Bild: Andre Künzelmann / UFZ

„Das Menschenrecht auf Wasser steht nur auf dem Papier“

Ein Siebtel der Menschheit lebt ohne sauberes Trinkwasser, ein Drittel ohne Kanalisation. Der Klimawandel wird die Wasserknappheit in vielen Regionen noch verschärfen. Höchste Zeit zu handeln, sagt Dietrich Borchard vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Seit Juli 2010 gibt es ein von den Vereinten Nationen verbrieftes Menschenrecht auf sauberes Wasser. Doch es steht nur auf dem Papier. Knapp eine Milliarde Menschen, ein Siebtel der Weltbevölkerung, haben derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, jeder dritte Mensch verfügt nicht über hinreichende Sanitäranlagen. Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird die Schere zwischen diesen Menschen und den übrigen, für die Wasser das Selbstverständlichste überhaupt ist, noch weiter auseinander klaffen.

Denn das Wachstum der Weltbevölkerung geht in den nächsten Jahrzehnten ungebremst weiter. Statt gegenwärtig 7,2 Milliarden werden bis 2050 neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Entsprechend klettert der Bedarf an Wasser, Nahrung und Energie - vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Szenarien zum globalen Temperaturanstieg gehen gleichzeitig von zwei bis sechs Grad Celsius bis 2100 aus, so dass sich die dort bereits vorhandenen Wasserprobleme weiter verschärfen werden.

Was aber bedeutet das konkret für die Menschen? Die Antwort: Es hängt ganz entscheidend davon ab, wo sie leben, und wie es um die klimatischen und politischen Rahmenbedingungen in ihrer Heimat bestellt ist.

Wasser ist weltweit sehr ungleich verteilt und wird je nach Jahreszeit und Region unterschiedlich stark genutzt - als Trinkwasser, als Brauchwasser für die Industrie, zur Energieerzeugung oder für die Pflanzenproduktion in der Landwirtschaft. Und oft wird das Wasser gerade dort für besonders wasserintensive Nutzungen beansprucht, wo es ohnehin knapp ist.

In den mittel- und nordeuropäischen Ländern haben wir es primär mit Wasserqualitätsproblemen zu tun - die vor mehr als hundert Jahren begonnene Industrialisierung, die intensive Landwirtschaft und der immer chemieintensivere Lebensstil haben ihre Spuren im Wasserkreislauf hinterlassen. Jahrzehntelange Anstrengungen im Gewässerschutz waren durchaus erfolgreich und haben inzwischen dazu geführt, dass 90 Prozent der Flüsse und Seen zumindest in Deutschland wieder einen guten chemischen Zustand haben. Zeitgleich wurden aber in zahlreichen Gewässern die Abflüsse reguliert, die Flussbetten kanalisiert und die Biodiversität gravierend verändert. Ein guter ökologischer Zustand ist bisher daher nur bei zehn Prozent aller Gewässer erreicht. Ähnliche Befunde ergeben sich auch in anderen europäischen Ländern und es stellt sich die Frage, ob und wie die ehrgeizigen Umweltziele der EU, die einen "guten Zustand" aller Oberflächengewässer und des Grundwassers fordern, erreicht werden können.

Der Klimawandel wird auch Europa nicht verschonen. Prognosen sagen für einige heute schon sehr trockene Regionen im Mittelmeerraum noch weniger Niederschläge voraus. Andernorts wiederum werden sich Extremniederschläge deutlich erhöhen. Die Regionen stehen daher vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen und müssen je nach Ausgangslage effiziente Anpassungsstrategien im Umgang mit Wasserknappheit, Trockenheit, lokalen Hochwässern oder episodisch schlechter Wasserqualität finden. Eine Voraussetzung dafür sind verlässlichere Beobachtungs- und Prognosesysteme, damit ausreichend Vorwarnzeit für Vorsorge- und Abwehrmaßnahmen zur Verfügung steht.

In den trockenen und halbtrockenen Regionen Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas haben wir es vor allem mit einem quantitativen Wasserproblem zu tun, bei dem die zunehmende Verschlechterung der Wasserqualität erschwerend hinzukommt. Hier heißen die Herausforderungen: effizientere Wassernutzung vor allem in der Landwirtschaft, innovative Technologien zur Wassereinsparung und -wiederverwendung, präzise Wasserbilanzen sowie nachhaltiges Wassermanagement. Darüber hinaus geht es um die Erschließung neuer Wasserressourcen. Auch wird es notwendig sein, wasserintensive Aktivitäten zu verlagern, denn häufig exportieren wasserarme Länder wasserintensive landwirtschaftliche Produkte auf Kosten der knappen heimischen Wasserressourcen.

Wassermanagement: Global denken - regional handeln

Eines müssen wir uns stets bewusst machen: Obwohl Wasser global betrachtet scheinbar im Überfluss vorhanden ist (mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt), so ist nur ein sehr kleiner Teil davon als Trinkwasser direkt nutzbar (etwa 0,3 Prozent der Vorräte). Um auf die Zukunft vorbereitet zu sein, müssen wir eine neue Balance zwischen Wasser-, Nahrungs- und Energiesicherheit finden. Konkret heißt das, dass im regionalen Maßstab die vorhandenen Wasserressourcen und die verschiedenen Verbrauchsmöglichkeiten so ausbalanciert werden, dass langfristig genug Wasser für alle da ist und gleichzeitig die elementaren Funktionen der Ökosysteme erhalten werden. In diesem Sinne hat das bekannte Motto "think globally, act locally" eine ganz konkrete Bedeutung.

Sehr viel stärker als bisher müssen dabei die natürlichen Funktionen der aquatischen Ökosysteme berücksichtigt werden, denn unsere Gewässer erbringen ökologische Dienstleistungen, wie Trinkwasser- und Energiebereitstellung, Transport- und Selbstreinigungskapazität, Nahrungsressourcen, ästhetische und kulturelle Werte und viele andere. Kein anderes System und keine Technologie könnten diese Funktionen ersetzen. Daher müssen wir unseren Flüssen wieder genug Raum zum Fließen geben, ohne sie einzuengen; wir müssen ihre Verläufe so naturnah halten wie möglich, und wir müssen wirksam kontrollieren, welche Schadstoffe wer wo zuführt. Allesamt Punkte, die in den wasserreichen Staaten des Nordens leichter umzusetzen sind als in den wasserknappen Regionen des Südens.

Ein modernes und nachhaltiges Management von Wasserressourcen kann daher nicht isoliert und nur bezogen auf den Sektor Wasserwirtschaft entwickelt und umgesetzt werden. Der Schlüssel liegt in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anpassungsstrategien; in der wirksamen Zusammenarbeit zwischen entwickelter und sich entwickelnder Welt. Es geht um den Aufbau flexibler Infrastrukturen und einer wesentlich höheren Ressourceneffizienz aller Wassernutzungen. Gefordert sind damit auch die Land-, Forst- und Energiewirtschaft, die wasserintensive Industrie und der Städtebau. Die Thematik gehört mit hoher Priorität auf die Agenda der internationalen Politik und Diplomatie. Nicht zuletzt aber entscheidet auch jeder Einzelne durch sein Konsumverhalten über seinen "Wasser-Fußabdruck".

Bild: UFZ

Prof. Dr. Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ ist Sprecher des Topics Nachhaltiges Management von Wasserressourcen und Leiter des UFZ-Departments Aquatische Ökosystemanalyse.

26.09.2014 , Dietrich Borchardt

Leserkommentare

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Siegfried Gendries   02-10-2014 13:10

Hallo, ja, wir haben bei Wasser nicht mehr viel Zeit, um die Auswirkungen unseres Konsums zu mildern. In der Tat verbrauchen wir hierzulande jenes Wasser, das andere Nationen zum Überleben dringend benötigen. Der Wasserfußabdruck könnte ein Instrument sein, mit dem die Verantwortung jedes Einzelnen "rechenbar" würde. Leider fehlt es dort, wo das Verbraucherinteresse vorhanden ist an Transparenz. Theoretisch müsste in jeder Ware der Knappheitspreis des Wassers eingepreist werden. Mit den Erlösen aus den Internalisierungen könnten Infrastrukturen in den Knappheitsländern aufgebaut werden, damit die öffentliche Wasserversorgung nutzbar wird. Somit zahlen wir indirekt über den Konsum…

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