Zika-Virus

„Die Epidemie wird bald vorbei sein“

Die Tigermücke ist Überträgerin des Zika-Virus. Bild: James Gathany/CDC/dpa

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hält nicht viel von der Forderung, die Olympischen Spiele in Rio aufgrund der Zika-Epidemie abzusagen. Er glaubt eher an ein baldiges Ende des Ausbruchs in Brasilien. Schwangeren rät er allerdings dringend von einer Reise ab.

Eine Gruppe von etwa 150 Wissenschaftlern forderte jüngst in einem offenen Brief an die World Health Organisation (WHO), die Olympischen Sommerspiele in Rio aufgrund der starken Ausbreitung des Zika-Virus zeitlich oder räumlich zu verlegen – die globalen Gesundheitsrisiken seien zu groß. Die WHO hatte die Forderung zunächst zurückgewiesen, prüft nun aber doch die Risiken.  Wir sprachen mit dem Zika-Experten Jonas Schmidt-Chanasit.

150 Wissenschaftler haben den offenen Brief an die WHO unterschrieben. Sie auch?

Nein, mich hat niemand gefragt und ich hätte auch nicht unterschrieben. Ich habe mir die Liste der Unterzeichner angeschaut: viele Bioethiker, einige Epidemiologen, die meisten sind Nordamerikaner, einige kommen aus Thailand. Aber es ist fast kein europäischer Wissenschaftler darunter. Und kein bekannter Virologe, oder ein Wissenschaftler, der schon mal auf dem Gebiet Zika gearbeitet hätte.

Aber die Sorge, dass das Zika-Virus durch Olympia mehr Opfer findet und in alle Welt verschleppt wird, ist doch nachvollziehbar … 

Es ist komplexer. Scheinbar einfache Lösungen – wir verschieben und dann ist alles gut – greifen nicht. Die WHO hat ja auch mit den richtigen Argumenten darauf geantwortet: Das Virus zirkuliert auch in vielen anderen Ländern und das Volumen der Reisebewegungen zu Olympia liegt nicht viel höher als das der Urlaubsreisen.

Das überrascht …

Das Robert-Koch-Institut hat sich diese Zahlen einmal genauer angeschaut. Zum Beispiel, wie es sich bei der WM 2014 verhielt. Damals sind zwar mehr, aber nicht sehr viel mehr Menschen nach Brasilien gereist als im Jahr zuvor.  

Die Verfasser des offenen Briefes gehen immerhin von einer halben Million internationaler Besucher anlässlich der Olympischen Spiele aus …

Die Frage ist, ob das wirklich so dramatische Auswirkungen hat. Es wird sicherlich vermehrt zu Importen nach Europa kommen, aber man muss auch sehen: Das Virus zirkuliert seit Jahren in Asien und Afrika, die einzigen Kontinente, die noch komplett frei sind, sind Europa und Australien. Hier könnte es sich aber niemals so verbreiten wie in Brasilien, weil die ökologischen Verhältnisse komplett anders sind. In unserem Klima kann sich die Überträgermücke nicht ausbreiten. Was man nicht abstreiten kann: Es wird durch den Reise- und Warenverkehr, der auch unabhängig von Großereignissen zunimmt, eine Verschleppung stattfinden.

Es wird in Europa, in Deutschland zu Zika-Fällen kommen?

Ja, aber es wird keinen Ausbruch wie in Brasilien geben. Soll man alle Großereignisse prinzipiell immer absagen, wenn irgendein Arbovirus* zirkuliert? Man muss das auch in Relation setzen: Dengue etwa ist wesentlich gefährlicher als Zika und viele andere, durch Mücken verbreitete Viren. Für Brasilien würde eine Verlegung der Spiele extreme Einbußen bedeuten. Einnahmen würden fehlen, die man in eine Stechmückenkontrolle investieren könnte.

Ein ungutes Gefühl bleibt. Wenn ich nun nach Rio fliege, mich eine infizierte Mücke sticht und ich das Virus nach Deutschland mitbringe …

80 Prozent der Infizierten verspüren keinerlei Symptome. 20 Prozent haben zwei, drei Tage Fieber und ein bisschen Muskelschmerzen, das ist alles. Das ist keine Indikation, um vor solchen Reisen zu warnen, da gibt es 1000 andere Viren, die wesentlich schwerwiegendere Symptome hervorrufen können. Nur bei Schwangeren gilt ohne Wenn und Aber: Sie sollen auf gar keinen Fall in Zika-Ausbruchsgebiete reisen. Sie riskieren sonst, dass ihr Kind mit Mikrozephalie auf die Welt kommt, also einem zu kleinen Kopf und schweren Entwicklungsstörungen.

Man weiß, dass Zika auch beim Sex übertragen werden kann. Wenn nun die brav in Deutschland gebliebene Schwangere einen infizierten Sexualpartner hat?

… sollte sie mit ihm nur geschützten Geschlechtsverkehr haben. Im Blut ist das Virus nur zwei, drei Tage nachweisbar, dann haben sich Antikörper gebildet und man ist lebenslang immun. Bei Männern hat man allerdings vermehrt Hinweise, dass sich das Virus längere Zeit – d. h. drei, vier Monate – im Sperma nachweisen lässt. Es gibt bislang also keine Hinweise darauf, dass das Virus jahrelang in der Samenflüssigkeit und im Sperma nachzuweisen wäre.

Was lässt sich zur Entwicklung der Zika-Epidemie in Brasilien sagen?

Sie wird bald vorbei sein. Es ist, wie wir erwartet haben, der typische Verlauf einer Arbovirus-Epidemie: Ein ganz schnelles Anfluten und dann bricht das alles schlagartig in sich zusammen, weil eine sogenannte Herdimmunität hergestellt ist: Ein bestimmter Anteil der Bevölkerung hat Immunität erlangt und dann wird es für das Virus immer schwieriger, sich in empfänglichen Wirten zu vermehren. Das kann aber auch in Wellen verlaufen. Aber in dem Ausmaß, wie wir das vor zwei, drei Monaten im Nordosten Brasiliens gesehen haben, ist es vorbei. Auch in Kolumbien gehen die Fallzahlen runter. In den Gebieten, wo das Zika-Virus vor kurzem erst angekommen ist, geht es natürlich zunächst noch hoch. Nach fünf, sechs Monaten ist der Gipfel erreicht und dann bricht die Epidemie in sich zusammen.

Sie sagten, es gibt nicht „die“ typischen Zika-Symptome. Was raten Sie jemandem, der aus Brasilien zurückgekehrt ist und Fieber bekommt? Auf jeden Fall zum Arzt gehen oder ein paar Tage abwarten?

Reiserückkehrer, die nach einer Tropenreise Fieber entwickeln, sollten immer zum Tropenmediziner oder sich vom Hausarzt überweisen lassen. Fieber ist das erste Warnzeichen, dahinter können auch schwerwiegende Infektionen wie Typhus oder Malaria stecken. Gerade bei den Übertragungen durch Stechmücken lassen sich verwandte Viren nur im Labor unterscheiden, weil sie eine ähnliche Symptomatik verursachen: Fieber, Hautausschlag, Muskelschmerzen.

* Als Arboviren bezeichnet man Viren, die durch Insekten übertragen werden.
Offener Brief der 150 Wissenschaftler an die WHO
WHO-Empfehlungen bezüglich der Olympischen Spiele 06.06.2016 , Interview: Thomas Röbke
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