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Helmholtz Perspektiven Juli 2016

20 Helmholtz Perspektiven Juli – August 2016 FORSCHUNG hockend – so zeigen historische Aufnahmen Lilien- thals Flüge. Der Luft- und Raumfahrt-Ingenieur Schnepf, hat das selbst ausprobiert: Immer wieder saß er in dem rund 10.000 Euro teuren Nachbau. Nicht nur sein Wissen um Aerodynamik machte den Forscher zu einem geeigneten Kandidaten für die Mitarbeit am Experiment. Mit seinen 1,83 Metern Körpergröße und einem Gewicht von 87 Kilogramm hat er ähnliche Maße wie Lilienthal. Nur war der bei seinen letzten Experimenten in den Rhinower Bergen in Brandenburg 48 Jahre alt. Auch das ringt Schnepf Respekt ab: „Ich bin jetzt 35 und fand, es war eine enorme körperliche Belastung“, sagt Schnepf: „Es ist wie im Geräte- turnen am Reck – nur viel schwieriger, weil man viel länger drin hängen muss“, erklärt er. Die Herstellung des fragilen Flugapparates war eine Fleißarbeit. Die Erbauer Bernd Lukasch und Ingolf Legat vom Lilienthal-Museum in Anklam, dem Geburtsort des Wissenschaftlers, mussten dabei immer wieder improvisieren. So standen während des Baubeginns im Winter keine biegsamen Weidenzweige zur Verfügung, wie Lilienthal sie für das Original verwendet hatte. Also griffen sie stattdessen auf tropisches Abachi- holz zurück. Für die textile Flügelbespannung lie- ßen sie die Probe eines noch erhaltenen Lilienthal- Seglers untersuchen. Rund 20 Quadratmeter misst der dichte, aber leichte Stoff, den Lilienthal damals verwendet hatte. Shirting heißt die alte Gewebeart, die üblicherweise als Hemdenstoff dient. Eine Spezialweberei aus Nordhessen produzierte ihn für die Flugzeug-Replik nach. Die Forscher schafften den Gleiter mit einer Spannweite von 6,70 Metern zur Analyse in einen der größten Windkanäle Europas im nieder- ländischen Marknesse, der für Modelle von bis zu fast zehn Metern ausgelegt ist. Die an den Achsen anliegenden Kräfte, den Auftrieb und auch Dreh- momente konnten sie dort mit einem Messarm und Computer errechnen, um die Stabilität des Fliegers verlässlich zu beziffern. Ihr Ergebnis: Lilienthals Gleiter war in allen drei Achsen eigenstabil – so heißt es im Piloten- jargon, wenn sich der Gleiter immer wieder selbst in eine stabile Flugposition bringt, sobald er abgelenkt wird. Diese Eigenschaft besitzen alle modernen Flugzeuge. Lilienthals Gleiter, so die DLR-Forscher, entsprach in seinen Flug- Eigenschaften den Schul-Segelflugzeugen aus den 1920er und 1930er Jahren – die es erst mehr als ein Vierteljahrhundert später gab. Damit hat der Nachbau die erstaunlich guten Konstruktionsfähigkeiten des ambitionierten Flie- gers Lilienthal gezeigt, die Bernd Lukasch ihm zu- sätzlich zu seiner Erfahrung in etwa 2000 Flügen zuspricht. Doch der Gleiter ist ebenso ein exakter Prüfmaßstab für die Aussagen des Erfinders. So ermittelten die Aerodynamiker des DLR unter anderem, dass Lilienthal mit bis zu 50 Kilometern pro Stunde unterwegs war und Entfernungen von 250 Metern im Segler zurücklegte. Neun Exemplare seines Fliegers hat der geschäftstüchtige Lilienthal samt Flugstunden bereits am Ende des 19. Jahrhunderts verkauft. Vier sind in Museen bis heute erhalten, aber im Gegensatz zu ihnen ist die jetzt gebaute Replik flugfähig — theoretisch zumindest. „Ich kann Schwerpunktversuche DLR-Mitarbeiter Christian Schnepf testete die Manövrierfähigkeit des nachgebauten Fluggeräts. Bild: JanVetter.com/ DLR (CC-BY 3.0)

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