mit Material zu arbeiten, das direkt von Patienten stammt. So können wir direkt relevante Mechanismen identifizieren und neue Therapiestrategien entwickeln. Wir hoffen sehr, dass wir mit dieser Strategie den Weg in die klinische Anwendung verkürzen können.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Krebstherapie aus?

In Zukunft werden wir meiner Meinung nach Tumorpatienten noch tiefergehender diagnostizieren können. Wir möchten mehr über die Biologie der Erkrankung und über Tumor-Host-Immuninteraktionen wissen. Wir erkennen heute bereits, dass bei der Krebsentstehung auch andere Faktoren eine große Rolle spielen, wie beispielsweise die bakterielle Besiedlung des Darms oder sogar jene des Tumors. In Zukunft werden all diese Daten erhoben werden müssen. Wir werden Systeme entwickeln, die die relevanten Daten für uns verständlich herausfiltern. Ich kann mir sogar vorstellen, dass wir in absehbarer Zeit Computersimulationsmodelle haben, an denen wir bestimmte Therapiestrategien simulieren können, bevor wir dann die beste Kombinationstherapie am Patienten anwenden.

Was motiviert Sie besonders in Ihrer Arbeit?

Die Onkologie befindet sich momentan in einer rasanten Entwicklung. Wir haben auf der einen Seite Möglichkeiten, tatsächlich Biologie und Immunologie von Tumoren viel besser messen zu können und können so noch tiefer in die komplexen Regelwerke eines Tumors eindringen. Das eröffnet eine ganze Reihe von neuen therapeutischen Strategien, die wir natürlich alle verfolgen wollen. Das macht zum einen die klinische Versorgung von Patienten, aber auch die Wissenschaft in vielen Aspekten der Onkologie extrem aufregend. Bei all diesen Dingen steht für mich der Patient im Mittelpunkt. Mich motiviert es sehr, an neuen Ansätzen zu arbeiten, die hoffentlich die Prognosen von Patienten mit Krebserkrankungen verbessern werden.

Inwiefern ist Nähe zum Patienten wichtig für die Laborforschung?

Für unsere Forschungsansätze ist die Nähe zum Patienten extrem wichtig. Wir sind auf Biopsien von Tumoren angewiesen, um unsere Forschung am Patientenmaterial rasch voranzubringen. Insofern hat die patientennahe Forschung für mich oberste Priorität.

Das DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum) ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren und hat gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden.


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09.02.2018 , Elena Hungerland
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