Umweltchemikerin Annika Jahnke erhält den 1000. ERC-Grant für ihr Projekt "CHEMO-RISK". (Bild: Sebastian Wiedling, UFZ)

Umweltforschung

1000. ERC-Grant für Umweltchemikerin

Annika Jahnke versucht die Wirkung von Chemikaliengemischen in der Umwelt zu erforschen. Für ihr Projekt “CHEMO-RISK“ erhielt sie den ERC Starting Grant. Auf einer Festveranstaltung in Berlin stellt die Forscherin nun ihr Projekt vor.

Annika Jahnke war im Sommer des Vorjahres unterwegs mit Kindern und Freunden am Vänern, Schwedens größtem Binnensee, als sie zwischendurch in ihre Mails schaute und die frohe Botschaft erblickte. Ihr Antrag auf einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC), einer der prestigeträchtigsten Förderpreise für grundlagenorientierte Forschung in Europa, war soeben angenommen worden. Erst wollte sie das nicht so recht glauben. “Als mir dann aber die Kollegen aus der Arbeitsgruppe Fotos schickten, wie sie mit einem Glas Sekt auf mich anstoßen, machte es klick“, erzählt die 39-jährige Forscherin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

1,5 Millionen Euro stehen Jahnke seit diesem Mai für die kommenden fünf Jahre zur Verfügung, um ein neues Verfahren zur Risikobewertung von Mischungen von Umweltschadstoffen zu entwickeln. Sie geht damit ein Problem an, das Wissenschaftlern und Umweltschützern gleichermaßen ein Dorn im Auge ist. Lediglich fünfundvierzig sogenannte prioritäre Schadstoffe müssen beispielsweise für Regelwerke wie die EU-Wasserrahmenrichtlinie überwacht werden. Dabei sind in Europa mehr als 100.000 Chemikalien für vielfältige Zwecke registriert. Viele von ihnen, erläutert Jahnke, entweichen bei der Anwendung oder Entsorgung in die Umwelt. Sie treffen auf andere Chemikalien, natürliche Stoffe oder Abbauprodukte, und verteilen sich in Luft, Böden, Gewässern oder Lebewesen. “Die gemeinsame Wirkung dieser Chemikalien analytisch zu erfassen, ist praktisch unmöglich“, sagt sie. Deswegen werde sie zusätzlich Mischungseffekte untersuchen, die Chemikalien mit identischem Wirkmechanismus auslösen könnten.

Um das Risiko dieser Mischungseffekte zu bewerten, fehlt es bislang an tauglichen Werkzeugen. Lösen will Jahnke das Problem mit einem sogenannten Chemometer, das zum Beispiel die Form eines Silikonarmbands haben könnte. Mit ihm können Chemikalienmischungen aus der Umwelt gesammelt und im Labor charakterisiert werden. Das Chemometer funktioniert vergleichbar einem Thermometer und gibt Auskunft über das Maß an chemischer Aktivität. “Damit lassen sich Rückschlüsse auf die Verteilung von Chemikalienmischungen in Luft, Böden, Gewässern, Sedimenten sowie in Gewebe von Tieren und im Blut des Menschen ziehen“, sagt Jahnke.

Dass das seit Mai laufende Projekt kein Selbstläufer sein wird, ist der Niedersächsin, die an der Universität Lüneburg Umweltwissenschaften studierte und am Helmholtz-Zentrum Geesthacht Zentrum für Material- und Küstenforschung über polyfluorierte Alkylverbindungen in der marinen Atmosphäre promovierte, bewusst. “Das Konzept des ERC lautet “high risk, high gain“, darauf bin ich mit Plan B und Plan C gut vorbereitet“, sagt sie. Zugute kommt der Nachwuchswissenschaftlerin dabei die Laborausstattung am UFZ, wo sie beispielsweise Pipettierroboter einsetzen kann, die sehr viele Proben gleichzeitig testen können. Die exzellente Infrastruktur war mit ein Grund, warum es Jahnke 2014 nach sieben Jahren Postdoc-Tätigkeit an der Universität Stockholm nach Leipzig zog. Am UFZ-Department Zelltoxikologie, wo Jahnke in einem weiteren Forschungsprojekt zum Thema Mikroplastik im Meer beschäftigt ist, begann sie, eine neue Arbeitsgruppe aufzubauen. Dabei erkannte sie das Potenzial, das in der Untersuchung von Mischungseffekten von Umweltchemikalien steckt. Die Anfänge für ihr ERC-Projekt hatte sie aber bereits in Schweden gelegt, als sie sich mit Chemometern für Umweltchemikalien in Sedimenten und in Aalen beschäftigte. “Doch letztlich hat erst die Kombination der Chemometer und Analytik mit der Effektforschung am UFZ den ERC-Antrag möglich gemacht“, bilanziert die stellvertretende Departmentleiterin.

Zwei Postdocs, zwei Doktoranden und ein Techniker bilden künftig Jahnkes Forschungsgruppe, die aus ERC-Mitteln finanziert wird. Eine Postdoktorandin wird dabei in einem Teilvorhaben jenen See südlich von Stockholm genauer untersuchen, in dem Jahnke früher als Postdoc  Umweltchemikalien analysierte. Gelegenheiten, Schweden zu bereisen, wird die ERC-Preisträgerin somit auch in Zukunft bekommen.

Weitere Informationen:

1,5 Millionen Euro für UFZ-Nachwuchsforscherin  (Pressemitteilung, UFZ)

Europäischer Forschungsrat feiert 10-jaehriges Bestehen (Pressemitteilung, BMBF)

Zehn Jahre ERC- Ein Überblick

 

ERC - European Research Council

Die EU-Kommission gründete den Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) im Jahr 2007. Er soll grundlagenorientierte Forschung fördern und basiert auf wissenschaftlicher Exzellenz als alleinigem Auswahlkriterium. Nachwuchswissenschaftler, deren Promotion zwei bis sieben Jahre zurückliegt, können Starting Grants bis zu zwei Millionen Euro einwerben; für Consolidator Grants (bis zu zwölf Jahre nach der Promotion) gibt es maximal 2,75 Millionen Euro. Erfahrene Forscher erhalten über Advanced Grants bis zu 3,5 Millionen Euro. An exzellente Forscherteams können dank des Synergy Grants bis zu zehn Millionen Euro ausgeschüttet werden. Bislang förderte der ERC rund 7000 Projekte.

21.06.2017 , Benjamin Haerdle

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