Der Polarforscher Markus Rex leitete die MOSAiC-Expedition des AWI - die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Bild: AWI/Hannes Spitz

Ein sachlicher Entdecker

Er hat die Polarnacht erlebt, musste eine ganze Expedition umplanen und war festgefroren am Ende der Welt inmitten der Corona-Pandemie. Warum Markus Rex wenig Angst hat und warum er jetzt Entscheidungen zum Klimaschutz einfordert.

Die Corona-Pandemie hat ihm auch etwas Gutes beschert: Wohl nie hat Markus Rex so viel Zeit bei seiner Familie verbracht. Im Herbst vergangenen Jahres brach er mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ auf zur internationalen MOSAiC-Expedition in die Arktis. Nach dreieinhalb Monaten kam er für einen geplanten Aufenthalt heim nach Potsdam – und blieb stecken. Die Corona-Pandemie brachte alles durcheinander, Transportwege brachen zusammen. Kein Schiff, kein Flugzeug konnte den Expeditionsleiter zurück zur „Polarstern“ bringen, die viertausend Kilometer entfernt eingefroren im arktischen Meereis driftete. Bei aller hektischen Neuplanung und Koordinierung blieb so jedoch mehr Zeit als gewohnt für die Familie. Seine beiden Söhne sind 10 und 13 Jahre alt. Ebenso lange wie sie auf der Welt sind, beschäftigt den passionierten Polarforscher die Vorbereitung der MOSAiC-Expedition. „Schon für die Organisation im Vorfeld war ich ständig unterwegs“, erzählt Rex. „Es hat mich tatsächlich gefreut, während meines unvorhergesehenen Aufenthaltes zu sehen, wie gut wir als Familie noch erfüllte Zeit miteinander verbringen können“, sagt er lachend.

Gesellschaftliche Wirkung entfalten

Mit der MOSAiC-Expedition erfüllte sich für den gebürtigen Braunschweiger ein jahrzehntealter Traum. Schon im Studium zog es ihn ins Eis. Er spezialisierte sich auf Geophysik und Meteorologie und reiste für seine Diplomarbeit das erste Mal Richtung Nordpol. Dort untersuchte er das bis dahin wenig erforschte arktische Ozonloch. In Berlin und Bremen promovierte er dann in Atmosphärenphysik. Seine Doktorarbeit wurde als beste aus allen Fächern in seinem Jahrgang ausgezeichnet. Von dem Preisgeld leistete er sich einen Urlaub mit seiner Freundin, die heute seine Frau ist.

Und es war nicht nur die Faszination für Schnee und Eis, die ihn antrieb. „Ich wollte etwas lernen, das auch positive gesellschaftliche Wirkung entfalten kann“, erklärt er seine Motivation. Nach Arbeiten in den USA und Neuseeland leitet er seit 2016 die Atmosphärenforschung am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Und seine Rechnung ist aufgegangen: Heute trägt Markus Rex mit seiner vielfach ausgezeichneten Forschung entscheidend dazu bei, präzise Modelle der Klimaveränderungen zu entwickeln. Diese Modelle bieten eine Grundlage dafür, Strategien zu entwerfen, mit deren Hilfe wir den Klimawandel einzudämmen versuchen. Die Daten, die auf der MOSAiC-Expedition gesammelt wurden, leisten dazu einen wichtigen Beitrag. „Die kleine Chance, die wir haben, sollten wir nutzen. Denn unsere Generation ist vielleicht die letzte, die überhaupt noch eine Arktis erlebt, die das ganze Jahr über von Eis bedeckt ist.“ Um möglichst viele Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen, leiht der Polarforscher dem Thema, im wahrsten Sinne des Wortes, selber seine Stimme. Ein Podcast des Südwestfunks, in dem Rex von der „Polarstern“ aus berichtete, wurde für den deutschen Radiopreis nominiert. Darin schildert Rex in aller Eindrücklichkeit das dramatische Abschmelzen des arktischen Eises, das er über die letzten Jahre vor seinen eigenen Augen erlebt. Bei aller Sorge stimmt ihn die Aufmerksamkeit, die das Thema inzwischen in der breiten Öffentlichkeit erfährt, hoffnungsvoll: „Diese Aufmerksamkeit ist Voraussetzung für die wichtigen politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen, die wir dringend brauchen. Die Zeiten dafür waren noch nie so gut wie heute“, findet er.

Zurück zum Schiff: Im Juni, zwei Monate später als geplant, konnte Rex endlich zur „Polarstern“ und ihrer Besatzung zurückkehren. Hatte er in der Phase der Unsicherheit jemals erwogen, abzubrechen und bei seiner Familie zu bleiben? „Nein“, sagt Rex. „So unsicher die Situation weltweit auch war, wir als Familie haben uns nicht existentiell bedroht gefühlt.“ Für die Eingeschlossenen im Eis sei die Ungewissheit viel bedrückender gewesen, schildert er. „Denn im arktischen Meer erreichten sie kaum Informationen über das Geschehen im Rest der Welt.“ Es war ihm wichtig, seine Mitarbeitenden ein Stück weit von dieser Unsicherheit zu befreien. Ihr persönliches Wohl lag ihm genauso am Herzen wie das wissenschaftliche Vorankommen. „Auf einer Expedition wie MOSAiC vermischt sich das Eine ohnehin mit dem Anderen“, weiß er aus der Erfahrung von Dutzenden von Polarexpeditionen, die er schon begleitet hat. „In der Enge des Schiffes, bei dem hohen beruflichen Erfolgsdruck und unter den unerbittlichen Bedingungen der arktischen Natur ist jeder auf jeden angewiesen. Dieses Zusammenleben funktioniert nur, wenn es jedem Einzelnen gut geht.“

„Angst ist kein gutes Konzept“

Und nicht nur die Pandemie bedrohte das Gelingen des gigantischen Unterfangens. Eisbären, Unwetter, Risse im Eis zählen zu den alltäglichen Unwägbarkeiten eines Forschungsprojekts im arktischen Meer. „Wir bewegen uns bei unserer Arbeit in einer Umgebung, die keine Fehler verzeiht“, formuliert es Markus Rex. Wie geht es dem 53-Jährigen mit seiner Verantwortung für über einhundert Mitarbeitende? „Natürlich steht die Sicherheit jedes einzelnen immer an oberster Stelle“, sagt er. „Gleichzeitig weiß ich: Wenn wir nie etwas wagen, werden wir auf einer solchen Expedition wenig erreichen.“

Bei der Gratwanderung zwischen wissenschaftlichem Neuland und persönlicher Sicherheit kommt ihm sein Naturell zugute. Rex ist Realist. Er denkt strategisch und schätzt Gefahren sachlich ein, ohne sich verunsichern zu lassen. „Angst ist kein gutes Konzept, um Risiken zu managen“, sagt er, bewahrt in stressigen Situationen Ruhe und behält den Überblick. Auf diese Weise hat er die MOSAiC-Expedition erfolgreich durch die ungewöhnlichsten Umstände geführt. „Wissenschaftlich haben wir mit MOSAiC die Grenzen des Machbaren verschoben“, betont er nach der Rückkehr der „Polarstern“ in zahlreichen Interviews. Und in einer ruhigen Minute verrät er auch: „Als mir beim Einlaufen in Bremerhaven klar wurde, dass wir wirklich alle gesund und munter zurück an Land kommen, ist eine große Last von mir gefallen.“

Zum Ende der Expedition durchs Eis erhielt Rex den SEADEVCON Maritime Award, mit dem sein Einsatz für den nachhaltigen und respektvollen Umgang mit den Weltmeeren anerkannt wird. Nun steht die Auswertung der gesammelten Daten an. Mehrere Jahre wird es dauern, bis sie gesichtet, interpretiert und veröffentlicht sind. Doch Rex ruht nicht aus. Den sportlichen Eisfanatiker hält es nicht am Schreibtisch. Wenn in Potsdam – was immer seltener vorkommt – der Winter kalt genug wird, genießt er lange Schlittschuhfahrten auf der Havel. Oder er erkundet die Natur gemeinsam mit seiner Frau und seinen Söhnen. „Auf Wanderungen lachen sie immer über mich, weil ich an unbekannten Kreuzungen verlässlich den Weg nach oben wähle“, erzählt Rex. „Und wenn es keinen Weg nach oben gibt, suche ich mir meinen eigenen.“ Der Abenteurer. Oft sucht er während eines laufenden Projekts schon die nächste Herausforderung. Für dieses Jahr hat er jedoch erstmal ein Ziel: Weihnachten zum ersten Mal seit zwei Jahren mit seiner Familie zu verbringen.

Die MOSAiC-Expedition

Während der MOSAiC-Expedition erforschten Wissenschaftler aus 20 Nationen die Arktis im Jahresverlauf. Von September 2019 bis Oktober 2020 driftete der deutsche Eisbrecher „Polarstern“ eingefroren im Eis durch das Nordpolarmeer. MOSAiC wurde unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) realisiert. Damit dieses einzigartige Projekt gelang, arbeiteten über 80 Forschungsinstitute zusammen.

Kamerateams der UFA dokumentierten die Expedition von Beginn an. Am 16. November wird der Dokumentarfilm „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt.

Informationen zur MOSAiC-Expedition auf der AWI-Website

29.10.2020 , Ulrike Schneeweiß

Leserkommentare

Kommentar hinzufügen

Ihr Kommentar wird nach dem Absenden durch unsere Redaktion geprüft und dann freigegeben, wir bitten um etwas Geduld. Bitte beachten Sie auch unsere Kommentarregeln.

Your comment will be checked by our editors after sending and then released, we ask you for a little patience.

No comments found!
Druck-Version