Climate Engineering

„Da dürften Jahrzehnte vergehen“

Aufforstung von Wäldern ist eine der zahlreichen Methoden des Climate Engineerings. Bäume betreiben Photosynthese, entziehen dabei der Atmosphäre CO2 und lagern den Kohlenstoff ein. Foto: Steven Kamenar / Unsplash

Klimaforscher Andreas Oschlies über die Wirkung und Risiken von Climate Engineering, über jahrtausendelang funktionierende Schutzschilde – und darüber, warum Klimaschutz zur Lebenseinstellung werden muss. 

Herr Oschlies, sehen Sie noch eine Möglichkeit, die globale Erwärmung allein durch die Vermeidung von Emissionen auf zwei Grad Celsius zu beschränken?

Nein, diese Chance sehe ich bei einer katastrophenfreien gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr. Wir errichten immer noch Kraftwerke, Häuser, Fabriken, die über Jahrzehnte ungebremst CO2 emittieren werden, wir bauen weiterhin Straßen und Flughäfen aus. Und selbst wenn wir alle auf Elektroautos umsteigen würden, rettet uns das nicht: Bei ihnen entsteht ein Großteil der Emissionen schon beim Bau der Fahrzeuge.

Andere Klimawissenschaftler argumentieren allerdings, dass das Zwei-Grad-Ziel bei einem radikalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft doch noch erreicht werden könne.

Ja, aber sie rechnen schon die Aufforstung von Wäldern, die Renaturierung von Feucht- und Küstengebieten sowie die Bioenergiegewinnung mit anschließender Kohlendioxidspeicherung, genannt BECCS, mit ein. Das sind Maßnahmen, die ich schon als Climate Engineering bezeichnen würde, weil sie in einem sehr großen Maß eingesetzt werden müssten, um wirkungsvoll zu sein. Wir sprechen über eine Industrie zur CO2-Entnahme. 

Heißt das, dass Climate Engineering tatsächlich helfen könnte, das Klimaziel zu erreichen?

Ich sehe keine Methode, die das allein kann. Eventuell könnte es jedoch gelingen, wenn wir uns jetzt auf viele unterschiedliche Verfahren stürzen, ihre Entwicklung vorantreiben und sie auf ihre Potenziale und Nebenwirkungen testen. Wenn wir das Kohlendioxid durch umfangreiche Aufforstungen, Bioenergie oder chemische Verwitterung im Ozean binden wollten, müssten wir allerdings sofort anfangen, um das Pariser Klimaziel noch zu erreichen. Es müsste viel geforscht und eine riesige Infrastruktur aufgebaut werden. Außerdem dürfen wir die nötigen Genehmigungsverfahren nicht vergessen: Die verschiedenen Methoden benötigen Flächen und Wasserressourcen in einer Dimension, bei der es überregionale Auswirkungen auf die Landwirtschaft, den Wasserkreislauf und damit auf das Klimasystem geben würde. Über sie könnte kein Staat mehr allein entscheiden, wir bräuchten internationale Regelungen. Deshalb dürften mehrere Jahrzehnte vergehen, bis ein erster spürbarer Effekt der CO2-Entnahme einsetzen würde. 

Eine schnellere Lösung wären Methoden zum Strahlungsmanagement.

Nein, hier sind die Unsicherheiten über den tatsächlichen Nutzen und die Nebenwirkungen einfach zu groß. Es bestünde außerdem das Risiko, dass ein begonnener Einsatz nicht mehr gefahrlos gestoppt werden könnte, weil man durch das Strahlungsmanagement die Erwärmung zwar kurzfristig eindämmen könnte – ihre eigentliche Ursache, die hohe CO2-Konzentration, aber bliebe. Sollte man unter diesen Umständen den Einsatz beenden, verschwände der kühlende Effekt innerhalb kurzer Zeit und die Temperatur würde in einem viel schnelleren Tempo steigen, als hätte man von vornherein auf die Klimamanipulation verzichtet. Es gäbe also kein sicheres Ausstiegsszenario und wir wären deshalb gezwungen, die Maßnahmen über Jahrtausende hinweg durchzuführen – so lange, bis der Ozean und Verwitterung an Land das anthropogene CO2 auf natürliche Weise aus der Atmosphäre entfernt hätten. Es sei denn, wir würden parallel CO2 in großen Mengen entnehmen, weitere Emissionen vermeiden und die Konzentration auf diese Weise senken. Ohne ein solches CO2-Management aber wäre der Einsatz von Methoden des Strahlungsmanagements unverantwortbar.  

Ist Climate Engineering nicht immer langfristig ausgelegt?

Man muss hier unterscheiden. Wenn wir Mineralien im Ozean verwittern lassen, können wir jederzeit aufhören. Sowie sich die Gesteine aufgelöst haben, ist das CO2 chemisch dauerhaft neutralisiert und wir müssten nichts weiter tun. Bei anderen Methoden mit CO2-Speicherung müssten wir hingegen sicherstellen, dass die Lagerung des CO2 auch über Jahrhunderte hinweg funktioniert. Mit der CO2-Entnahme allein wäre es also nicht getan. Wir stünden zusätzlich vor der neuen Aufgabe, die Speicherung ständig zu überwachen – und all das über sehr lange Zeiträume, sprich über viele Generationen hinweg. Wir bräuchten außerdem einen Plan, wie wir mit Rückschlägen umgehen würden. Was zum Beispiel passiert, wenn ein Wald oder ein Moor abbrennt und das gespeicherte CO2 wieder freigesetzt wird? 

Nun braucht Climate Engineering ja eine längere Vorlaufzeit. Was würden Sie als Sofortmaßnahme zum Klimaschutz vorschlagen?

Das Pariser Klimaziel haben unsere Regierungen für uns alle unterschrieben. Jeder Bürger ist damit eine Verpflichtung eingegangen, an die er sich auch halten muss. Wir alle sind aufgefordert, mit zu überlegen, wie wir unseren CO2-Ausstoß minimieren und das bereits ausgestoßene CO2 wieder einfangen können. Das ist der Knackpunkt: Es muss wirklich eine Lebenseinstellung werden, das Abfallprodukt „Kohlendioxid“ zu vermeiden. So wie es selbstverständlich geworden ist, den Müll zu trennen und Plastikabfälle zu vermeiden, muss es selbstverständlich werden, Emissionen zu reduzieren und – wo das unmöglich ist – sie durch eine CO2-Entnahme aus der Atmosphäre zu kompensieren.

Wie soll das gelingen?

Eine solche Einstellung kann man zum einen über einen CO2-Preis forcieren, zum anderen aber auch gesellschaftlich unterstützen, indem Unternehmen, Städte, Regionen und Gemeinden regelmäßig berichten, welche Anstrengungen zur Emissionsvermeidung sie unternommen und welche Fortschritte sie erzielt haben. Dadurch entstünde ein Wettbewerb um gute Ideen, weil niemand mehr der Letzte auf der Liste sein möchte. 

Und das soll funktionieren? 

In Großbritannien zum Beispiel scheint das ganz gut zu klappen. Dort ist das Ziel der Emissionsvermeidung stärker im allgemeinen Bewusstsein verankert: Man schaut sich beispielsweise die gesamte Produktionskette in Hinblick auf die Emissionen an. In Deutschland dagegen ist eine solche ganzheitliche Betrachtung noch keine Mode. Wir erhalten zwar Informationen über idealisierte Abgaswerte unserer Autos. Welche Emissionen jedoch bei der Herstellung der Fahrzeuge freigesetzt wurden oder wie sich Tempolimits auf den CO2-Ausstoß auswirken, wird nicht berichtet. Unsere Nachbarn sind da viel weiter: Die britische Royal Society hat zusammen mit der Royal Academy of Engineering vor Kurzem einen Plan veröffentlicht, wie Großbritannien seine Emissionen bis zum Jahr 2050 auf null reduzieren könnte. Es ist meines Wissens nach das erste Mal, dass ein hoch industrialisiertes Land überhaupt ein konkretes Konzept dazu hat. Das Dokument enthält einige sehr optimistische Annahmen zur Emissionsvermeidung, zu den Entnahmetechnologien und zur CO2-Speicherung. Es stellt aber ganz klar: Ohne die Entnahme und Speicherung von CO2 können wir unsere Klimaziele vergessen. 

In Deutschland ist die CO2-Speicherung ein heikles Thema.  

Ja, bislang ist insbesondere Carbon Capture and Storage – kurz CCS genannt – ein Tabuthema. Für eine glaubwürdige Klimapolitik ist das ein großer Schwachpunkt: Wir sind einerseits beeindruckt davon, wie sich Bioenergie nutzen und CO2 maschinell aus der Luft entfernen lässt, haben als Nation aber keinen Plan, wie die Speicherung großer CO2-Mengen künftig gelingen könnte. Und auch im Fall von CCS gilt: Wir müssten jetzt mit den Genehmigungsverfahren und dem Bau der Anlagen beginnen, falls wir diese Option überhaupt noch rechtzeitig zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels wahrnehmen wollen.

Klempnern am Klima

29.01.2019 , Interview: Sina Löschke
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