Biodiversität

Forschung für Vielfalt

Der Amur-Tiger gehört zu einer der stark bedrohten Tierarten. Derzeit sind mehr als 2500 Tierarten vom Aussterben bedroht. Bild: Pixabay CC0

Jedes Jahr sterben tausende Tier- und Pflanzenarten aus. Der Weltbiodiversitätsrat will das ändern. Das Wissenschaftlergremium zeigt Wege auf, wie sich der Rückgang der Biodiversität stoppen lassen könnte.

Amur-Tiger, Arnika oder Asiatischer Elefant – die Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten rund um den Globus ist lang. Derzeit umfasst sie mehr als 25000 verschiedene Arten, von A-Z. Ihr Überleben zu sichern ist eine der Aufgaben, die sich der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) gegeben hat. Vergleichbar dem Weltklimarat IPCC für das Thema Klimaschutz eint der IPBES die wichtigsten internationalen Wissenschaftler, die sich mit dem Erhalt der  Biodiversität beschäftigen. Das Wort der Experten hat Gewicht, wenn sich der Rat zu Wort meldet. In Berichten zum Zustand und zur Bedeutung der Biodiversität und der Ökosystemleistungen in Amerika, Afrika, Asien/Pazifik und Europa/Zentralasien sowie generell zum Thema Landdegradierung haben mehr als 550 Autoren aus über 100 Ländern in drei Jahren mehrere tausende Studien ausgewertet. Sie haben  damit zusammengetragen, was dazu an neuester und wichtigster Forschung derzeit auf dem Markt ist. Die Gesamtbilanz fällt düster aus, wie die IPBES-Experten kürzlich in der kolumbianischen Millionenstadt Medellin präsentierten: Überall auf der Welt ist biologische Vielfalt rückläufig. So ist in den USA die Artenvielfalt seit dem 15. Jahrhundert um 31 Prozent zurückgegangen, in Europa/Zentralasien sind 71 Prozent der Fischarten ausgestorben und weltweit gingen seit Beginn der Neuzeit 87 Prozent der Feuchtgebiete verloren, um nur einige Beispiele zu nennen. "Wir müssen reagieren, um den nicht nachhaltigen Umgang mit der Natur zu stoppen und umzukehren", folgert IPBES-Vorsitzender Robert Watson.

Der Rückgang der Biodiversität schadet aber auch dem Menschen, denn die biologische Vielfalt erzielt Leistungen, die der Mensch nutzt. Mit diesen Ökosystemleistungen befasst sich Dr. Matthias Schröter vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der als Leitautor am Regionalbericht Europa/Zentralasien an dem Kapitel dazu mitgeschrieben hat. "Wir haben festgestellt, dass seit 1960 acht von 18 untersuchten Ökosystemleistungen wie etwa die Bestäubung, die Reinigung von Trinkwasser oder der Schutz vor Erosion und vor Überflutungen stark rückläufig sind", sagt der Landschaftsökologe. Insbesondere die ausbleibende Bestäubung beispielsweise durch Insekten könne der Mensch kaum ersetzen. Allerdings gebe es auch Ökosystemleistungen, die zugenommen hätten. Dazu zählten etwa die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Viehhaltung oder die Entnahme von Nutzholz aus den Wäldern.  

Dokumentiert haben die IPBES-Autoren auch, dass die Bevölkerung in Europa und Zentralasien mehr nachwachsende natürliche Ressourcen verbraucht als in der Region produziert werden. Das Maß dafür ist der ökologische Fußabdruck. "Jeder Einwohner Westeuropas nimmt für die Leistungen der Natur pro Jahr 5,1 Hektar in Anspruch, verfügt aber eigentlich nur über eine Fläche 2,2 Hektar", konstatiert Dr. Jennifer Hauck, die als Wissenschaftlerin am UFZ-Department Umweltpolitik und für die Beratungsfirma CoKnow arbeitet.  Sie war koordinierende Leitautorin im Regionalbericht Europa/Zentralasien. Der Mensch übernutze die  Landschaft, importiere Nahrungs- und Futtermittel etwa aus den USA und Brasilien und schädige damit die Natur in anderen Regionen. "In Europa leben die Menschen folglich auf Kosten von anderen Teilen der Welt", sagt Hauck.

Die Expertenberichte zeigen jedoch gleichzeitig, dass es durchaus Wege gibt, wie sich der negative Trend der Biodiversität stoppen lassen könnte. "Wir wissen, dass Klimawandel, Landnutzung, Verschmutzung und invasive Arten die wesentlichen Treiber dieser Entwicklung sind", sagt Schröter. Die Verschwendung der Lebensmittel zu reduzieren, mehr Naturschutzgebiete auszuweisen oder den Eintrag von Schadstoffen zu verhindern, seien Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. "Die IPBES-Berichte bieten der Politik zahlreiche Optionen, was sie umsetzen kann, um gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten", meint auch Jennifer Hauck. Am effektivsten sei eine langfristige gesellschaftliche Transformation – Verhaltensänderungen, die man durch Bildung, Wissensaustausch oder das stärkere Einbeziehen der Bevölkerung bei Entscheidungen einleiten könne. Hauck: "Dies könnte zum notwendigen Paradigmenwechsel führen."

Alle Berichte befinden sich auf den Seiten des IPBES.

07.05.2018 , Benjamin Haerdle
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (0)
Keine Kommentare gefunden!
Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Your comment will be checked by our editors after sending and then released, we ask you for a little patience.

Druck-Version