Ben Engel an der Isar. Bild: privat

Der Bayer aus Berkeley

Dem amerikanische Zellbiologe Ben Engel gefiel es bei seinem ersten Aufenthalt in München vor neun Jahren so gut, dass er kurzentschlossen dageblieben ist. Am Helmholtz Pioneer Campus blickt er jetzt mit High-Tech-Methoden in das Innenleben von Zellen.

Seine Karriere als Forscher begann beim Putzen. Ben Engel war gerade frisch eingeschrieben an der Universität in Berkeley, im Studentenjob war er Handlanger am dortigen Synchrotron. „Und dann gab es eine geplante Betriebspause, wir mussten das Innere des Rings putzen, das die meisten Leute nie zu sehen kriegen“, erinnert sich der heute 39-Jährige. Mit dem Putzlappen war er im Teilchenbeschleuniger unterwegs und staunte über die gewaltige Technik – „das hat meine Augen für die Wissenschaft geöffnet!“

Heute leitet Ben Engel in München eine Arbeitsgruppe am Helmholtz Pioneer Campus, und auch wenn er mit Teilchenbeschleunigern nichts mehr zu tun hat: Sein Faible für große, aufwendige Geräte hat er sich erhalten. Der Zellbiologe nutzt für seine Untersuchungen Elektronenmikroskope und eine spezielle Technik, mit der er Zellen tiefgefrieren und in hauchfeine Scheiben schneiden kann – dreidimensionale Einblicke in das Geschehen innerhalb der Zellen gewinnt er so, und treffenderweise hat er seine Forschergruppe kurzerhand „Cell Architecture Lab“ genannt.

Dass Ben Engel in München gelandet ist und hier sogar seine Familie mit zwei Söhnen gegründet hat, ist ein Zufall. „I’m a California kid“, sagt er in breitem Amerikanisch über sich selbst: Die ersten 30 Jahre seines Lebens hat er nicht außerhalb von Kalifornien gelebt. Als er noch ein Kind war, haben ihn die langen Touren mit seinen Eltern durch das Sierra-Nevada-Gebirge geprägt. „Und das ist ein gewaltiges und einsames Gebirge, nicht so wie die bayerischen Alpen, wo man auf jedem Gipfel ein frisches Bier kriegt“, sagt er lachend: „Meine Mutter hat mir die Namen aller Pflanzen beigebracht, die wir unterwegs gefunden haben.“ Es folgte die High School, dann die Universität in Berkeley und die graduate school an der University of California in San Francisco. Die weite Welt lernte er in dieser Zeit vor allem auf Reisen kennen. „Mit meiner Frau zusammen habe ich 52 Länder gesehen, und seit wir Kinder haben, nehmen wir sie einfach mit auf unsere Touren“, sagt Ben Engel. Und München? Für eine Stelle am Max-Planck-Institut für Biochemie kam er 2011 hierhin, es war sein erster Aufenthalt in Deutschland – „und als wir über den Viktualienmarkt und durch den Englischen Garten schlenderten, fühlten wir uns gleich heimisch.“

Wie sehr er in diesen neun Jahren zum Münchner geworden ist, merkt man spätestens dann, wenn er über seine Arbeit erzählt – und breit grinsend zu einem Vergleich ansetzt: „Die Leute hier in Bayern lieben ja Autos“, sagt er, „und jetzt stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihr kaputtes Auto reparieren, haben aber keine Ahnung, wie genau der Motor funktioniert – da werden Sie nicht weit kommen!“ Das ist seine Standardantwort, wenn wieder einmal jemand fragt, ob seine Grundlagenforschung eigentlich irgendwann auch einmal für etwas gut sein würde. Und dann fängt er an, über seine Forschung zu berichten: über Organelle, eine winzige Sub-Struktur innerhalb der Zellen, die er untersucht. Über das Verfahren der Kyro-Elektronentomographie, mit der er dreidimensionale Aufnahmen gewinnt, die so hochauflösend sind, dass er die Struktur einzelner Moleküle innerhalb der Zelle verfolgen kann. Und über das Cilium und die Chloroplasten von Algen, auf die er sein Augenmerk richtet. „Wir untersuchen die Verbindung von der Form von Organellen und der Funktion der Makromoleküle“, erläutert er: „Das Ziel ist zu verstehen, wie die Architektur von Organellen die molekulare Funktion steuert.“ Dass er soweit in die Geheimnisse der Zellen vordringen kann, verdankt er nicht zuletzt der rapiden technischen Entwicklung der vergangenen paar Jahre, in denen sich die Bildgebungsverfahren deutlich verbessert hätten. „Ich bin ein sehr visueller Mensch“, sagt Ben Engel, „es ist großartig, die Moleküle in den Zellen dabei zu beobachten, wie sie den Tanz des Lebens aufführen!“ Von einem „window into the cell“ spricht er deshalb begeistert, wenn er die hochkomplexe Technik beschreibt, die seiner Arbeit zu Grunde liegt.

Die Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachten und Experimenten zieht, könnten tatsächlich rasch eine Bedeutung für die Anwendung gewinnen – deshalb auch seine Metapher mit der Autoreparatur: Meeresalgen zum Beispiel binden die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen. Die Frage, wie die Chloroplast-Architektur auf den Klimawandel reagiert, wird damit plötzlich zu einem Schlüsselthema beim Kampf gegen die Erderwärmung.

Für die Arbeit ist das Team von Ben Engel noch quer durch die Stadt unterwegs: In ihren Labors am Helmholtz-Zentrum München bereiten sie die Proben vor, am Max-Planck-Institut steht die benötigte Technik für die Bildgebung. Auf den Wegen immerhin taucht Ben Engel tiefer ins Münchner Leben ein. „Ich hatte in den vergangenen Jahren mehrere sehr interessante Angebote, wieder nach Amerika zurückzugehen“, sagt er. Jedes Mal lehnte er dankend ab: „Wir möchten, dass unsere Kinder hier in München aufwachsen!“ Der älteste Sohn ist inzwischen sechs Jahre alt und bereitet sich auf die Einschulung vor. Natürlich, sagt Ben Engel, schicke er ihn auf eine staatliche Schule – so klappe es am besten mit der Zweisprachigkeit, denn Englisch hört er schließlich schon zu Hause. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut das mit dem Deutsch bei ihm klappt“, sagt Ben Engel, der seit neun Jahren wegen seines vollen Kalenders selbst kaum dazu kommt, Vokabeln und Grammatik zu lernen. Seine resignierte Bilanz: „Mein Sohn korrigiert mich ständig!“

Helmholtz Pioneer Campus: Platz für Forschungspioniere

18.05.2020 , Kilian Kirchgessner

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