Teilnehmer der vierten Etappe an Bord des Schiffes Maria S. Merian in Bremerhaven. Sie verbrachten 18 Tage in Quarantäne, bevor sie zur MOSAiC-Expedition aufbrechen konnten - begleitet von verschiedenen Filmteams und Journalisten. Bild: AWI/Esther Horvath

Eisbärenwächter und Corona-Quarantäne

Hinter dem MOSAiC-Erfolg steckt ein perfekt aufeinander eingespieltes Planungsteam. Neugierige Eisbären waren im Expeditionsablauf das geringste Problem – es war die Corona-Pandemie, die den Planern manch schlaflose Nacht bereitete.

Fragt man den Geophysiker Uwe Nixdorf und den Mediziner Eberhard Kohlberg, wie sie sich gerade fühlen, ist die Antwort: „Erleichtert und froh“. Erleichtert und froh sind die beiden Mitglieder des MOSAiC-Planungsteams darüber, dass die bislang größte Expedition der internationalen Arktisforschung erfolgreich und glücklich zu Ende gegangen ist.

Denn: Ein zwölfmonatiger Forschungsaufenthalt, Überwinterung im ewigen Eis der Arktis mit rund 500 Forschenden und Besatzungsmitgliedern, Temperaturen von bis zu -42 Grad und neugierige Eisbären im Nacken sind an sich schon Herausforderung genug. Doch dann sorgte die Corona-Pandemie zusätzlich für Aufregung im großen MOSAiC-Team. Sie warf festgezurrte Planungsparameter über den Haufen und brachte alle Verantwortlichen das eine oder andere Mal an ihre Grenzen und um den Schlaf. „Eins ist klar“, sagen Nixdorf und Kohlberg unisono: „Hätten wir trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Corona-Infizierte an Bord gehabt, wäre das das Ende von MOSAiC gewesen – dann hätte die „Polarstern“ vor der Zeit den Heimweg antreten müssen.“ Es stand also viel auf dem Spiel.

Akribische Logistikplanung mit sieben Jahren Vorlauf

Als stellvertretender Direktor des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) leitet Uwe Nixdorf die Abteilung Logistik. In Absprache mit den an MOSAiC beteiligten internationalen Partnern aus über 80 Institutionen in 20 Ländern plante Nixdorf seit 2012 in akribischer Kleinarbeit die Logistik für die Expedition durch das Nordpolarmeer: Allein 50 Tonnen Ausrüstung und deren Transport für das Forschungscamp auf der driftenden Eisscholle galt es zu organisieren, ebenso natürlich die Versorgung mit Lebensmitteln und Treibstoff – insgesamt 7.137 Tonnen Marinediesel verbrauchte die „Polarstern“. Auch die Planung des Austausches von Besatzung und Forschern per Flugzeug und zu Wasser während der Expedition lief über Nixdorfs Tisch. Insgesamt waren zeitgleich rund 100 Menschen an Bord der knapp 120 Meter langen und 25 Meter breiten „Polarstern“. Doch etwas war im Vergleich zu den sonstigen Expeditionen mit der „Polarstern“ anders: Die Besatzung des Schiffes wurde um ein paar Personen reduziert – zugunsten von mitreisenden Mitarbeitern, die für die Inbetriebnahme und Wartung der ferngesteuerten Unterwasserfahrzeuge (Remotely Operated Vehicle ROV), der Autonomen Unterwasserfahrzeuge (AUV) und der Schneeraupe für den Bau einer Flugzeuglandebahn auf der Scholle zuständig waren.

Während der gut 300 Tage langen Forschungszeit an und auf der 8,75 Quadratkilometer großen Eisscholle war stets ein halbes Dutzend der Expeditionsteilnehmer als Eisbärenwächter abgeordnet, die die im Camp Forschenden rechtzeitig warnen sollten. Das hat offenbar gut funktioniert: „Es gab keinerlei negative Vorfälle, weder Mensch noch Eisbär wurden verletzt“, sagt Nixdorf.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Versorgung und auf die geplanten sechs Austauschfahrten und -flüge bereiteten Besatzung und Forscher jedoch allerhand Kopfzerbrechen. Statt sechs Wechseln gab es coronabedingt nur fünf, was wiederum einige der aus allen Kontinenten versammelten Forscher zwang, fast doppelt so lang an Bord der „Polarstern“ zu bleiben wie ursprünglich geplant.

Große Unterstützung durch internationale Forschungsschiffe

Nixdorf betont: „Ohne die Unterstützung vor allem unserer russischen Kollegen mit ihren Forschungsschiffen wäre weder das Andocken an der Eisscholle noch die Versorgung der „Polarstern“ mit Lebensmittel- und Treibstoffnachschub oder der vorgesehene Austausch möglich gewesen.“ Die russischen Kollegen halfen, als die eigentlich geplanten Einsätze schwedischer und chinesischer Versorgungsschiffe coronabedingt abgesagt wurden und aus den gleichen Gründen ein für März geplanter Flug vom norwegischen Spitzbergen nicht stattfinden konnte.

Neben den russischen Schiffen „Akademik Fedorov“, „Akademik Tryoshnikov“, „Admiral Makarov“ und „Kapitan Dranitsyn“ unterstützten auch die deutschen Forschungsschiffe „Sonne“ und „Maria S. Merian“ die „Polarstern“. Sie brachen zum Teil von Bremerhaven aus auf. Doch weil beispielsweise „Sonne“ und „Maria S. Merian“ keine Eisbrecher sind und nicht bis zur Scholle vordringen konnten, musste die „Polarstern“ ihrerseits ihre Drift für einen Monat unterbrechen, die Scholle verlassen und den anderen Schiffen bis Spitzbergen entgegenfahren.

Strenge Medizin-Checks – und Corona-Schutzmaßnahmen

Die Corona-Pandemie verlangte aber nicht nur den Logistikern, sondern auch Medical Officer Eberhard Kohlberg vom AWI starke Nerven ab. Kohlberg war für den gründlichen Gesundheitscheck verantwortlich, dem sich alle Expeditionsteilnehmenden unterziehen mussten. Auch die Atteste der ausländischen Teilnehmenden wanderten zur Begutachtung auf seinen Schreibtisch. „Vorerkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder Herz-Lungen-Erkrankungen sind schon unter normalen Bedingungen ein Ausschlusskriterium, um an einer so langen Expedition teilzunehmen“, sagt Kohlberg, der vor etlichen Jahren selbst auf der Georg-von-Neumayer-Forschungsstation in der Antarktis überwinterte.

Ab dem Frühjahr 2020 kamen strenge Corona-Maßnahmen hinzu. Kompliziert gestalteten sich vor allem die ersten Monate der Pandemie, in denen oft unsicher war, ob und wie Expeditionsteilnehmende überhaupt aus Asien, Neuseeland oder den USA nach Bremerhaven gelangen würden. Denn ausnahmslos alle nachrückenden Wissenschaftler, die zum Austausch auf die „Polarstern“ gebracht werden sollten, mussten durch das Nadelöhr der Quarantäne in Bremerhaven. Zweimal zwischen Frühjahr und Sommer wurde dafür ein komplettes Hotel „gechartert“, alle Beteiligten verbrachten zwei Wochen isoliert in ihren Hotelzimmern und wurden in dieser Zeit dreimal auf COVID-19 getestet. Anschließend brachte ein gründlich desinfizierter Bus sie an Bord von „Sonne“, „Maria S. Merian“ und „Akademik Tryoshnikov“.

Und wenn es einen anderen Krankheitsfall gegeben hätte? „Die „Polarstern“ verfügt über eine Krankenstation mit medizinischen Geräten und mit Möglichkeiten zur Isolierung einzelner Patienten. Außerdem sind ein chirurgisch ausgebildeter Arzt und eine Krankenpflegerin permanent an Bord“, sagt Kohlberg. Der Bordarzt hat zahnmedizinisches Basiswissen, sodass auch der ein oder andere böse schmerzende Zahn oder der Riss im Inlay behandelt werden können. Via Satellit besteht eine telemedizinische Anbindung an das Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven. So kann der Bordarzt jederzeit Kontakt zu den Kollegen aufnehmen und Befunde und Daten des Patienten online übermitteln. Selbst eine Narkoseüberwachung ist auf diesem Wege möglich.

Hinter MOSAiC steckt, neben wissenschaftlicher Exzellenz, also vor allem auch ein logistischer Kraftakt. 20 bis 30 Kollegen waren auf AWI-Seite in die MOSAiC-Planungen involviert, an Land in Bremerhaven und auf der „Polarstern“. Insgesamt wirkten international an die 300 Personen im Hintergrund daran mit, die Expedition möglich zu machen. 200.000 Euro kostete es pro Tag, um MOSAiC reibungslos am Laufen zu halten – allein die beiden notwendigen Quarantänedurchläufe in Bremerhaven kosteten je etwa 150.000 Euro.

Für Logistikchef Uwe Nixdorf ist der Erfolg der Expedition und die gute internationale Kooperation einmal mehr ein Beweis dafür, dass Ländergrenzen und politische Konflikte in der Wissenschaftler-Community keine Rolle spielen: „Was zählt, ist die gemeinsame Arbeit an einem global relevanten Thema – der Erforschung des Klimawandels.“

Die MOSAiC-Expedition

Während der MOSAiC-Expedition erforschen Wissenschaftler aus 20 Nationen die Arktis im Jahresverlauf. Von September 2019 bis Oktober 2020 driftet der deutsche Eisbrecher „Polarstern“ eingefroren im Eis durch das Nordpolarmeer. MOSAiC wird unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) realisiert. Damit dieses einzigartige Projekt gelingt, arbeiten über 80 Forschungsinstitute zusammen.

Kamerateams der UFA dokumentieren die Expedition von Beginn an. Am 16. November wird der Dokumentarfilm „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt.

13.11.2020 , Mareike Knoke

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