Portrait

Big Data und die Berge

Bild: Michael Haggenmüller/ Helmholtz Zentrum München

Annette Peters will verstehen, was Menschen krank macht und wie wir uns vor Volkskrankheiten schützen können. Dazu wertet die Epidemiologin Unmengen an personenbezogenen Daten aus. Um den Überblick zu behalten, flüchtet sie immer wieder in die Berge

Wenn Annette Peters alles zu viel wird, fährt sie in die Alpen. Im Sommer klettert die Wissenschaftlerin auf die Gipfel in den Münchner Hausbergen, im Winter macht sie Skitouren - am liebsten jedes Wochenende und zusammen mit ihrem Sohn. "Im Gebirge komme ich zur Ruhe, egal wie hektisch es vorher war", sagt die 48-Jährige. Seit vier Jahren leitet sie am Helmholtz Zentrum München ein großes Institut für Epidemiologie. Annette Peters: "Die nötige Energie bekomme ich beim Bergsteigen."

Doch es gibt noch einen anderen Grund, der die gebürtige Duisburgerin in Bayern hält. Früher war es MONICA*, dann KORA** und jetzt ist ein weiterer Name hinzugekommen. Gemeint sind groß angelegte, langfristige Bevölkerungsstudien zu gesundheitlichen Fragen, die vom Münchner Helmholtz Zentrum koordiniert werden.

Den Auftakt bildete MONICA in den 1980er-Jahren; damals stand die Herzgesundheit im Mittelpunkt. Die Studie hatte weltweit großen Einfluss auf die Entwicklung der Herz-Kreislauf-Forschung. Sie ermöglichte die Identifikation von Risikofaktoren für Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte, was zu genaueren Vorgaben für Prävention und Therapie führte. Insgesamt trug die Studie wesentlich zum Rückgang von koronarer Herzerkrankung und Schlaganfall bei. Anfang der 1990er-Jahre wurde MONICA in KORA umbenannt und mit neuen Schwerpunkten fortgeführt. "Es geht jetzt mehr um Diabetes und Lungenkrankheiten", sagt Annette Peters, die für die Studie verantwortlich ist.

Im Januar wurde ihr zusätzlich die Leitung eines Teils der Nationalen Kohorte übertragen. Eine derart umfassende Bevölkerungsstudie über die Ursachen von Volkskrankheiten hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Insgesamt, so der Plan, sollen 200.000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren medizinisch untersucht und nach ihren Alltagsgewohnheiten befragt werden. "Wir wollen herausfinden, wie genetische Faktoren, Umweltbedingungen und Lebensstil bei der Entstehung von Krankheiten zusammenwirken", skizziert Annette Peters das Konzept. Letztlich geht es ihr und ihren Kollegen darum, Wege zu einer effektiven Vorbeugung für Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Diabetes und Demenz-Erkrankungen aufzuzeigen.

Die Gruppe, die Annette Peters mit einem großen Team betreuen wird, zählt rund 20.000 Probanden. Wenn die Studie im Oktober offiziell startet, finden die ersten Untersuchungen und Interviews statt. Von allen Teilnehmern werden Blutproben entnommen, die für besondere Forschungsprojekte in einer Bioprobenbank am Helmholtz Zentrum München gelagert werden. "Etwa ein Fünftel der Probanden schicken wir zusätzlich in den Magnetresonanztomographen, um den Gesundheitszustand mit höchstmöglicher Präzision zu erfassen", berichtet Peters. Damit sei die Nationale Kohorte die modernste aller großen Bevölkerungsstudien weltweit.

Schon bald werden gewaltige Datenmengen bereitstehen, um von Forschern wie Annette Peters analysiert zu werden. Das erforderliche Talent zeigte sich bei ihr früh und war ihr vielleicht schon in die Wiege gelegt worden: Der Vater war Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei Thyssen-Krupp. Auf dem Gymnasium belegte sie als einziges Mädchen Leistungskurse in Physik und Mathematik. Nach dem Abitur hatte Annette Peters eigentlich Medizin studieren wollen. Abgeschreckt durch ein Krankenhauspraktikum - "ich war schockiert, wie machtlos die Ärzte letztlich waren" - wählte sie einen anderen Weg und studierte Biologie und Mathematik in Konstanz und Tübingen. Per Zufall entdeckte sie die Umweltepidemiologie - und war sofort fasziniert. Auf diesem Gebiet konnte sie sich dann auch als Forscherin profilieren, etwa durch den biologischen Nachweis, wie Feinstaub das Herz schädigt. Ihre Forschungsergebnisse hatten schon bald praktische Konsequenzen. Sie prägen zum Beispiel die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zum Umgang mit den ultrafeinen Luftpartikeln.

"Ich hatte wunderbare Mentoren, die mir auf meinem Weg geholfen haben", sagt Annette Peters. Da ist zum Beispiel ihr Doktorvater am Helmholtz-Zentrum, der sie in den Neunzigerjahren an die Harvard University in Boston schickte: "Dort wurde mein wissenschaftliches Denken geprägt", sagt sie, "das war der Grundstein für alles, was ich danach tat." Seither ist sie immer wieder nach Harvard zurückgekehrt, etwa um Kurse in Environmental Cardiology zu geben.

Harvard war eine wichtige Station, München aber ist für Annette Peters zur Heimat geworden. Seit 21 Jahren arbeitet sie im Forschungszentrum in Neuherberg und versteht sich inzwischen als echtes Helmholtz-Gewächs. Heute will sie ihren Leuten als Mentorin dienen. Studierende und Gastforscher mitgezählt, hat ihr Institut 160 Mitarbeiter oder besser gesagt: Mitarbeiterinnen, denn knapp 90 Prozent der Belegschaft sind Frauen. "Als Mutter und erfolgreiche Wissenschaftlerin bin ich ein Vorbild - das zieht Frauen an", sagt Peters. Keine ihrer eigenen Professorinnen habe Kinder gehabt, erinnert sie sich. Eine Betreuung vom ersten Lebensjahr an, wie sie ihr zur Verfügung stand, habe es damals allerdings nur selten gegeben. Annette Peters arbeitet gern mit Frauen zusammen und hat doch ein Faible für gemischte Teams: "Deshalb bevorzuge ich bei gleicher Qualifikation den männlichen Bewerber."

Es wird ein heißer Herbst für die Wissenschaftsmanagerin: Die Nationale Kohorte startet und auch bei KORA stehen neue Messungen auf dem Programm. Ob sie manchmal Angst hat, in der Datenflut zu ertrinken? "Nicht wirklich", antwortet Annette Peters, "denn sobald es eng wird, bin ich ganz schnell auf dem Berg."

MONICA, Monitoring Trends and Determinants in Cardiovascular Disease

** KORA, Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg

Website zur Nationalen Kohorte

Helmholtz Zentrum München - Institut für Epidemiologie II

07.08.2014 , Lilo Berg
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