Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit nehmen zu (Bild: shutterstock).

Da liegt was in der Luft

Wie stark sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt, wird immer deutlicher: Pollen fliegen schon im Januar, die Hitze schlägt auf den Kreislauf und vormals exotische Erreger werden in europäischen Breiten heimisch. Medizinforscher halten dieses Thema für eine der größten Herausforderungen ihrer Disziplin im 21. Jahrhundert. Ein Blick hinter die Labortüren.

Es war ein Tag im Januar 2013, daran erinnert sich Claudia Traidl-Hoffmann noch genau: Die Spezialistin für Allergien hatte gerade ihre neue Stelle am Klinikum in Augsburg angetreten, als ein Patient mit starkem Heuschnupfen in ihre Sprechstunde kam. „Im Januar, stellen Sie sich das vor!“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, „da fliegen normalerweise gar keine Pollen.“ Kurz darauf kam ein weiterer Patient mit den gleichen Symptomen, dann der nächste – und schnell wurde der Medizinerin klar, dass sie gerade Zeugin eines ungewöhnlichen Phänomens wird.

Es war der erste direkte Kontakt mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels für Claudia Traidl-Hoffmann, die neben ihrer klinischen Tätigkeit am Helmholtz Zentrum München forscht. Nach und nach stieß sie in ihrer Sprechstunde auf weitere Indizien, wenn sie etwa im März Borreliose-Patienten nach Zeckenstichen behandelte. „Und es war nicht nur in diesem einen Jahr so“, sagt sie heute, „ich habe diese Fälle seitdem in jedem Jahr.“ 

Als Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bekommt sie am unmittelbarsten mit, wie der Klimawandel nicht nur die Natur verändert, sondern auch die menschliche Gesundheit. Es geht nicht nur um Fälle von schweren Allergien, sondern auch um Herzinfarkte, Kreislaufprobleme und neuartige Infektionskrankheiten; eine gewaltige Welle von Problemen rollt auf die Medizin zu. Claudia Traidl-Hoffmann redet ruhig und wägt sorgfältig ihre Worte, aber wenn sie über den Klimawandel spricht, platzt es aus ihr heraus: „Die Effekte sind dramatisch“, sagt sie, „wir reden hier von der größten Herausforderung für die Medizin in den nächsten Jahrzehnten.“

Der Klimawandel und die Gesundheit: Am Anfang sei die medizinische Forschung auf diesem Feld noch ein exotisches Thema gewesen, sagen Wissenschaftler aus diesem Bereich, aber inzwischen gewinne sie eine immer größere Bedeutung. Seit 2009 fasst „The Lancet“, eines der renommiertesten medizinischen Journale, in einer jährlichen Erhebung zusammen, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt. Eine nüchterne Analyse ist es, aber auch hier zogen die Autoren bei der jüngsten Ausgabe im Jahr 2020 eine alarmierende Bilanz. „Für jedes der beobachteten Symptome des Klimawandels am Menschen zeichnen sich besorgniserregende und sich häufig beschleunigende Trends ab“, heißt es dort. Die jüngsten Zahlen stellten dabei den beunruhigendsten Ausblick seit Beginn der Erhebungen dar. Die zusammengestellten Zahlen lesen sich wie ein statistischer Blick auf eine heranziehende Katastrophe: In den vergangenen 20 Jahren habe weltweit die Zahl der Senioren, die in Zusammenhang mit  Hitzewellen verstorben sind, um rund 54 Prozent zugenommen – und die Zahl der Hitzewellen erreiche mit jedem Jahr einen neuen Höchststand. Oder, ein anderes Beispiel aus der düsteren Analyse: Wenn Naturkatastrophen und Dürrephasen zunehmen, kann das in den betroffenen Regionen die Ernten vernichten – mit dramatischen Auswirkungen wie Hungersnöten und Mangelernährung.

Fünf Handlungsfelder benennen die Experten von „The Lancet“, in denen sich die Klimawandelfolgen auf die Gesundheit auswirken: 

  1. Hitze
  2. Extremwetterereignisse
  3. klimasensible Infektionskrankheiten
  4. Ernährungssicherheit
  5. Migrationsbewegungen aufgrund von unbewohnbar gewordenen Landstrichen

„Man kann die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels grob in direkte und indirekte Effekte unterteilen“, erläutert Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann: Wenn Herz-Kreislauf-Erkrankungen wegen steigender Temperaturen zunehmen, sind das direkte Folgen des Klimawandels. Und wenn sich neue Erreger in Europa ausbreiten, die bislang hier nicht heimisch waren, sind das indirekte Folgen. „Eines der prominentesten Beispiele ist Malaria“, sagt sie: „Die Mücken, die die Krankheit übertragen können, gibt es in Europa inzwischen schon. Nur sind die Erreger selbst Gott sei Dank noch nicht hier.“ Oder, anderes Beispiel: Patienten mit Heuschnupfen sind nicht nur viel länger mit fliegenden Pollen konfrontiert, weil der Winter kürzer wird – sie müssen auch mit aggressiveren Pollen von Pflanzen klarkommen, die früher hierzulande nicht heimisch waren.

Wie dramatisch die Auswirkungen des Klimawandels sein können, zeigte sich an einem Novembertag vor fünf Jahren in Melbourne: Ein Gewitter ging über der australischen Stadt nieder – und kurz darauf wurden so viele Patienten mit akuten Atemproblemen in die Krankenhäuser eingeliefert, dass das Versorgungssystem kollabierte. Mindestens neun Patienten starben. Wissenschaftler kamen nach diesem Vorfall einem Phänomen auf die Spur, das sie „Thunderstorm-Asthma“ nannten: Wenn sich Gewitter bilden, werden Pollen von den Luftströmungen in die Wolken gezogen, saugen sich mit Wasser voll und bersten. Dabei setzen sie feine Partikel frei, die ungefiltert bis in die menschliche Lunge vordringen und schwere Asthmaanfälle auslösen können. Inzwischen gab es mehrere ähnliche Vorfälle. „Wenn Extremwetterereignisse zunehmen, kommt es häufiger zu Thunderstorm-Asthma“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, an deren Institut eine Arbeitsgruppe dazu forscht. Eines der langfristigen Ziele ist eine Warn-App: Wenn starker Pollenflug mit einem vorhergesagten Gewitter zusammenfällt, sollen Risikogruppen rechtzeitig informiert werden – und sicherheitshalber zu Hause bleiben.

Die Beispiele zeigen, warum der Klimawandel für die Gesundheitsforschung so eine gewaltige Herausforderung bedeutet: Probleme tauchen auf allen möglichen Gebieten auf; selbst auf Feldern, wo sie niemand erwartet hätte. Warum etwa führen höhere Temperaturen nicht nur zu steigendem Blutdruck, sondern auch zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel? Diese Fragen auf molekularer Ebene zu enträtseln ist eine der großen Aufgaben. Erste Indizien dafür werden auch am DZNE in Bonn gesammelt, dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. Zum Beispiel bei der Rheinland Studie, einer der weltweit detailliertesten Bevölkerungsstudien: Rund 20.000 Probanden sollen über mehrere Jahrzehnte hinweg mit regelmäßigen medizinischen Untersuchungen begleitet werden. „Wenn es Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit gibt“, sagt Monique Breteler, die Leiterin der Studie, „dann müssten sie sich in physiologischen Änderungen im Körper niederschlagen. Und nach genau denen suchen wir.“ Seit einiger Zeit korrelieren die Forscher dazu die erhobenen Daten ihrer Probanden mit meteorologischen Informa-tionen: Wie etwa war die Temperatur, wie die Luftfeuchtigkeit? „Die aggregierten Daten, die dabei herauskommen, sind fein genug, um signi-fikante Unterschiede zu erfassen“, sagt die Neuroepidemiologin zu der Untersuchungsmethode. Und: „Wir nehmen ja ohnehin viele Messungen zum physiologischen Zustand vor. Da geht es nicht nur um Blutdruck oder Herz-frequenz, sondern wir schauen uns auch das Blut der Probanden genau an.“

An der Stelle wird es für die Wissenschaftler besonders spannend: „Fast alle Prozesse, die im Körper ablaufen, spiegeln sich in den Molekülen im Blut wider. Wir schauen uns also Tausende dieser kleinen Moleküle an und suchen nach Mustern.“ Eine Schlüsselrolle könnten dabei die sogenannten Metaboliten spielen – Zwischenprodukte, die bei Stoffwechselprozessen entstehen. Die Nachwuchsforscherin Annabell Coors untersucht die Metaboliten derzeit in ihrer Promotion; es ist die erste konkrete Forschungsarbeit, die in den Daten der Rheinland Studie nach einer Verbindung zum Klimawandel sucht. „Dass veränderte Temperaturen sich auf das Immunsystem auswirken, wurde bereits gezeigt. Aber wie sie sich auf die Metabolitprofile auswirken, ist noch ungeklärt“, sagt Annabell Coors.

Und noch ein Aspekt ist extrem wichtig, das betonen alle Gesundheitsforscher: Die Auswirkungen des Klimawandels müssten integraler Teil der Aus-, Weiter- und Fortbildung für alle Gesundheitsberufe sein, fordern sie. Das ist eine der Baustellen von Martin Herrmann. Der Münchner Mediziner ist Vorsitzender der Deutschen Allianz Klima-wandel und Gesundheit (KLUG) und damit Teil einer schnell wachsenden internationalen Bewegung, die immer stärker wird. „Planetary Health“ heißt sie, in ihr sind vor allem Vertreter aus Gesundheitsberufen versammelt. „Lange Zeit hat das Gesundheitsthema im Klimadiskurs vollständig gefehlt“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Und umgekehrt auch das Klimathema im Gesundheitsumfeld.“

Seine Initiative von engagierten Ärzten hat dazu beigetragen, das zu ändern. Martin Herrmann zeigt gern die Fotos einer außergewöhnlichen Aktion: Auf dem Ärztetag vor zwei Jahren stellte er sich mit ein paar Dutzend Mitstreitern auf den Weg in den Veranstaltungssaal – gekleidet in weiße Arztkittel, in der Mitte eine Notfallliege mit einer Erdkugel als lädiertem Patienten darauf, dazu auffällige Transparente. Beim nächsten Ärztetag, der 2020 wegen Corona abgesagt wurde und im Mai als Onlineformat nachgeholt werden soll, wird es neben der Pandemie stark um den Klimawandel gehen.
Der nächste Schritt ist es jetzt, angehende Gesundheitsexperten gut auf die Herausforderungen vorzubereiten. Die KLUG-Initiative arbeitet deshalb mit vielen Hochschulen, aber auch Ärztekammern und Fachgesellschaften zusammen, um den Klimawandel im Curriculum für angehende Ärzte und Pflegekräfte zu verankern. Wenn der Planet ein Patient ist, weil er durch den Menschen zunehmend unbewohnbar gemacht wird – dieses Bild verwenden Martin Herrmann und seine Mitstreiter gern –, dann wird die Gesundheit der Menschen darunter leiden. Jetzt müsse man deshalb erstens die Symptome behandeln und zweitens die Ursache der Krankheit bekämpfen. Gerade auch beim Engagement gegen den Klimawandel, sagt Martin Herrmann, könnten Ärzte mit ihrer Glaubwürdigkeit eine große Rolle spielen. „Die Leute sehen ja jetzt auch schon, dass es beim Klimawandel nicht nur um irgendwelche Eisbären auf fernen Kontinenten geht, sondern auch ganz konkret um die eigene Großmutter, deren Kreislauf in der Hitzewelle kollabiert.“

Das Selbstverständnis von Medizinern, sagt Martin Herrmann, sei jetzt gefragt wie nie: „Ein guter Arzt muss den Fall analysieren, ruhig bleiben und dann mutig handeln. Und wenn sich das Problem nicht sofort lösen lässt, bleibt er dran.“ Und wo, wenn nicht beim Kampf gegen den Klimawandel, könnte man genau diese Tugenden brauchen?

Helmholtz-Klima-Initiative

In der Helmholtz-Klima-Initiative forschen Wissenschaftler:innen aus 15 Helmholtz-Zentren seit Juli 2019 interdisziplinär an systemischen Lösungen für eines der größten gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit: den Klimawandel.

In einem eigens geschaffenen Kommunikations-Cluster sollen nicht nur die Projektergebnisse präsentiert werden. Es geht auch darum, den aktuellen Forschungsstand zu Klimathemen zusammenzustellen und dazu in einen aktiven Dialog mit Interessierten zu treten. Dazu vernetzt sich die Helmholtz-Klima-Initiative mit weiteren Projekten der Klimaforschung innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft sowie mit zahlreichen weiteren Partnern. Factsheets, Artikel oder Hintergrundpapiere entstehen beispielsweise gemeinsam mit der Deutschen IPCC-Koordinierungsstelle, dem Deutschen Klima-Konsortium oder klimafakten.de.

Weitere Details unter: www.helmholtz-klima.de

14.07.2021 , Kilian Kirchgeßner
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