Interview

So ein Müll!

Finden ihren Weg in weit entlegene Meerestiefen: Müllstücke wie Bierdosen. Copyright: David Van Rooij, Renard Centre of Marine Geology

Ob küstennahe Gebiete oder fast unberührte Tiefsee, alle europäischen Meere sind mittlerweile verschmutzt. Das ist das alarmierende Ergebnis einer aktuellen europaweiten Studie. Meeresbiologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, ist Teil des internationalen Forscherteams. Sie erzählt, welcher Müll besonders problematisch ist und warum jetzt Handlungsbedarf besteht

Wie gravierend ist das Problem der Müllbelastung?

Geschätzte 6,4 Millionen Tonnen Müll gelangen jedes Jahr in die Ozeane. In unserer Studie haben wir erstmals großflächig 32 verschiedene Meeresgebiete untersucht, unter anderem den Nordost-Atlantik, das Mittelmeer und den Arktischen Ozean – eine riesige Bandbreite unterschiedlichster maritimer Lebensräume. Darunter waren dicht besiedelte Küstenabschnitte, aber auch fast unberührte Tiefsee in der Arktis, die zu meinem Forschungsgebiet gehört. Knapp 3.000 Bilder habe ich ausgewertet: Zwischen 2002 und 2011 hatte sich die Müllbelastung mehr als verdoppelt. Im Molloy Tief, dem mit 5.500 Metern tiefsten Punkt unseres Observatoriums, dem HAUSGARTEN, haben wir bereits 1999 Müll entdeckt. Das ist schon traurig: Der Müll war in einigen bis dahin unbekannten Regionen schon vor uns da.

Von welchem Müll reden wir?

Das ist sehr unterschiedlich. Neben Müll wie Fischereigeräten, Netzen, Glasflaschen und Metall war die mit Abstand häufigste Müllsorte Plastik. Ein großes Thema ist Mikroplastik, das teilweise aus dem Zerfall von Kunststoffmüll resultieren. Was viele nicht wissen, auch viele Textilfasern, Zahnpasta oder Peelings enthalten Mikroplastik. So gelangt ein großer Teil mit den Abwässern in die Meere. Die an sich gewollten Eigenschaften von Plastik werden hier zu einem Riesenproblem: Es ist äußerst langlebig und noch dazu leicht. So gelangt es mit den Meeresströmungen in die entlegensten Ecken unserer Weltmeere. An seine wasserabweisende Oberfläche lagern sich vor allem fettliebende, giftige Chemikalien an. So entstehen mit den Jahren kleine Zeitbomben.

Welche Auswirkungen hat die Verschmutzung
?

Meeresbewohner halten die Plastikpartikel für Futter. Auf diesem Weg gelangt Mikroplastik in die Nahrungskette und reichert sich dort an. Wenn am Ende der Mensch so einen Fisch auf dem Teller hat, ist das nicht mehr lustig. Welche gesundheitlichen Folgen das hat und was das langfristig für uns und unser Ökosystem bedeutet, darüber ist bisher wenig bekannt. Dort wo Müll den Meeresboden bedeckt, ist von Änderungen in der Artengemeinschaft auszugehen. Korallen, an denen sich Müll verheddert, sterben.

Was sind die Ursachen für die großflächige Verbreitung des Mülls?

Der Müll der Küstenregionen stammt sicherlich vom Land, gelangt entweder über die Strände ins Meer oder über Flüsse. Weit von der Küste entfernte Stücke stammen wahrscheinlich eher von Schiffen, Offshore-Industrie oder der Fischerei. Insbesondere Plastikmüll wird aber auch über weite Strecken mit den Meeresströmungen transportiert. Ich habe mir verschiedene Statistiken für den Zeitraum von 2008 bis 2011 angesehen, als es einen enormen Anstieg der Verschmutzung an unserem Observatorium gab. Auffällig waren dort die zunehmende Fischerei im Untersuchungsgebiet sowie der erhöhte Verkehr privater Jachten. Zusätzlich gab es in der Zeit bestimmte nordatlantische Warmwasser-Anomalien, die dazu beigetragen haben könnten, vermehrt unseren Müll in den hohen Norden zu tragen. Wie sich der Müll genau über die Meere verteilt, können wir noch nicht mit Sicherheit sagen.


Welche Konsequenzen hat die Studie? Welche Maßnahmen können jetzt noch greifen?

Der Abfall, der sich bereits in den Meeren befindet, kann schwerlich wieder eingesammelt werden. Das funktioniert vielleicht auf einer Wiese, aber nicht in diesen Dimensionen. Wir müssen jetzt gegensteuern, damit sich das Problem nicht verschlimmert. Zum Beispiel müssten Klärwerke so ausgerüstet werden, dass sie Mikroplastikpartikel abfangen. Mit den Ergebnissen unserer breit gefächerten Studie können wir die Öffentlichkeit und insbesondere politische Entscheidungsträger auf das Problem aufmerksam machen. Letztendlich hilft es nur, konsequent Plastiktüten zu verbieten und gesetzlich sowie ökonomisch Anreize zu schaffen, die helfen die zunehmende Verpackungsflut einzudämmen.

Dr. Melanie Bergmann arbeitet als Meeresbiologin in der Brückengruppe Tiefsee-Ökologie und -Technologie, einer Kooperation zwischen der Helmholtz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft. Im HAUSGARTEN, dem Tiefsee-Observatorium des Alfred-Wegener-Institutes in der östlichen Framstraße untersucht sie unter anderem die Artenvielfalt sowie Funktionsweise und Biogeochemie von Tiefsee-Ökosystemen in Zeiten globaler Veränderungen.

02.05.2014 , Interview: Maimona Id
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