Bild: Karsten Reise/AWI, jackmac34/pixabay

Gekommen, um zu bleiben

Neuseeland hat den Ratten den Kampf angesagt. Bis zum Jahr 2050 soll jeder Winkel des Landes von Ratten, Hermelinen und Wieseln befreit werden, erklärte Premierminister John Key im Juli 2016. Der Grund: Diese Tiere gehören nicht nach Neuseeland und bedrohen einheimische Arten. Darüber hinaus richten sie wirtschaftliche Schäden an, die Experten auf mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr schätzen.

Mit dem Problem der eingeschleppten Arten steht Neuseeland nicht alleine da: Weltweit „verschleppt“ der Mensch immer mehr Tiere und Pflanzen aus ihrem eigentlichen Verbreitungsgebiet. Einige dieser sogenannten invasiven Arten werden dabei bewusst eingeführt, Zierpflanzen etwa oder Reptilien. Andere aber werden versehentlich eingebracht. „Dabei spielt vor allem der internationale Handel mit Schiffen eine Rolle. Sie transportieren Arten wie Muscheln oder Krebstiere als blinde Passagiere an ihrem Rumpf oder im Ballastwasser, mit denen die Schiffe im Wasser stabilisiert werden“, sagt Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main.

Allein in Deutschland haben sich inzwischen über 1000 Tier- und rund 1000 Pflanzenarten angesiedelt, die ursprünglich hier nicht vorkamen. Vor allem im maritimen Bereich stieg die Zahl gebietsfremder Arten in den vergangenen Jahrzehnten stark an. Seebens und seine Kollegen konnten mit Hilfe mathematischer Modelle zeigen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen regen Handelsbeziehungen und hohen Einwanderungsraten besteht. So gibt es beispielsweise viel Schiffsverkehr zwischen den Nordseeanrainern und Japan. Da in beiden Regionen auch noch ähnliche Umweltbedingungen herrschen, kommt es hier Seebens Studie zufolge zu einem besonders regen Artenaustausch. Pro Jahr etablieren sich allein im Wattenmeer durchschnittlich bis zu zwei gebietsfremde Arten.

Keine Ausrottung heimischer Arten

„Probleme machen aber im terrestrischen Bereich nur rund ein Prozent der invasiven Pflanzenarten“, sagt Ingolf Kühn, Leiter der Arbeitsgruppe Makroökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. „Diese wenigen Arten können unter anderem Krankheiten verursachen, das bestehende Ökosystem durcheinander bringen oder infrastrukturelle Probleme verursachen, indem sie beispielsweise Bahnschienen überwuchern.“ Gleiches gilt Forschungsergebnissen zufolge auch für den maritimen Bereich und terrestrische Tiere. Die Zebramuschel etwa, eine invasive Muschelart aus Vorderasien, besiedelt inzwischen auch große Seen in Europa und Nordamerika – und wird dort, ohne natürliche Feinde und Nahrungskonkurrenten, zum Sorgenfall. „Sie wachsen besonders gut auf Hartsubstrat und nutzen damit auch Schiffe und Rohre als Lebensraum. Von denen müssen sie dann für viel Geld wieder entfernt werden“, sagt Seebens.

Beispiele wie die Zebramuschel gibt es einige. Allerdings kommt es in Deutschland bisher nicht zu einer kompletten Verdrängung heimischer Arten, sagt Kühn: „Wir beobachten zwar an einigen Stellen einen Rückgang, aber bisher sind die heimischen Arten überall noch zu finden.“

So glimpflich verlaufen die Konflikte aber nicht überall. In Neuseeland beispielsweise plündern eingeschleppte Ratten und Katzen die Nester flugunfähiger Vögel, wie Kakapos oder Kiwis, und drohen diese dadurch vollständig auszurotten.

Auch Christian Buschbaum, vom Alfred-Wegener- Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) an der Wattenmeerstation auf Sylt sieht mit Blick auf die Situation in Deutschland keinen Grund zur Panik: „Natürlich wäre es besser, wenn wir keine Arten auf unnatürlichem Weg einschleppen würden, aber nur die negativen Folgen zu untersuchen, ist der falsche Ansatz. Hier hat sich in den vergangenen Jahren die Forschung zur Invasionsbiologie sehr auf eine Seite konzentriert.“ Mit seinen Kollegen studiert er deshalb im Wattenmeer, wie sich die bestehenden und die eingewanderten Arten an die jeweils neue Situation anpassen.

So gilt die Pazifische Auster als eine der problematischsten invasiven Arten im Wattenmeer. Natürlicherweise kommt diese Muschelart nur im nordwestpazifischen Raum vor. Wie in vielen anderen Küstengebieten der Welt, hat der Mensch sie auch ins Ökosystem Wattenmeer eingeschleppt, weil sie als Delikatesse gilt und die Nachfrage entsprechend groß ist. In ihrem neuen Lebensraum konkurrieren die Austern vor allem mit den heimischen Miesmuscheln, da sie sich in den auf dem Meeresboden liegenden Muschelbänken angesiedelt haben. „Wir können bisher keine Hinweise finden, dass sich die Miesmuscheln verdrängen lassen. Es scheint vielmehr, dass sie sich an die neue Situation anpassen. Die beweglichen Miesmuscheln finden sich vorwiegend zwischen den größer werdenden Austern, wo sie aktiv hinwandern. Zwar ist das Nahrungsangebot hier reduziert, dafür sind sie aber besser vor Fressfeinden geschützt“, sagt Buschbaum. Die neuen Arten können also negative, aber auch durchaus positive Folgen für heimische Organismen haben. Fakt ist, dass sie bestehende Wechselbeziehungen zwischen den Arten verändern und neue Wirkgefüge entstehen lassen.

Homogenisierung der Lebensräume

Klar ist aber auch, dass die zugezogenen Arten ihren neuen Lebensraum verändern und somit Folgen für die gesamte Umgebung haben. „Wichtig ist, dass man das Ganze global betrachtet“, sagt Seebens. „Lokal oder regional kann es durch die invasiven Arten zu einem Anstieg der Artenvielfalt kommen. Global hingegen ist das Gegenteil der Fall: Die Diversität nimmt ab, weil es die neuen Arten ja anderswo bereits gibt und sie im globalen Maßstab also nicht neu sind.“ Durch die verstärkte Einwanderung werden sich die Ökosysteme weltweit ähnlicher; Experten sprechen von einer Homogenisierung der Lebensräume. Ingolf Kühn nutzt zum besseren Verständnis gerne das Bild einer Einkaufsstraße: „Die großen Kleidungs- oder Fastfood-Ketten findet man inzwischen in fast jeder Stadt. Das Stadtbild unterscheidet sich nur noch punktuell. So ist es auch mit der Artenvielfalt. Die Top-100-Arten wird man vermutlich schon bald in jeder Region finden.“ So existieren beispielsweise Ratten, Katzen und Schweine schon jetzt fast überall auf der Welt.

Prävention als wichtigster Lösungsansatz

„Auch wenn nur die wenigsten Arten starke Auswirkungen haben, gilt es trotzdem den in dieser Frequenz unnatürlichen Prozess aufzuhalten“, sagt Buschbaum. Für Europa hat die EU-Kommission kürzlich eine Liste mit 37 Arten veröffentlicht, deren weitere Ausbreitung bekämpft werden soll. „Das ist allerdings nicht einfach“, sagt Kühn. „Man kann den Arten ja nicht einfach sagen: Ihr müsst draußen bleiben, oder bitte geht wieder.“ Es gelinge nur, wenn man schnell reagiere, radikal vorgehe und viel Geld investiere. Neuseeland etwa ist die Ausrottung der Ratten rund 18 Millionen Euro wert.

Der wahrscheinlich effektivste Ansatzpunkt ist es, neue Arten gar nicht erst ins heimische Ökosystem kommen zu lassen. Während sich der gezielte Import durch Regularien recht gut in den Griff bekommen lässt, ist es beim versehentlichen Einschleppen schwieriger. „Hier muss man sehr aufwendige Verfahren anwenden, um zu verhindern, dass die Arten als blinde Passagiere mit den Schiffen mitfahren“, sagt Buschbaum. Deshalb soll nach einer internationalen Konvention künftig das Ballastwasser in großen Schiffen geklärt werden. Auch neuartige Reinigungsverfahren für die Außenseite der Schiffe werden entwickelt. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass die Methode zwar die Organismen davon abhält, sich an das Schiff zu heften, gleichzeitig aber auch nicht schädlich für die Umgebung ist. Darüber hinaus arbeiten die Forscher auch an einem Weg, mit den fremden Arten umzugehen, anstatt sie loszuwerden oder gar nicht erst ins Land zu lassen: „Wir untersuchen in unserer täglichen Arbeit vor allem, wie regionale Ökosysteme beim Widerstand gegen invasive Arten unterstützt werden können“, sagt Kühn. „Wir versuchen also quasi der Natur unter die Arme zu greifen, um die unnatürlichen Veränderungen, an denen wir vielfach selbst schuld sind, zu minimieren.“ Eine Möglichkeit, das zu erreichen, ist es, gebietsfremde Arten gezielt durch konkurrenzstarke einheimische Arten zu unterdrücken. Auch kann man einheimische Parasiten oder Fraßfeinde der Eindringlinge stärken. „Letztendlich kann man versuchen, die Ökosystemfunktionen der einheimischen Arten auch durch diese der gebietsfremden zu ersetzen. Allerdings sind wir bei all dem noch ganz am Anfang“, sagt Kühn.

Ganz allgemein gilt: Es geht vor allem darum, die eingewanderten Arten nicht zu verdammen, sondern zu verstehen, wie sie das heimische Ökosystem verändern und zum Erhalt der Funktionalität beitragen können. Schließlich sind die Arten gekommen, um zu bleiben.

Das Wattenmeer ist ein besonders von invasiven Arten betroffenes Gebiet. Erfahren Sie mehr darüber, warum und welche Arten dort einwandern unter: www.helmholtz.de/invasivearten

21.09.2016 , Rebecca Winkels
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