Horizon Europe

Weichenstellung für Europas Forschung

Die Europäische Kommission hat den Vorschlag für das nächste EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation "Horizon Europe" Anfang Juni vorgestellt. Bild: Pixabay / CC0

Die EU-Kommission hat den Vorschlag für das nächste EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation "Horizon Europe" vorgestellt. Es soll die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft Europas in den Jahren 2021-2027 gewährleisten. Ein Kommentar aus dem Helmholtz-Büro Brüssel

Es ist eine entscheidende Phase in der EU-Forschungspolitik. Es geht um die Schwerpunkte und ums Geld – und letztlich darum, welche Weichen für die europäische Forschung ab 2021 gestellt werden. Anfang Mai schon hatte die Europäische Kommission den Haushaltsentwurf für die Jahre 2021-2027 präsentiert. Heute nun wurde es konkreter: Forschungskommissar Moedas hat den Vorschlag für das nächste EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation – lange unter dem Arbeitstitel "FP9" geführt und mittlerweile "Horizon Europe" getauft – vorgestellt.

Rund 94 Milliarden Euro sind nun in dem Programm für sieben Jahre vorgesehen. Diese Summe ist einerseits erfreulich, da sie trotz des Wegfalls der EU-Beiträge Großbritanniens einen Budgetzuwachs bedeuten würde. Angesichts der Erwartungen, die an das Rahmenprogramm gerichtet sind, ist das andererseits nicht viel Geld. Schließlich soll das Programm die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft Europas gewährleisten – eine immense Aufgabe. Helmholtz spricht sich daher (wie auch das Europäische Parlament) für ein Budget von 120 Milliarden Euro aus, die Lamy-Gruppe hatte sogar 160 Milliarden Euro empfohlen. Die vielen exzellenten Projektideen, die zurzeit nicht gefördert werden können, zeigen, dass noch viel Potential brachliegt. In den Verhandlungen mit den EU-Staaten wird es wohl trotzdem schwierig genug werden, den Vorschlag der Kommission zu halten.

"FP9" beschäftigt die EU-Institutionen und die forschungspolitischen Interessenvertreter in Brüssel schon seit etwa ein bis zwei Jahren. Große Überraschungen gab es nun wenige, nur die Budgetverteilung macht teils eine unerfreuliche Ausnahme: Der Anteil der Förderung für Forschungsinfrastrukturen wurde deutlich gekürzt. Das zeigt eine Kurzsichtigkeit, die verblüfft: Europäische Forschungsförderung ist dort besonders wirksam, wo man gemeinsam stärker ist, und dafür gibt es kaum bessere Beispiele als die Zusammenarbeit bei den großen Messstationen, Forschungsschiffen, Superlasern etc., die Europa braucht, um die besten Forscherinnen und Forscher zu halten. Es ist für die Effizienz der europäischen Forschungslandschaft essentiell, die Abstimmung hierzu und den Zugang der Forschenden zu einzigartigen Geräten auch über die Ländergrenzen hinweg zu unterstützen. Erstaunlich, dass dies immer wieder in Vergessenheit gerät.

Ansonsten bietet das Programm viel positive Kontinuität. Eine interessante Neuerung gegenüber dem aktuellen Rahmenprogramm "Horizon 2020": Einige große Herausforderungen sollen als "Missionen" bearbeitet werden, innovativ und mit unterschiedlichsten Partnern. Das soll Forschung auch für die Bürgerinnen und Bürger greifbarer machen. Und das hat Potenzial. Doch kaum ist der Vorschlag auf dem Tisch, wird schon überlegt, ob nicht ein ganz anderes Instrument – nämlich die FET Flagships, bei denen es um die Entwicklung zukünftiger Technologien geht – als "Missionen" weitergeführt werden könnten. Das ist jedoch weder für die Idee der Missionen hilfreich noch für die Zielsetzung der FET Flagships, für deren nächste Generation im Moment Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa sehr vielversprechende Themen-Vorschläge vorbereiten. Trennschärfe und Konsistenz bitte!

Wichtig wäre auch, dass in "Horizon Europe" wieder ein stärkerer Fokus auf Kooperation im Bereich der Grundlagenforschung gelingt. Wenn mehrere Partner aus mehreren EU-Staaten gemeinsam ein Thema bearbeiten und sich dabei in ihren Kompetenzen und ihrem Vorwissen ergänzen, dann liegt hierin echter europäischer Mehrwert. Manche Herausforderungen lassen sich eben nur gemeinsam bewältigen. Es bleibt zu befürchten, dass die langfristige gemeinsame Forschung durch Projekte zurückgedrängt wird, die auf schnelle Umsetzung zielen. Auch diese Projekte sind wichtig, keine Frage – aber wenn man sich zu stark auf sie konzentriert, bleibt die langfristige Wettbewerbsfähigkeit auf der Strecke.

Und jetzt? Bis zum Start von "Horizon Europe" im Jahr 2021 ist vermeintlich noch viel Zeit, doch bereits im nächsten Mai 2019 sind Europawahlen. Ziel von Kommission und Parlament ist es, bis dahin mit dem Rat als Vertreter der EU-Mitgliedstaaten eine grundsätzliche Einigung über das Programm erreicht zu haben. Es gibt gute Gründe dafür, aber ein einfaches Unterfangen ist es nicht. Man kann den Verhandlungsparteien nur viel Geschick dafür wünschen, ein zukunftsgerichtetes Budget für Forschung zu vereinbaren und es dort zu investieren, wo es besonders gut angelegt ist – nämlich dort, wo wir gemeinsam stärker sind.

08.06.2018 , Ein Kommentar von Annika Thies, Leiterin des Helmholtz-Büros Brüssel
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