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Helmholtz Perspektiven 021_4

33 Helmholtz Perspektiven März – April 2014 HELMHOLTZ INTERN Science und Fiction zwischen Leipzig und London Eine fesselnde Erzählung kann Annelie Wendeberg selbst aus ihrer Toilette machen: Wie sie auf den Ämtern dafür kämpfte, dass sie in ihrem alten Haus eine Komposttoilette einbauen darf statt eines klassischen WCs, wie sie neun Monate lang mit den Behörden stritt und schließlich die einzige Genehmigung für ein solches Trockenklo im ganzen Landkreis Leipzig bekam – das ist eine Geschichte, die viel über die Autorin verrät; über ihren Kampfgeist, ihren Enthusiasmus für den Umweltschutz und über ihr Talent, selbst den Alltag mitreißend zu schildern. Annelie Wendeberg sitzt in einem Café. Während sie er- zählt, packt sie immer wieder ihr langes, dunkelbraunes Haar in beide Hände, knotet es hinter dem Kopf zusammen und lässt es wie eine Welle über ihre Schultern fallen. Hier in Leipzig ist ihre Welt: Die Umweltmikrobiologin pendelt zwischen ihrem Arbeits- platz am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und ih- rem etwa 500 Jahre alten Haus eine halbe Stunde vor den Toren der Stadt, das sie gerade von Grund auf saniert. Eingezogen ist sie schon längst, zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn, ihrer vierjährigen Tochter und ihrem schwedischen Ehemann – und mit Anna Kronberg. So hat sie die Frau genannt, die im vikto- rianischen London lebt und an der Seite von Sherlock Holmes mysteriöse Morde aufklärt. Anna Kronberg ist die Heldin in den Romanen, die Annelie Wendeberg schreibt, und inzwischen ist sie auch so etwas wie eine Mitbewohnerin geworden auf der Baustelle, in der abends die Krimis entstehen. „Ich schreibe fiktive Literatur, gewürzt mit wissenschaft- lichen Fakten. Das fühlte sich für mich genau richtig an“, sagt Wendeberg mit ihrem ausgeprägten Berliner Dialekt. Eigentlich könnte die 40-Jährige ganz ihrer Arbeit als Nachwuchsgrup- penleiterin am UFZ nachgehen und im Forschungszentrum die Karriereleiter weiter hinaufklettern. Eigentlich. Doch die leidenschaftliche Forscherin, die noch vor zwei Jahren regelmä- ßig in sächsischen Böden buddelte und weiterhin herausfinden möchte, wie Mikroorganismen Grundwasser möglichst schnell von Petroleum reinigen können, ist Krimis verfallen: Sie will Morde aufklären, Verdächtige verhaften und sich zusammen mit ihrer Heldin Anna Kronberg in Londons Kanalisation herumtrei- ben. Sie will Wissenschaftlerin sein, aber eben auch Autorin. Dass sie ihre Arbeit am UFZ gern hat, daran lässt Annelie Wen- deberg keinen Zweifel. Zu Forschungsvorhaben vor Ort kommt sie in ihrer Position inzwischen allerdings kaum noch. Deshalb habe sie einen Ausgleich gesucht – und schnell gefunden. „Eines Morgens“, erzählt sie, „habe ich die Augen aufgeschlagen und zu meinem Mann gesagt: ‚Ich schreibe jetzt ein Buch’.“ Dass es kein wissenschaftlicher Aufsatz sein sollte, war für sie gleich klar. „Als Forscher musst du durch diese Maschinerie des Publizierens. Wenn ich über meine Arbeit schreibe, ist das eine herausfordern- de und ehrenvolle Aufgabe, aber eben doch kein Spaß“, sagt sie. „Denken Sie nur an die wissenschaftlichen Vorgaben und den Veröffentlichungsdruck.“ Also lieber die Flucht ins viktorianische London. Genau neun Monate, erinnert sich Wendeberg, habe es gedauert vom Aufwachen an jenem Morgen bis zur Publikation ihres ersten Buches. Entstanden ist es in ihrem historischen Haus in Leipzig, stundenlang saß sie dort nach der Arbeit am Schreibtisch. „Sobald mein Mann den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest, tauche ich in den Londoner Untergrund ab und schreibe“, sagt sie. Und was fasziniert sie gerade an der viktorianischen Zeit? „Das Leben damals in der aufkommenden Industrialisierung war gekenn- zeichnet von Dreck, Armut und Krankheit. Es gab viele Tote wegen der miserablen hygienischen Bedingungen.“ Annelie Wendeberg beugt sich vor. „Also, ich möchte damals nicht gelebt haben“, flüs- tert sie. Immerhin aber waren es Jahre, in denen Wissenschaft vor einer ungeahnten Blüte stand. Die Forscher nahmen den Kampf auf gegen die Übel ihrer Zeit. Und noch ein Motiv gibt es, das Wen- deberg ins viktorianische London führt: „Damals fingen die Frauen ganz zaghaft an, sich öffentlich für die Welt zu interessieren. Die Emanzipation war zu dieser Zeit erst eine zarte Knospe.“ Anna Kronberg, ihre Titelheldin aus dem Buch „Teufelsgrin- sen“, versucht sich in der männlich dominierten Welt auf ihre Weise zu behaupten: Sie ist Ärztin, eine Koryphäe der Bakteriolo- gie. Studium, Promotion und Karriere gelingen ihr allerdings nur, weil sie sich als Mann ausgibt. Geschieht ein Mord, verschanzt sie sich in ihrem Labor, um den Fall zu lösen – natürlich mit den Waffen der Wissenschaft. So ganz lässt ihr Hauptberuf die Autorin Annelie Wendeberg also beim Schreiben doch nicht los.   Janine Tychsen Die Umweltmikrobiologin Annelie Wendeberg leitet eine Forschungsgruppe – und steigt nach Feierabend hinab in die Londoner Unterwelt. Dort spielen ihre Kriminal­romane, die innerhalb kürzester Zeit zum Geheimtipp geworden sind

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