Bild: Helmholtz/Gesine Born

„Unser Wissenschaftssystem liefert”

In Berlin beginnen die Sondierungsgespräche zur Bildung einer neuen Bundesregierung. Im Gespräch erläutert Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, was sich jetzt für die Wissenschaft ändert.

Herr Wiestler, in Berlin laufen die Sondierungsgespräche an, in absehbarer Zeit wird sich eine neue Bundesregierung formieren. Was bedeutet solch ein Regierungswechsel für eine Institution wie Helmholtz?

Zunächst einmal hat er keine unmittelbare Auswirkung. Und das meine ich durchweg positiv. Wir arbeiten unabhängig und erhalten parteiübergreifend große Unterstützung für unsere Forschung. Und die großen Herausforderungen, die wir als Gesellschaft, also auch als Politik und Forschung, gemeinsam werden angehen müssen, sind klar: Der Kampf gegen den Klimawandel, die Digitalisierung, eine innovative Gesundheitsforschung oder das Streben nach einer nachhaltigeren Zukunft. Aber natürlich bin ich gespannt darauf, mit wem wir künftig über die wichtigen wissenschaftspolitischen Fragen der Zukunft debattieren.

Verhandelt wird über verschiedene Koalitionsmodelle – Ampel, Jamaika, GroKo. Favorisieren Sie eine Variante, weil Sie sich von ihr die meisten Fortschritte im Wissenschaftsbetrieb erhoffen?

Es steht uns nicht zu, eine Koalition zu favorisieren. Alle Parteien, die dafür in Frage kommen, erkennen die Bedeutung der Wissenschaft für den Fortschritt an, sei er wissenschaftlich, wirtschaftlich oder gesellschaftlich motiviert. Das wurde ja auch während der Corona-Pandemie deutlich. Und das gilt auch für den Klimawandel und viele andere Herausforderungen. Wir sind uns mit der Politik einig: Es geht darum den Transfer unseres Wissens in die Breite zu optimieren, unsere Kräfte zu bündeln und unsere Spitzenforschung fit zu machen für die Zukunft. Nur so bleibt Deutschland ein Wissenschaftsstandort, der weltweit anerkannt ist, der hoch attraktiv für Talente aus aller Welt bleibt und dem regelmäßig maßgebliche Beiträge zur Lösung drängender Fragen gelingen.

Was sind dafür in Ihren Augen die wichtigsten wissenschaftspolitischen Schritte, die die neue Regierung gehen muss?

Bei allem Bedarf für neue Akzente muss man zunächst festhalten: Wir haben bereits ein starkes Wissenschaftssystem. Das liegt auch daran, dass die Politik hier seit Jahren einen Schwerpunkt setzt. Wenn das so fortgeführt wird, woran ich keinen Zweifel habe, dann sind wir sehr gut aufgestellt. Auf verschiedenen Feldern muss es allerdings eine Weiterentwicklung unseres Systems geben. Wir müssen zum Beispiel fit werden für das Zeitalter der Digitalisierung, da sind wir deutlich zurückgefallen.

Sie fordern also eine noch stärkere Digitalisierung der Wissenschaft?

Ja. Wir brauchen da jetzt, wie die gesamte Gesellschaft, einen deutlichen Schub. Durch moderne digitale Ansätze können wir unseren Wissensschatz enorm erweitern. Um aus den Daten neue Erkenntnisse zu generieren, benötigen wir einerseits starke Rechenzentren mit leistungsfähigen Supercomputern und andererseits ein breites Angebot digitaler Dienste für alle Forschungsfelder.

Was meinen Sie damit?

Es wird nicht ausreichen, einfach nur mehr Geld und Personal in die Forschung an neuen Methoden wie Künstliche Intelligenz zu investieren. Wir müssen diese Methoden vielmehr in die Anwendung bringen, und zwar in der Breite der Forschung. Denn Daten fallen überall an, nehmen Sie nur die Ergebnisse von Großexpeditionen wie MOSAiC oder denken Sie an die enormen Datenmengen, die für die Analyse und Auswertung intelligenter Mobilitätssysteme oder umfangreicher Gesundheitsdaten benötigt werden. Die Forscher:innen, die an innovativen Lösungen auf diesen Gebieten arbeiten, benötigen Zugang zu den besten neuen digitalen Methoden. Und sie müssen stärker in den Austausch mit den Informations- und Datenwissenschaften kommen. Dafür benötigen wir gemeinsame Forschung zwischen den Disziplinen: regelmäßigen Austausch, miteinander verschränkte Ausbildungswege und nicht zuletzt Methoden-Plattformen.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft davon, wenn sich die Wissenschaft so stark digitalisiert – abgesehen von den neuen Erkenntnissen?

Es ist ja nicht so, dass wir einfach nur existierende digitale Methoden aufgreifen und dann anwenden. Wir entwickeln sie im Forschungsprozess auch kontinuierlich weiter. Ob nun neue Rechnertechnologien, Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz oder ganz neue Gebiete wie Quantencomputing – es entstehen grundlegend neue Lösungen. Wenn es uns gelingt, diese in andere Anwendungsbereiche zu transferieren, beispielsweise in die Wirtschaft, dann machen wir wichtige Schritte hin zu einer stärkeren technologischen Souveränität Europas.

Sie sprechen indirekt die internationale Konkurrenz an. Muss sich der Forschungsstandort auch strukturell ändern, um konkurrieren zu können?

Wir haben eine günstige Ausgangssituation, die wir konsequent weiterentwickeln müssen. Zum Beispiel ist der Wunsch nach einem deutschen Harvard, einem deutschen Oxford sehr alt. Meines Erachtens ist er aber so nicht erfüllbar. Wir benötigen dringend regionale wissenschaftliche Leuchttürme, die auf ausgewählten Gebieten die besten, kreativsten Köpfe anziehen. Allerdings denke ich, dass wir dafür einen eigenen Weg gehen müssen.

Wie sieht dieser Weg Ihrer Meinung nach aus?

Er baut auf den Stärken unseres Wissenschaftssystems auf, anstatt andere Systeme kopieren zu wollen. Deutschlands Wissenschaft zeichnet sich durch ein hohes Maß verteilter Exzellenz aus. Sie ist an unterschiedlichen Orten und in vielen verschiedenen Institutionen zuhause.

Widerspricht das dann nicht dem Leuchtturmcharakter?

Nein. Es gibt ja regionale Schwerpunkte, die hohe Exzellenz besitzen. Denken Sie beispielsweise an die mRNA-Technologie in Mainz, die Biodiversitätsforschung in Leipzig oder die Quantentechnologie in Jülich und München. Es gibt Dutzende solcher Beispiele. Die Zusammenarbeit innerhalb der Wissenschaft aber auch mit der Wirtschaft ist bereits gut. Wenn es uns gelingt, diese in regionalen Clustern konsequent weiter zu verstärken und klare Profile zu bilden, die wir dann auch nach außen selbstbewusst vertreten, dann können wir zahlreiche Spitzenstandorte von Weltrang etablieren. Auf ausgesuchten Forschungsfeldern und aufbauend auf bereits vorhandenen Stärken. Das ist sinnvoller und günstiger als ein deutsches Harvard an einem Ort.

Stichwort Klimawandel und das fortschreitende Artensterben: Der Kampf dagegen wird eine gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahrzehnte sein. Was kann Forschung dazu beitragen?

Ich glaube, wir müssen ganzheitlich eine nachhaltigere Zukunft anstreben. Es geht um die Schonung von Klima, es geht um den Schutz der Arten, es geht aber auch um eine andere Art des Umgangs mit Ressourcen. Dabei sollten wir den dramatischen Klimawandel auch als eine Chance sehen, ein hoch innovatives und nachhaltiges Energie-, Mobilitäts- oder Gesundheitssystem zu entwickeln. Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen muss das alles überspannende Leitmotiv sein. Und da kann die Nachhaltigkeitsforschung viele Lösungen aufzeigen, sie sollte deshalb deutlich gestärkt werden. Gleichzeitig müssen wir uns als Forschungseinrichtung aber auch selbst hinterfragen. Wo können wir nachhaltiger werden?

Und, wo können Sie, wo kann Helmholtz nachhaltiger werden?

Beispielsweise bei unseren großen Forschungsinfrastrukturen. Sie sind wichtige Kristallisationspunkte für Spitzenforschung im internationalen Kontext. Gleichzeitig benötigen sie aber fast alle viel Energie. Denken Sie an Teilchenbeschleuniger, Rechenzentren oder Forschungsschiffe. Erneuern wir sie im Sinne der Nachhaltigkeitsziele, könnten wir viel erreichen. Gleichzeitig könnten wir dabei neue Technologien erproben und innovative Unternehmen durch Aufträge und Technologietransfer stärken. Wir werben deshalb bei der Politik dafür, kräftig in den ressourcenschonenden Umbau von Forschungsinfrastrukturen und Forschungscampi zu investieren. Weil es gut für eine nachhaltige Zukunft ist, aber auch, weil es den Wissenschaftsstandort stärkt.

Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Profilbildung. Das klingt nach viel Arbeit. Fehlt noch etwas?

Wir haben noch nicht über Corona gesprochen. In der Pandemie hat die Gesundheitsforschung eindrucksvoll gezeigt, zu welchen Leistungen sie fähig ist. Darauf müssen wir aufbauen und uns auf kommende Pandemien vorbereiten, beispielsweise indem wir eine Nationale Wirkstoffplattform aufbauen, um Erkenntnisse schneller gewinnen und Therapien möglichst effizient weiterentwickeln zu können. Die Entwicklung von hochwirksamen RNA-Impfstoffen gegen das SARS-CoV-2-Virus ist in meine Augen die größte Leistung der biomedizinischen Forschung in den vergangenen 50 Jahren. Aus dieser Erfolgsgeschichte können wir wichtige Lektionen lernen. Ohne engagierte, jahrzehntelange Grundlagenforschung auf Gebieten wie Tumorimmunologie der mRNA-Technologie wäre dieser Transfer undenkbar. Weitere wichtige Faktoren waren eine nachhaltige Unterstützung durch öffentliche und private Finanziers, Mut zur Ausgründung, frühzeitige Partnerschaft mit Pharma-Unternehmen und Zulassungsbehörden sowie brillante Forscherpersönlichkeiten mit Kreativität, Mut Neuland zu betreten und wirklichen Unternehmergeist. Wenn es uns gelingt, diesen Spirit weiter zu pflegen, kann der biomedizinische Standort Deutschland enorm profitieren. Zum Beispiel könnten wir in Zukunft viel schneller Therapeutika entwickeln. Gleichzeitig sollten aus meiner Sicht jetzt die Grundlange für eine präventive Medizin erforscht werden, unser Forschungsbereich Gesundheit ist da bereits stark unterwegs.

Das sind sehr viele Aufgaben. Bleiben Sie trotzdem dabei, dass das deutsche Wissenschaftssystem gut aufgestellt ist?

Absolut. Das sehen wir in der Pandemie, ich nenne hier zum Beispiel nur BioNTech und den Standort Mainz; das sehen wir beim Kampf gegen den Klimawandel und beispielsweise der Forschung und Entwicklung von grünem Wasserstoff. Ich könnte die Liste fortsetzen. Unser Wissenschaftssystem liefert. Das ist auch eine Folge der gezielten Investitionen und klugen Entscheidungen der Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht trotzdem beständig fragen sollten, was wir weiter verbessern müssen. Spitzenforschung lebt von brillanten Köpfen, von einem innovativen wissenschaftlichen Umfeld und von stetigem Aufbruch. Dafür sehe ich in den kommenden vier Jahren große Chancen, wenn wir alle diese Aufgaben konzentriert angehen.

08.10.2021 , Interview: Sara Arnsteiner
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