Materialforschung

Die Wahrheit liegt auf dem Grund der Ostsee

<b>Späte Zustellung</b> Der Berufsfischer Konrad Fischer (links) und seine Crew Klaus Matthiesen und Thomas Buick halten am 5. März 2014 in Kiel eine Flaschenpost hoch. Die Karte in der Flasche ist datiert auf den 17. Mai 1913. Foto: Uwe Paesler/dpa

Ein Fischer findet eine angeblich 101 Jahre alte Flaschenpost und verkauft sie für Tausende von Euro. Doch kann seine Geschichte wirklich stimmen? Ein Leser hat Zweifel – und kontaktiert die Redaktion von Helmholtz Perspektiven. Die Geschichte einer Recherche

Es ist eine Geschichte, wie die Medien sie lieben: Ein Fischer zieht eine sehr alt aussehende Bierflasche aus der Ostsee, darin findet sich ein Brief. Geschrieben wurde er vor 101 Jahren. Man möge diese Zeilen bitte an seine Berliner Adresse senden, hat ein gewisser Richard Platz dort in altdeutscher Schrift hinterlassen. Briefmarken aus dem deutschen Kaiserreich liegen bei. Ein Familienforscher ermittelt – und findet tatsächlich eine Enkelin des Schreibers der Zeilen. Als er ihr von dem Fund erzählt, kullern bei ihr die Tränen. Der Fischer – kurioserweise heißt er Konrad Fischer – wird wohl ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen: Die bis dahin älteste Flaschenpost war „nur“ 100 Jahre alt gewesen.

So stand es in zahlreichen Zeitungen und Internetportalen, so wurde im Radio berichtet. Doch entspricht die Geschichte wirklich der Wahrheit?

„Vielleicht wurde die Post schon vor langer Zeit aus dem Wasser gezogen

 Einer, der das anzweifelt, ist Werner Paustian, ein gebürtiger Kieler, der viele Jahre auf dem Bau gearbeitet hat. Er wendet sich an die Helmholtz Perspektiven – und schildert seine eigene Erfahrung: Ein Bierflaschenbügel, wie er damals üblich war, dürfte kaum so viele Jahre rostfrei überstanden haben, sagt er: „Ich habe auf Dachböden im Laufe der Jahre mehrere Bierflaschen gefunden, die Handwerker beim Bau der Häuser hatten liegenlassen – die Bügel waren immer stark angerostet und die Gummidichtungen porös. Das dürfte unter Wasser kaum anders sein.“ Ein luft- und wasserdichter Verschluss könne so kaum möglich gewesen sein. Paustian verweist auf einen Taucher in der Region, der mehrere Hundert historische Flaschen aus der Ostsee gezogen habe – und keine von denen habe noch einen Drahtbügel vorweisen können. Übrig gewesen seien nur noch die Keramikpropfen. „Sowas hält doch aber von alleine nicht derart dicht, dass ein Brief darin mehr als 100 Jahre überstehen könnte“, sagt Paustian.

Tatsächlich berichtet auch Konrad Fischer nichts von einem Drahtbügel. Nur einen Verschluss erwähnt er: einen Porzellanpropfen, und der sei „beim Öffnen sofort zerbröselt“.

Kann das sein? Carsten Blawert ist Korrosionsexperte am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Seine Einschätzung: „Unter bestimmten Umständen kann eine Flasche so lange dichthalten.“ Möglich sei es etwa, dass die Flasche unter Sauerstoffabschluss im Schlamm gelegen habe. So sei der Bügel möglicherweise noch lange erhalten geblieben. „Und vielleicht hat sich dann die Gummidichtung etwas verflüssigt und wie ein Kleber gewirkt.“ Selbst wenn sich der Bügel danach gelöst haben sollte, könne die Abdichtung gewährleistet gewesen sein. Solche Umstände seien möglich, sagt Blawert, könnten aber natürlich nicht bewiesen werden. Merkwürdig finde er allerdings, dass der Keramikpropfen zerbröselt sein solle. „Keramik hält sich über Jahrhunderte. Das klingt eher nach einem Korken, der von Seepocken besiedelt wird und dann beim Herausziehen auseinanderfällt. Dass das mit einem Keramikverschluss passiert sein soll, macht mich stutzig.“

Der Brief an sich wurde von Experten für echt befunden und liegt mittlerweile im Internationalen Maritimen Museum Hamburg. Doch Werner Paustian glaubt, es könnte auch anders gewesen sein: „Vielleicht wurde die Post schon vor langer Zeit aus dem Wasser gezogen, als der Bügel noch hielt?“ Vielleicht habe ja jemand viele Jahre gewartet, bis aus dem Fund ein Sensationsfund geworden war? „Mir kann jedenfalls keiner erzählen, dass hartgebranntes Porzellan einfach so zerspringt!“

Ob wir jemals erfahren werden, wie es wirklich gewesen ist? Der Fischer hat mittlerweile eine vierstellige Summe für die Flaschenpost erhalten und konnte so seinen Kutter reparieren. Und was sich tatsächlich wann unter Wasser abgespielt hat, wissen wohl nur die Fische.

15.01.2015 , Marike Frick
Leserkommentare, diskutieren Sie mit (1)
Peter Stein 21-01-2015 17:01

Hach, ist es nicht schön, dass Flaschenposten immer Stoff für Döntjes und, wie hier gezeigt, auch für Legenden sind? ;-)
Also:
Es gibt Flaschenposten mit intaktem Keramik-Schnappverschluss, die sogar noch einen Ticken älter sind!
https://flaschenposten.wordpress.com/2013/10/08/noch-ungeoffnet-die-107-jahre-alte-flaschenpost-von-vancouver-island/
Aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt es mehrere Beispiele, z. B. hier: http://www.svz.de/lokales/hagenower-kreisblatt/geheimnisvolle-flaschenpost-id4138536.html

Was die Kieler Buddel betrifft, mit der ist Konrad Fischer ziemlich ruppig umgegangen, hat die Seepocken abgekratzt usw. Kein Wunder, dass der Verschluss dabei hopps ging. Der Bügel war wohl noch vorhanden, aber so durchkorrodiert, dass er beim öffnen schlichtweg zerbröselte (der Drahtbügel, nicht der Keramikstopfen!). Den Bericht des Kutterführers über den Verschluss darf man nicht wortgenau auslegen, - der Typ ist ein Seemann und kein Archäologe! :-) Er hat ja zunächst auch gar nicht richtig erfasst, was für einen Fang er da aus seinem Netz gezogen hat.

Für eine ausgedachte Fundlegende, um den Preis hochzutreiben, stimmt das "Drumherum" nicht: Die ersten Reportagen wirken schon sehr echt, auch der zunächst geäußerte Wunsch des Fischers, die Flaschenpost behalten zu wollen. Auch die Art, wie er die Versteigerung bei E-Bay anging, zeugt nicht gerade von Gerissenheit. - Er hätte, wenn er es geschickt angestellt hätte, viel mehr dabei herausschlagen können!

Buddel und Brief sind also alt! Und beide gehören zusammen!

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