Porträt

Fotografin in eisiger Kälte

Die Dokumentarfotografin Esther Horvath reist in die Polarregionen um dort die Schönheit und den Wandel zu por­t­rä­tie­ren. Bild: Esther Horvath

Es war Liebe auf den ersten Blick.  Nach einer Reise in die Arktis war für die Fotografin Esther Horvath klar, wo sie ihre berufliche Zukunft verbringen wollte. Also packte sie ihre Koffer, kehrte dem Big Apple den Rücken und machte sich auf den Weg zum Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Es gibt Erfahrungen im Leben, die Menschen für immer verändern und die Weichen neu stellen.  Die Fotografin Esther Horvath hat so etwas erlebt. Im Jahr 2015 hatte sie einen Auftrag angenommen, der sie einige Wochen lang ins arktische Eis führen sollte, um ein Forschungsprojekt zu begleiten. Als sie dann an Bord eines Eisbrechers „US Coast Guard Healy“, weit nördlich von Alaska, auf das faszinierend schillernde Eis, das unendliche Meer und den strahlend blauen Himmel blickte, schreckten sie die Einsamkeit und Abgeschiedenheit nicht. Die einmalige Intensität und Schönheit, die Unberührtheit der Natur übten vielmehr einen unglaublichen Sog auf die junge Frau aus, die normalerweise in den Straßenschluchten New Yorks für das Wall Street Journal und die New York Times arbeitete.

Hier in der Arktis wurde Esther Horvath aber noch etwas anderes bewusst: was für ein einzigartiges Wunder der Natur verloren geht, wenn die Erderwärmung weiter zunimmt und die Eislandschaften schmelzen. Mit an Bord des Eisbrechers waren Meeresbiologen, Klimaforscher und Geologen. Horvaths Aufgabe war es, fotografisch zu dokumentieren was sie sah, die Eisberge, die Gletscher und die Arbeit der Wissenschaftler vor Ort. Von all dem müssten noch viel mehr Menschen erfahren, dachte sich Horvath.

Zurück in New York ging ihr dieses Thema nicht mehr aus dem Kopf. „An Bord des Eisbrechers gibt es kein Internet- und auch keinen Telefonempfang. Von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, schweißte uns als Team zusammen. Man ist wie eine große Familie. Die Trennung fiel mir nicht leicht“, erinnert sie sich. Also tippte Horvath in die Suchmaschine ihres Computers: „Polar Research“. Kurz darauf saß sie erneut in einem Flugzeug nach Europa – wo sie, und zwar nicht in Bremerhaven, sondern im norwegischen Tromsø, die Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Karin Lochte, von ihrer Arbeit und ihren Absichten überzeugte.

Esther Horvath, die erst wenige Jahre zuvor in die USA gezogen war, ging zurück nach Europa: „Ich hatte meinen Traumjob gefunden“, erzählt sie. „Dafür zog ich gern wieder um und andere Länder, andere Kulturen schrecken mich nicht. Ich finde es reizvoll, mich an neuen Orten einzuleben.“ Der Umzug nach Bremen, wo sie heute lebt, fiel ihr nicht schwer. „Ich habe mich gleich wie zu Hause gefühlt. Es ist schön, hier etwas Ruhe zu finden. In New York verbraucht man unglaublich viel Energie, es ist dort immer hektisch und laut. Obwohl ich erfolgreich in meinem Beruf war, konnte ich mir dort nur eine sehr kleine Wohnung leisten, eher eine  Kammer. Die Lebensqualität in Deutschland ist dagegen viel höher“, weiß sie zu schätzen.

In ihrer Fotografie hält die gebürtige Ungarin besonders gern die Geschichten der Menschen in Bildern fest. Früher wollte sie Buchillustratorin werden, doch das Zeichnen blieb ein Hobby, und so entschloss sie sich zunächst, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Als ihr ein Freund an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag eine Kamera schenkte, nahm ihr Berufsweg eine unerwartete Wendung. Von da an fotografierte sie bei jeder Gelegenheit und fasste den Entschluss, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Später besuchte sie die „International Center of Photography School“ in New York, welche ihr die Türen zu den renommiertesten Magazinen der Welt, wie dem National Geographic, öffnete.

Heute arbeitet sie als Fotografin und Bildredakteurin in der Kommunikationsabteilung des AWI – und kann oft Wissenschaftler auf spektakuläre Expeditionen begleiten. Erst seit ein paar Wochen ist sie aus der Antarktis zurück, von der Neumayer-Station III. Seit 2009 bildet die Forschungsstation die Basis der deutschen Antarktis-Forschung. Weil das genau zehn Jahre her ist, machte sich zu Jahresbeginn eine Delegation aus Wissenschaft und Politik dorthin auf den Weg. Esther Horvath begleitete die Gruppe.

„Mit Linienflügen über Kapstadt und mit dem Forschungsflugzeug Polar 6 ging es in eine Welt, die faszinierender kaum sein könnte“, sagt Horvath. „Es ist einer der wenigen Orte, an dem es kaum menschliches Leben gibt.“ Am Nord- und Südpol ist der Klimawandel deutlich zu sehen. Diesen Wandel möchte Esther Horvath mit ihren Bildern dokumentieren. Dabei konzentriert sie sich auf die Arbeit der Wissenschaftler, die unter extremen Bedingungen einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten. Daran müsse die Öffentlichkeit noch viel mehr teilhaben, sagt die Fotografin. Mit ihrer Arbeit will sie ein Stück weit dazu beitragen.

Seit 1981 forscht das AWI in der Antarktis. Für Esther Horvath war es jetzt der erste Besuch dieser Station. „Wir waren ja im recht milden und immer hellen Sommer da“, erzählt sie, „selbst da war die Station so windumtost, dass es Tage gab, an denen wir sie kaum verlassen konnten. Während des Sommers arbeiten und leben bis zu fünfzig Menschen in der Station. Selbst im Winter ist sie trotz Dunkelheit und extremen Temperaturen mit einem neunköpfigen Team besetzt.  Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Neumayer-Station evakuiert werden müsste, steht acht Kilometer entfernt die südafrikanische Nachbar-Station SANAE IV bereit, inklusive Proviant für einige Monate. Im Neumayer-III-stationsinternen Hospital ist ganzjährig ein Arzt vor Ort. „Es gibt sogar eine Telefon-Leitung in das Krankenhaus Bremerhaven, sodass Patienten notfalls auch telemedizinisch betreut werden können“, erzählt Horvath, „zusammen mit den Laboren und Observatorien war das der spannendste Hightech-Ort, den ich je gesehen habe.“

Auch das Projekt, das Esther Horvath am intensivsten begleitet, hat viel mit Technologie zu tun hat – die seit 2001 laufende Eismessung „IceBird“ in der Arktis. Zusammen mit den AWI-Meereisphysikern startet sie regelmäßig von Grönland gen Norden. „Wir fliegen in 70 Meter Höhe - und haben ein Messgerät dabei, das ein bisschen wie ein Torpedo aussieht, der in nur 15 Meter Höhe unter dem Flugzeug gezogen wird“, erzählt Esther Horvath. Dieser misst die Entfernung zur Unter- wie zur Oberkante des Eises und somit die Dicke des Eispanzers.

Fragt man Esther Horvath, ob bei den Flügen nicht immer dasselbe zu sehen sei – Meer, Eis, Himmel – antwortet die Polarbegeisterte Fotografin: „Überhaupt nicht. Das Licht ist in jeder Minute anders. Im Frühling, beispielsweise, erstrahlt der Himmel durch die tiefliegende Sonne wochenlang in kräftigen gelb-orange Tönen über der Eislandschaft.“

Ein anderes Leben kann sich die freiheitsliebende Fotografin momentan nicht vorstellen. Eine Rückkehr in die USA ist nicht geplant. Die Brücken dorthin brach sie allerdings nicht ab. Regelmäßig besucht sie Freunde und trifft ehemalige Kollegen der New York Times oder National Geographic und spricht mit ihnen über die atemberaubende Arbeit in den eiskalten Polarregionen.

Zum Weiterlesen

Ice Surveys and Neckties at Dinner: Here’s Life at an Arctic Outpost -New York Times, Photographs by Esther Horvath

Want to grow plants in space? Go to the coldest place on Earth - National Geographic, Photographs by Esther Horvath

18.03.2019 , Jeannette Goddar & Agata Tuzimek
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (0)
Keine Kommentare gefunden!
Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Your comment will be checked by our editors after sending and then released, we ask you for a little patience.

Druck-Version