Ein junger Tintenfisch (Galiteuthis glacialis). Bild: Jan van Franeker/ Wageningen Marine Research

Globaler Bericht

Fast jede achte Art ist vom Aussterben bedroht

Artenvielfalt ist entscheidend für das Überleben der Menschheit. Doch von einer nachhaltigen Nutzung der Natur, die das ermöglicht,  sind wir weit entfernt, wie der aktuelle Bericht des Weltbiodiversitätsrats zeigt. 

Wer in diesen Tagen übers Land reist, kann die Fülle der Natur mit allen Sinnen erleben: Bäume, Sträucher und Blumen blühen in den unterschiedlichsten Farben, Vögel zwitschern, Falter flattern umher. Dies scheint der Aussage, wonach das sechste Massenaussterben in der Erdgeschichte begonnen habe, zu widersprechen. Doch die Befunde der Wissenschaft sind klar: Die Artenvielfalt nimmt dramatisch ab. Die Rate, mit der Arten aussterben, ist derzeit 10- bis 100-Mal höher als zu allen anderen Zeiten in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Bis zu einer Million Arten von insgesamt rund acht Millionen Arten an Tieren und Pflanzen sind vom Aussterben bedroht – also etwa jede achte. Ursächlich sind dieses Mal aber weder Vulkanausbrüche noch Asteroideneinschläge, sondern eine einzelne Spezies. Homo sapiens. 

Was genau zum Artenverlust führt, welche Folgen das für die Natur – aber insbesondere auch für uns Menschen – hat und welche Lösungen möglich sind, das haben rund 450 Fachleute aus mehr als 50 Ländern für das „Global Assessment“, den Globalen Zustandsbericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) zusammengetragen. Er wurde nun in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt. 

„Die Ökosysteme der Erde werden in vielen Fällen massiv durch den Menschen beeinflusst“, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, einer der drei Vorsitzenden des Global Assessments. „Die Folge sind ein Verlust der Artenvielfalt, eine geringere Widerstandsfähigkeit, so dass die Leistungen der Ökosysteme wie etwa eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln weltweit gefährdet sind.“ Die Autoren des Berichts listen erstmals auch die fünf maßgeblichen Treiber für den Verlust der Biodiversität auf. An erster Stelle steht die immer stärkere Nutzung von Festland und Meeren durch den Menschen. An zweiter Stelle die unmittelbare Nutzung bestimmter Organismen wie etwa die intensive Befischung von Kabeljau, an dritter der Klimawandel, an vierter Umweltverschmutzung und an fünfter Stelle invasive, gebietsfremde Arten. Zu den wichtigsten indirekten Einflussfaktoren gehören unter anderem die steigende Weltbevölkerung und der höhere Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungs- und Konsumgütern und die damit einhergehende Naturzerstörung. 

Der Zustand der Meere

Davon ist neben dem Festland auch das Meer betroffen. Es dient nicht nur als Quelle für Nahrungsmittel, sondern wird auch durch Bauwerke wie Hafenanlagen und Pipelines, durch Bergbau und Ölförderung verändert und vermehrt als Müllkippe „genutzt“ – Stichwort Plastik und übermäßiger Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft. „50 Prozent der Korallenriffe sind seit 1870 verloren gegangen, zum Beispiel durch Bautätigkeiten“, sagt Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Bremerhaven und einer der Leitautoren für den marinen Bereich. Die Fischerei werde vielfach „im roten Bereich“ betrieben: 33 Prozent der Bestände seien überfischt, 60 Prozent am Limit. „Wir müssen es schaffen, das Meer nachhaltiger zu nutzen“, sagt er. Von einem radikalen Verzicht und umfassenden Verboten hält er nichts. „200 Millionen Menschen leben von der Fischerei, für eine Milliarde Menschen ist Fisch die primäre Eiweißquelle“, umreißt er die Dimension. „Es ist nicht unanständig, von den Leistungen der Natur zu profitieren, aber es muss so gestaltet werden, dass die Ökosysteme erhalten bleiben und auch unsere nachfolgenden Generationen versorgen können.“ 

Geeignete Maßnahmen seien Schutzgebiete und Fangquoten, die die Komplexität der Artengemeinschaften berücksichtigten: „In der herkömmlichen Fischwirtschaft schaut man sich die Bestandsentwicklung einer bestimmten Art an und leitet daraus ab, wie viel man in den Folgejahren entnehmen kann“, schildert Gutt das übliche Vorgehen. „Wir müssen zu einem ökosystembasierten Ansatz kommen.“ Dieser beziehe beispielsweise Klimaveränderungen mit ein und modelliere auch das Wachstum der Algen und Flohkrebse, die der Fischnachwuchs als Futter braucht. Erst dann lasse sich sagen, welche Fangquote wirklich nachhaltig sei. „Die dafür nötigen Modelle sind ziemlich komplex und noch nicht vollständig entwickelt, da gibt es noch einiges für die Forschung zu tun.“ 

Bisherige Ziele der Politik werden kaum erreicht

Auch Settele sieht einige Wissenslücken. Aus seiner Sicht sind sie aber weniger bei der Biologie oder der Geografie zu suchen. „Die größten Lücken bestehen in den Gesellschaftswissenschaften: Wie gelingt uns die Transformation in eine nachhaltige Nutzung der Naturressourcen? Wie können wir die Bürgerinnen und Bürger, aber auch Entscheider in Wirtschaft und Politik einbeziehen und für dieses Ziel gewinnen?“, fragt er. Der Bericht sei ein wichtiger Schritt. Die beteiligten 132 Nationen seien daran gebunden. Das Dokument wird im nächsten Schritt als Basis für die Konvention für Biologische Vielfalt – abgekürzt CBD - dienen. Wenn die Konvention die zentralen Inhalte zum Nutzen, den Gefahren für die Biodiversität und Lösungsansätzen übernimmt, erhalten sie einen höheren Grad an Verbindlichkeit; ähnlich den Berichten des Weltklimarats IPCC, die als Basis für die Klima-Rahmenkonvention UNFCCC dienen.

Gleichwohl: „Einklagbar sind die Empfehlungen zur nachhaltigen Nutzung von Äckern, Wäldern oder Meeresgebieten nicht“, gibt Settele zu bedenken. „Wenn aber die Gesellschaft die Ziele der Nachhaltigkeit und des Schutzes der Artenvielfalt unterstützt, dann kann sie auch entsprechenden Druck auf die Politik ausüben“, sagt der Forscher. „Die Wissenschaft kann und muss den Prozess beratend begleiten, um Fehler zu vermeiden und die besten Optionen auszuarbeiten.“  

Ähnlich wie bei der Reduktion der Treibhausgase gibt es auch in Bezug auf Biodiversität und Nachhaltigkeit rechtlich verbindliche, internationale Vereinbarungen. Die Prognosen, die gesteckten Ziele zu erreichen, sind schlecht. Die meisten der sogenannten Aichi-Biodiversitäts-Ziele werden bis 2020 wahrscheinlich nicht erreicht werden, heißt es in dem Bericht. Auch die Nachhaltigkeitsziele der UN (Sustainable Development Goals, SDGs), die bis 2030 erreicht werden sollen, werden unter anderem in den Kategorien Armut, Hunger, Gesundheit und Wasser aufgrund der negativen Entwicklung in der Umwelt wohl nicht erreicht. 

„Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, die SDGs zu erreichen. Das Jahr 2030 ist nicht weit entfernt, selbst 2050 ist relativ nahe“, sagt Almut Arneth vom Karlsruhe Institut für Technologie (KIT), die als eine der Koordinierenden Leitautorinnen für das Kapitel „zukünftige Szenarien“ mitgearbeitet hat. Dort entwickeln die Forscher Modellrechnungen, in denen verschiedene Verläufe für den Klimawandel, aber auch für die Bevölkerungsentwicklung und das Essverhalten angenommen wurden. „Klar ist, dass die Landfläche und das Volumen der Ozeane begrenzt sind, dementsprechend stark wird die Nutzungskonkurrenz auch künftig sein.“ Insbesondere bei der Landwirtschaft gebe es Konflikte, ob auf den begrenzten Äckern Nahrungsmittel wie Getreide, Futtermittel wie Soja oder Bio-Energiepflanzen wie Mais angebaut werden sollten. „Deutschland importiert bereits heute große Mengen an Futtermitteln aus dem Ausland, weil es hier zu wenige Flächen gibt“, erläutert Arneth. „Das wird sich künftig wenig ändern oder allenfalls verschieben, wenn vermehrt nachwachsende Rohstoffe importiert werden.“ 

Global betrachtet haben die Forscher zwei wichtige Stellschrauben ausgemacht, um die Natur nachhaltiger nutzen zu können: Die Weltbevölkerung sollte möglichst langsam wachsen und der Fleischkonsum – vor allem bezogen auf Wiederkäuer – pro Kopf sollte geringer sein als in den meisten Industrieländern heute. „Da kommen noch etliche weitere Punkte hinzu, die ebenfalls angegangen werden müssen“, sagt Arneth. „Besonders wichtig erscheint mir jedoch, dass die Menschen verstehen, dass die Ressourcen wirklich begrenzt sind und es schlimme Folgen hat, wenn wir nicht bald beginnen, diese effektiv zu nutzen und nur in dem Umfang, der es auch künftigen Generationen ermöglicht, hier gut zu leben. Vielleicht kann der Bericht dazu beitragen.“ 

Die wichtigsten Aussagen des Berichts kompakt zusammengefasst

  • Bis zu einer Million von rund acht Millionen Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht, in vielen Fällen sogar innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Die Rate, mit der Arten aussterben, ist derzeit 10- bis 100-Mal höher als zu allen anderen Zeiten in den vergangenen zehn Millionen Jahren.
  • Dreiviertel der Umwelt an Land und rund 66 Prozent der Meeresumwelt sind stark durch den Einfluss des Menschen verändert worden. 
  • Mehr als ein Drittel der Landoberfläche und fast 75 Prozent der Süßwasserressourcen werden derzeit für die Pflanzen- oder Viehproduktion genutzt. 
  • Die Pflanzenproduktion ist seit 1970 um rund 300 Prozent gestiegen, die Holzproduktion um 45 Prozent. Jedes Jahr werden weltweit rund 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe aus der Natur gewonnen – das entspricht nahezu einer Verdopplung seit 1980
  • Auf 23 Prozent der Landfläche hat die Produktivität infolge von Bodendegradation (Verarmung bis zum völligen Verlust) abgenommen. 
  • Durch den Verlust von Bestäubern sind Ernteausfälle in Höhe von bis zu 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr möglich. 
  • Infolge des Verlusts von küstennahen Lebensräumen und ihrer Schutzfunktion sind zwischen 100 und 300 Millionen Menschen einer erhöhten Gefahr durch Hochwasser ausgesetzt. 
  • Im Jahr 2015 wurden 33 Prozent der Fischbestände jenseits eines nachhaltigen Niveaus befischt. 60 Prozent wurden an der Grenze der Nachhaltigkeit befischt, nur 7 Prozent wurden unter niedrigeren als den nachhaltig fischbaren Mengen aus dem Meer geholt. 
  • Die Fläche urbaner Siedlungen hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt
  • Die Verschmutzung durch Plastikmüll hat sich verzehnfacht. 300 bis 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, Lösungsmittel, giftiger Schlamm und andere Industrieabfälle landen jedes Jahr in den Gewässern. 
  • Durch Düngemittel, die in Ökosysteme der Küsten gelangen, sind mehr als 400 „Todeszonen“ in den Meeren entstanden, ihre Gesamtfläche von mehr als 245.000 km² ist größer als die des Vereinigten Königreichs.

IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) wird gelegentlich auch als „IPCC für Biodiversität“ bezeichnet. Es ist eine Organisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Bonn. Sie erstellt Berichte vorrangig für politische Entscheidungsträger, die oft einen inhaltlichen oder regionalen Schwerpunkt haben. Der nun vorgelegte Bericht ist global. Er umfasst alle Ökosysteme der Erde, an Land, in Küstennähe und dem offenen Ozean, außer dem antarktischen Kontinent. Rund 15.000 wissenschaftliche und politische Publikationen wurden im Global Assessment zitiert und ein Vielfaches davon systematisch ausgewertet, zudem wurden auch das Wissen indigener Völker und lokales Know-how einbezogen. Laut IPBES handelt es sich um den umfassendsten Zustandsbericht für Biodiversität und ihrer Bedeutung für den Menschen, der bisher erstellt wurde.

UFZ-Fokusseite zum Bericht

IPBES-Factsheet

06.05.2019 , Ralf Nestler

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