Klimaabkommen

„Nach der Konferenz ist vor der Konferenz“

Am 22. April unterzeichneten die Abgesandten von mehr als 150 Nationen in New York den Pariser Klimavertrag. Das Abkommen vom vergangenen Dezember wurde als Durchbruch gefeiert. Doch der Weg zum ambitionierten Ziel, den Klimawandel abzubremsen ist noch lang.

Zum Abschluss der UN-Klimakonferenz in Paris im vergangenen Jahr waren alle Akteure mit im Boot. 195 Staaten einigten sich auf das Ziel, die Erderwärmung einzuschränken. Sie soll "deutlich unter 2°C gegenüber der industriellen Zeit" bleiben. Weltweit haben das Politiker, Medien und auch einige Umweltschutzorganisationen als wichtigen Schritt gewertet. Die Hoffnung: Damit könnten unumkehrbare Prozesse verhindert werden, die bei einer stärkeren Erwärmung drohen. Würden etwa die Eismassen in Grönland oder der Westantarktis abschmelzen, stiege der Meeresspiegel um viele Meter. Ganze Ökosysteme auf Land oder in den Meeren würden kippen und Wetterextreme zunehmen. Schon bei einer Erwärmung von etwa 1,5°C rechnen Forscher mit einer gravierenden Schädigung der Korallenriffe in den Weltmeeren.

"Die Lage der Schwellenwerte, bei deren Überschreitung derartige Folgen eintreten würden, unterliegt jedoch einer großen Unsicherheit", gibt Mojib Latif zu bedenken. "Aus diesem Grund ist immer die geringste noch mögliche Erwärmung anzustreben." Der Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel weist darauf hin, dass die Staatengemeinschaft sich bereits 1992 auf dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro in der Klimarahmenkonvention darauf verpflichtet hat, eine "gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems" zu verhindern. "Ein Vierteljahrhundert später feiert man einen Vertrag, der genau das festschreibt, nämlich die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen", so Latif. Die Treibhausgasemissionen seien seit Rio förmlich explodiert. Ergo: "Nach der Konferenz ist vor der Konferenz."

Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C, so wie es in dem Klimavertrag von Paris als Option steht, hält Latif für "schon so gut wie ausgeschlossen". Der Klimawandel wird vor allem durch den Ausstoß von langlebigen Treibhausgasen verursacht, allen voran Kohlendioxid (CO2). Das Gas entsteht in erster Linie durch die Verfeuerung der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Erdgas zur Energiegewinnung. Auch die Landwirtschaft, die Rodung tropischer Regenwälder und die Trockenlegung von Mooren verstärken das Problem erheblich.

Die zurzeit vorliegenden nationalen Klimapläne führen zu Emissionen, die zu hoch sind, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Im Pariser Abkommen verpflichtet sich zwar jedes Land zu Klimaschutzzielen - wenn auch einige Länder wie etwa China ihren CO2-Ausstoß noch steigern dürfen. Diese Nennung von konkreten Zahlen für die Emissionen ist dennoch eine Neuerung. Das Abkommen ist völkerrechtlich zwar verbindlich, doch Sanktionen sind keine vorgesehen, falls ein Akteur sich nicht daran hält. Es handelt sich also lediglich um Selbstverpflichtungen der Staaten. Europa und die USA haben als Vorreiter der Industrialisierung in den vergangenen rund 150 Jahren am meisten zum Klimawandel beigetragen. Heute ist China CO2-Verursacher Nummer 1. "Industriestaaten wie Deutschland", so Latif, "können durch eine Energiewende allerdings vormachen, wie sich bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts eine nahezu klimaneutrale Energiepolitik umsetzen lässt."

"Das Pariser Klimaabkommen liefert einen Rahmen, der durch nationale Ziele und Maßnahmen erst noch gefüllt werden muss", sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Selbst wenn alle bisherigen Ankündigungen komplett umgesetzt würden und auch danach Klimapolitik betrieben würde, dürfte sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts immer noch um rund 2,7°C erwärmen." Doch auch Freiwilligkeit bei nationalen Klimaschutzzielen müsse nicht Stillstand oder gar Rückschritt bedeuten. "Im Gegenteil: Die damit einhergehende Flexibilität, ohne Androhung von Sanktionen bei Nichteinhaltung hoch zu zielen und mutige Politik zu machen, kann auch positiv wirken", so Schellnhuber. "Ich setze auf die regelmäßigen Berichtspflichten innerhalb des Pariser Abkommens und eine positive Dynamik, um die Lücke zwischen globalem Umweltziel und Klimaschutzplänen zu schließen."

"Jetzt müssen die Länder Farbe bekennen" - Interview mit Reimund Schwarze, Umweltökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

20.04.2016 , Lars Klaaßen
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